Auf Pump

BISS-Geschäftsführerin
Karin Lohr
Foto: Sascha Kletzsch

Als ich noch bei Dynamo Fahrradservice die Geschäfte führte, organisierten wir für die jungen Auszubildenden im Betrieb eine Fortbildung mit dem Schuldenpräventionsprojekt „Cashless München“. Die Stimmung war bestens, nicht nur weil in dieser Zeit nicht gearbeitet werden musste, sondern weil die Themen auf Jugendliche zugeschnitten waren und sehr unterhaltsam präsentiert wurden. Der Clou kam am Ende der Veranstaltung, als die Referentin auf das Kleingedruckte unten auf der Teilnehmerliste hinwies, die ganz zu Beginn reihum von jedem Anwesenden unterschrieben worden war. Da stand, dass die Unterschrift zur Zahlung einer Kursgebühr verpflichtete – das hatte natürlich jeder überlesen. Was in der Veranstaltung nur ein Test war, kann im Alltag dazu führen, dass jemand ins finanzielle Abseits gerät. Gerade Menschen mit wenig Lebens- und Spracherfahrung – Jugendliche, junge Erwachsene, Migranten – sind in Gefahr, finanzielle Verpflichtungen einzugehen, deren Konsequenzen sie nicht überblicken und die ihnen für ihren weiteren Lebensweg eine zu schwere Last aufbürden. Menschen, die bei BISS um Hilfe bitten, sind oft am Ende dieses Weges in einer dramatischen Situation: Ihr Bankkonto ist gesperrt, der Gerichtsvollzieher steht mit einem Pfändungsbeschluss vor der Tür, und es fehlt das Geld, um die Miete zu bezahlen. Da muss sofort gehandelt werden, denn der Verlust der Wohnung wäre katastrophal. Als Erstes gilt es, Kontakt mit dem Vermieter aufzunehmen, sowie den Menschen in Not in das bestehende Hilfesystem zu vermitteln. Dann unterstützt ihn eine Schuldnerberatungsstelle dabei, seine Finanzen zu ordnen. Dank der Spenden ist BISS in der glücklichen Lage, Menschen bei ihrem Entschuldungsprozess tatkräftig zu unterstützen, bis wirklich mit allen Gläubigern Vergleiche abgeschlossen, die Schulden endgültig bereinigt sowie Schufa-Einträge vollständig gelöscht sind. Befreit von Altlasten, braucht der ehemalige Schuldner keine Angst mehr zu haben, dass ihn seine Vergangenheit beim Wechsel des Arbeitgebers oder der Wohnung einholt. Es wäre also sinnvoll, dass man den Umgang mit Geld schon früh lernt, etwa in der Familie oder im Schulunterricht. Der Soziologe Stephan Lessenich vertritt sogar die Meinung (Seiten 20 und 21), dass wir alle auf Kosten anderer konsumieren. Um das zu ändern, müsste man darüber sprechen, was die Dinge des täglichen Lebens wirklich kosten und wer dafür bezahlt. Wenn wir Sie dazu mit diesem Heft ein wenig anregen könnten, würde uns das freuen.

Herzlichst

 

 

 

Karin Lohr, Geschäftsführerin

Bessere Zeiten

BISS-Geschäftsführerin
Karin Lohr
Foto: Sascha Kletzsch

München brummt: Die Einwohnerzahl steigt und im Großraum München leben mittlerweile 2,9 Millionen Menschen. Die Stadt ist ein attraktiver Standort für Unternehmen, der Arbeitsmarkt ist entsprechend gut, und die Arbeitslosenquote liegt bei unter fünf Prozent. Trotzdem bleibt ein „harter Kern“ von langzeitarbeitslosen Menschen, die zur Sicherung ihres Lebensunterhalts vom Jobcenter eine Grundsicherung für Arbeitssuchende („Hartz IV“) beziehen. Sie verfügen nicht über das Profil, das Arbeitgeber in der Regel fordern: eine abgeschlossene Schul- und Berufsausbildung, gute Deutsch- und IT-Kenntnisse, keine gesundheitlichen Einschränkungen, und gern sollten sie jünger als 50 Jahre und berufserfahren sein. Nun fördert die Stadt München seit Mitte der 1980er-Jahre das Münchner Beschäftigungs- und Qualifizierungsprogramm (MBQ), bei dem Menschen in einem von rund 30 sozialen Betrieben das nachholen können, was ihnen erfahrungsgemäß bei ihrem Einstieg in den Arbeitsmarkt hilft. Im besten Fall ist das ein beruflicher Abschluss, aber auch zertifizierte Teilqualifizierungen helfen weiter. Vor allem aber arbeiten und lernen die Menschen in einem betrieblichen Umfeld, in dem sie regelmäßige soziale Kontakte zu Kollegen und zu Kunden haben. Man weiß, dass das alles zusammen langfristig viel mehr bringt als beispielsweise ein zweiwöchiges Bewerbungstraining oder ein Computerkurs. Für diejenigen, die auch langfristig nur in einem geschützten Rahmen beschäftigt werden können, gäbe es einen dritten Arbeitsmarkt, wenn der erst in München richtig anlaufen würde. Den sollte der zuständige Referent zur Chefsache erklären, wie er es beim Bierpreis fürs Oktoberfest vorgemacht hat! Daher ist es ein gutes Zeichen, dass der scheidende Chef der Bundesagentur für Arbeit deutlich sagt, dass es besser ist, arbeitslosen Menschen Arbeit statt Hartz IV zu bezahlen. Sein Nachfolger, ein ausgewiesener Arbeitsmarktexperte, kündigte bei seinem Amtsantritt ein Reformprogramm an. Die Arbeitsmarktpolitik des Bundes hat in den letzten Jahren die finanziellen Mittel für langzeitarbeitslose Menschen drastisch gekürzt. Schätzungsweise nur jeder zehnte konnte überhaupt an einer Qualifizierungsmaßnahme teilnehmen, das ist viel zu wenig. Bei der Arbeitsförderung gilt, wie woanders meist auch, „viel hilft viel“, denn man muss richtig investieren in die Menschen, damit sie den Anschluss schaffen. Eine Gesellschaft muss sich dafür starkmachen, dass auch diejenigen, die aktuell arbeitslos und in einer Krise sind, auf Unterstützung und so begründet auf eine bessere Zukunft hoffen können!

Herzlichst

 

 

Karin Lohr, Geschäftsführerin

Kopenhagen – Skopje – München

BISS-Geschäftsführerin
Karin Lohr
Foto: Sascha Kletzsch

Vor Kurzem habe ich im Kino den Film „Noma“ gesehen, der einen Blick hinter die Kulissen des angeblich besten Restaurants der Welt erlaubt. Mir hat er ganz gut gefallen, obwohl ich grundsätzlich bezweifle, dass ein weltbestes Restaurant überhaupt in Kopenhagen, also in Dänemark, und nicht in Italien sein kann. Bei einigen Filmszenen, als es in der Küche besonders hektisch zugeht, habe ich mich an meine Ausbildung im Hotelfach erinnert. Damals haben Küchenchefs noch mit Pfannen und Tellern geworfen. Tempi passati, wie man in Italien, wo das „Noma“ ja nicht ist, sagen würde. Der Film hat einen dramatischen Höhepunkt, als sich 63 Gäste nach einem Essen in diesem Restaurant mindestens den Magen verstimmt, wenn nicht sogar mit dem Norovirus angesteckt haben. Das Team des Sternerestaurants nimmt diesen Vorfall erst recht als Anlass, um zu zeigen, wie sauber und gründlich sie in der Küche arbeiten. Bemerkenswert finde ich, dass der Küchenchef, Sohn eines mazedonischen Einwanderers und einer dänischen Mutter, weltweit gefeiert wird dafür, dass er die nordische Küche nicht nur neu, sondern überhaupt erst erfunden hat. Nun weiß ich aufgrund unserer Kooperation mit der mazedonischen Straßenzeitung „LiceVLice“, dass Mazedoniern vieles zuzutrauen ist. Es waren die mazedonischen Kollegen, die vergangenes Jahr, unterstützt von BISS, einen ihrer Verkäufer, einen jungen Roma, fest angestellt haben. Trotz schwieriger politischer und wirtschaftlicher Bedingungen vor Ort. Die mazedonische Straßenzeitung muss jeden Monat ums Überleben kämpfen, und die Verantwortlichen sind froh, wenn wieder eine neue Ausgabe erscheinen kann. In einer davon ist als Hommage an BISS sogar unser Cover zum 20-jährigen Jubiläum mit kyrillischen Untertiteln abgedruckt. Das erwähnte Norovirus hat uns BISSler verschont. Dafür hatte uns ein ehemaliger Verkäufer angezeigt. Die Anschuldigungen haben sich als haltlos erwiesen, das Verfahren der Staatsanwaltschaft München wurde im Oktober 2016 eingestellt. Wir haben überlegt, ob wir dieses Thema überhaupt wieder aufgreifen sollen, auch weil es schon länger zurückliegt. Wir tun es jetzt (Seiten 24 bis 26), weil wir daran den ganzen Sachverhalt sowie die Grundlagen unserer Arbeit richtig darstellen und zeigen können, was wir schon immer gesagt haben: Bei BISS ist alles in Ordnung! Vor allem können wir bösen Märchen das wirkliche Leben entgegensetzen, und in dem spielen 100 Verkäufer, davon 52 fest angestellt, die Hauptrolle!

 

Herzlichst

 

 

 

Karin Lohr, Geschäftsführerin

P.S. Ich wünsche Ihnen schöne Frühlingstage!

Obergrenzen

BISS-Geschäftsführerin
Karin Lohr
Foto: Sascha Kletzsch

Wie in jeder Ausgabe gibt es auch in unserem Märzheft die Seite mit den Patenuhren, auf der alle angestellten Verkäufer und ihre Paten genannt sind. Es sind jetzt tatsächlich 51 Frauen und Männer, die einen festen Arbeitsvertrag mit BISS abgeschlossen haben; das ist ein neuer Rekord in der Geschichte von BISS! Die Frage nach einer Obergrenze hat sich hier noch niemand ernsthaft gestellt, denn das bringt keinen, der zu uns kommt und Hilfe in der Not sucht, weiter. Es stimmt natürlich schon, mehr Verkäufer im Außendienst bedeuten für die Mitarbeiter im Innendienst auch mehr Arbeit, weil für jeden die monatliche Abrechnung erstellt und eine MVV-Fahrkarte ausgegeben werden muss und auch sonst diverse Anliegen bearbeitet werden. Ebenfalls gut ausgelastet ist unser Sozialarbeiter, denn mit jedem Neuen wird ein individueller Hilfeplan entwickelt, wobei die Wohnungssuche und die medizinische Versorgung erfahrungsgemäß besonders dringlich sind. Bei unseren monatlichen Verkäufersitzungen haben wir uns in den vergangenen Jahren so beholfen, dass wir einfach immer noch einen weiteren Stuhl dazugestellt haben. So mancher Passant, der während des Treffens an unserem Büro im Erdgeschoss in der Metzstraße vorbeigegangen ist, wird sich wohl gewundert haben, wie viele Menschen in einem nicht sehr großen Büro Platz finden. Aber wie immer, wenn man muss, findet sich auch eine Lösung. So durften wir für unser letztes Treffen den Saal der Abtei St. Bonifaz nutzen. Das war, insbesondere für die älteren Verkäufer mit Gehhilfen und unsere beiden Rollstuhlfahrer, viel angenehmer und eine deutliche Verbesserung. BISS ist stolz, so vielen Menschen helfen zu können. Unsere Verkäufer haben Zugang zu lebensnotwendigen Hilfen, ein Einkommen und soziale Kontakte zu ihren Kunden und Kollegen. Populistische Politiker in Bayern, Europa und Amerika tun so, als könne man mit Obergrenzen, Mauern um Länder oder gar um Kontinente wirksam etwas gegen die Flucht von Millionen von Menschen aus Kriegsgebieten tun. Wo hingegen bleiben strikte Obergrenzen für Waffenexporte, Ressourcenverschwendung und Ausbeutung? Wir erwarten von einer seriösen Politik, dass sie Ursachen bekämpft, auch wenn das mühsam ist und nicht in jedem Fall gelingen kann. Dafür haben sich Politiker wählen lassen und dafür zahlen wir Bürger Steuern, und wir wollen, dass das Geld sinnvoll verwendet wird, vor allem für die Verbesserung der Lebensbedingungen der Menschen. Nicht nur im eigenen Vorgarten, sondern auf der ganzen Erde!

Herzlichst

 
 
 

Karin Lohr, Geschäftsführerin

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