Die Geschichte von Hotel BISS

Luxuswohnungen statt Ausbildung. Den Zuschlag für die Immobilie Am Neudeck bekamen Spekulanten

von Hildegard Denninger

Im September 2007 stellte BISS sein Projekt „Hotel BISS“ der Öffentlichkeit in einem Sonderheft vor: Die gemeinnützige und mildtätige Stiftung BISS beabsichtigt, das alte Münchner Frauen- und Jugendgefängnis Am Neudeck unter Einhaltung des Denkmalschutzes und Erhalt des alten Baumbestands in ein Hotel der gehobenen Klasse umzubauen, um damit 40 jungen Menschen in besonderen sozialen Schwierigkeiten eine umfassende, erstklassige Ausbildung und Qualifizierung zu ermöglichen. Hotel BISS soll 72 Zimmer haben. In einem separaten Gebäudeteil sollen elf altengerechte Wohnungen im Rahmen eines Konzepts vermietet werden, das die „Zusammenführung der Lebenswelten“ zum Inhalt hat. Die Erfahrungen und die Professionalität der Älteren sollen aktiv für die zu qualifizierenden Jüngeren genutzt werden. Alte und junge, arme und reiche Menschen sollen sich dort begegnen, das denkmalgeschützte Ensemble Am Neudeck soll erhalten werden zur Freude aller Bürger. Das Initiatorenteam – bestehend aus Karin Lohr, damals Geschäftsführerin von Dynamo Fahrradservice BISS e.V., meinem Mann, dem Sozialarbeiter Johannes Denninger, und mir als damaliger BISS-Geschäftsführerin – war überzeugt, mit Hotel BISS ein einzigartiges soziales Projekt verwirklichen zu können, das sich schon ab Eröffnung selbst trägt. Bereits bei einer 60-prozentigen Auslastung des Hotels hätten wir eine schwarze Null geschrieben. Renommierte Wirtschaftsprüfer, Banker und die Geschäftsführer der besten Münchner Hotels bestätigten uns, dass unser Businessplan hieb- und stichfest war, und boten uns vielseitige Unterstützung und Zusammenarbeit an. Die Raiffeisenbank München Süd sagte zu, die alleinige Finanzierung zu übernehmen. Wir waren begeistert von unserem Projekt und mit uns Tausende von Unterstützern und Spendern.

Hotel BISS konnte im Mai 2011 Folgendes vorweisen:

  • Die Förderzusage der Bayerischen Landesstiftung in Höhe von 2,5 Millionen Euro
  • Die Förderzusage der Landeshauptstadt München in Höhe von 500.000 Euro
  • Über 1,5 Millionen Euro an Spenden
  • Über 1,3 Millionen Euro an privaten Darlehen
  • Die Zusage der Bank über die Gesamtfinanzierung von 18 Millionen Euro
  • Eine positiv beschiedene Bauvoranfrage durch die Landeshauptstadt München
  • Eine Empfehlung des Vorhabens durch das bayerische Sozialministerium
  • 15.556 Unterschriften unter die Online-Petition „Herr Ministerpräsident Seehofer: Retten Sie Hotel BISS!“
  • Die langjährige Unterstützung von Tausenden Befürwortern aus allen Schichten der Gesellschaft

Doch all das beeindruckte die Regierung des Freistaats Bayern, dem das Grundstück gehörte, nicht. Nachdem die CSU/FDP-Abgeordneten im Haushaltsausschuss gegen einen Freihandverkauf an BISS gestimmt hatten, wurde ein Bieterverfahren durchgeführt. Der Freistaat machte nicht von der ausdrücklich im Bayerischen Haushaltsrecht verankerten Möglichkeit Gebrauch, einem dem Gemeinwohl dienenden Bieter den Vorzug zu geben. Obwohl die Stiftung in fundierten Berechnungen nachgewiesen hatte, dass sich die Wertschöpfung für die Gesellschaft schon bei vorsichtiger Schätzung auf über 3,7 Millionen Euro jährlich belaufen würde. Die gemeinnützige Stiftung BISS gab ein Angebot über 1,6 Millionen Euro ab, was in etwa dem konservativ ermittelten Verkehrswert entsprach. Es nützte alles nichts. Im Mai 2011 gab die Bayerische Staatsregierung einem anonymen, kommerziellen Immobilieninvestor den Zuschlag für das alte Frauengefängnis Am Neudeck.

Wir mussten lernen, dass für die Bayerische Staatsregierung und ihre drei Finanzminister, die in dieser Zeit nacheinander im Amt waren – Faltlhauser, Fahrenschon und Söder –, nicht Inhalte, nicht der gesellschaftliche Zusammenhalt, Chancengleichheit und Bildungsgerechtigkeit zählen, sondern das schnelle Geld. Ein Jahrhundertprojekt war von kurzsichtigen Politikern zerstört worden, das alte Gefängnis Am Neudeck, das seit 2009 leer steht, wird nun 2018 umgebaut in Wohnungen, die zu einem Quadratmeterpreis von 15.000 bis 20.000 Euro (nach oben ist noch Luft) angeboten werden. Da das Projekt nicht verwirklicht werden konnte, musste die Stiftung Hotel BISS abwickeln: Die Spender, die „Nur für Hotel“ 166.000 Euro gespendet hatten, erhielten bereits 2011 ihr Geld zurück. Ein weiterer Betrag von 198.000 Euro ging auf ausdrücklichen Wunsch der Spender 2013 an den Verein BISS e.V. Der größte Teil in Höhe von 610.000 Euro wurde zwischen 2012 und 2014 für Projekte verwendet, deren Zweck Ausbildung und Qualifizierung von benachteiligten jungen Menschen ist. Mit dem restlichen Geld wurden Wohnungen gekauft, die an ehemals obdachlose BISS-Verkäufer und andere arme Menschen vermietet sind. Es ist in anderen Medien und in unserer Zeitschrift schon viel über Hotel BISS und das Scheitern dieses einzigartigen Projekts geschrieben worden, hoffnungsvoll von 2007 bis 2011 und danach erbittert und in ungläubigem Staunen über die Borniertheit und Kaltschnäuzigkeit der bayerischen Landesregierung, die im Besitz des alten Gefängnisses Am Neudeck war und das denkmalgeschützte Gebäude an anonyme private Immobilienverwerter verkauft hat. Die Eröffnung von Hotel BISS wäre spätestens 2013 gefeiert worden. Das heißt, die ersten Azubis hätten ihre Prüfung 2016/2017 gemacht und wären vermutlich sofort in einem der Münchner Hotels untergekommen, die händeringend nach gut ausgebildetem Personal suchen. 2017/2018 hätte die zweite Runde Lehrlinge bereits ihre Zwischenprüfung und ihre Praktika in den Hotels „Vier Jahreszeiten“ und „Bayerischer Hof“ ablegen können. Unsere Lehrlinge wären stolz gewesen, in so einem schönen Hotel ausgebildet zu werden, und vielleicht mit ihnen Eltern, Geschwister und Freunde, die nun ein Beispiel gehabt hätten, wie man seinen Weg nach oben gehen kann. All das haben Politiker zerstört. Politiker, die verpflichtet sind, Entscheidungen zum Wohl und für den Zusammenhalt der Gesellschaft zu treffen, denen aber nur das schnelle Geld wichtig war. Das Geld, das sie wiederum dazu verwendeten, Schulden auszugleichen, die sie selbst verursacht hatten, nämlich die Milliardenschulden der Landesbank, die Edmund Stoiber und seine Regierung zu verantworten hatten. Der Jurist und Leiter der Innenpolitik der SZ, Dr. Heribert Prantl, schrieb damals: „Der Haushaltsausschuss hat den Mehrwert exzellenter sozialer Arbeit nicht erkannt oder nicht geschätzt; er hat nicht getan, was menschlich geboten, sozialpolitisch notwendig und juristisch möglich war.“ Das Jahrhundertprojekt Hotel BISS wurde von der damaligen Regierung (Ministerpräsident Seehofer, Finanzminister Söder) sowie dem Haushaltsausschussvorsitzenden Georg Winter (CSU-Verwandtenaffäre) zerstört. Was man erreichen kann, wenn die Politik hinter einem steht, sieht man an der positiven Entwicklung der Straßenzeitschrift BISS, die von Anfang an die Unterstützung der Stadt München hatte. BISS kann deshalb in diesem Jahr die Jubiläen „25 Jahre BISS“, „20 Jahre Festanstellung der Verkäufer“, „10 Jahre Stiftung BISS“, aber leider nicht „5 Jahre Hotel BISS“ feiern. Dennoch schauen wir nach vorn. Wir haben in den elf Jahren, die wir vor und hinter den Kulissen für die Realisierung von Hotel BISS gearbeitet haben, viel gelernt. Tausende von Unterstützern sind zu unserem Netzwerk dazugekommen, wir haben viele neue Freunde und Kompetenzen gewonnen. Und eines wissen wir nun ganz sicher: Es ist für eine Gesellschaft schädlich, wenn Politik immer nur die gleiche Klientel bedient und sich nicht öffnet für Neues. Wenn nur kleinkariert gedacht wird, wird Potenzial vergeudet und die Gesellschaft verarmt. Deshalb werden wir BISSler nicht lockerlassen, liebe Freunde und Unterstützer. Sie können sich auf uns verlassen, wir gehen mit Ihnen durch dick und dünn. Ganz nach unserem Jubiläumsmotto: „We will be with you, whatever!“