Der Tod: Nehmen wir ihm das Fremde, machen wir seine Bekanntschaft

Isabel Schupp ist Schauspielerin und Sprecherin. Für die Trauergruppe Verwaiste Eltern bietet sie bundesweit Trauerseminare an. In ihre Seminare fließen die Erfahrungen mit ein, die sie durch den Tod ihrer Tochter gemacht hat.

Interview GABRIELA HERPELL mit ISABEL SCHUPP

Illustration LEA HEINRICH

Frau Schupp, Sie haben Ihre Tochter durch eine lange Krankheit begleitet, an der sie nach sechs Jahren gestorben ist. Seitdem arbeiten Sie, neben der Schauspielerei, als Trauerbegleiterin. Haben Sie eine Vorstellung vom Tod? Der Tod ist eine Verwandlung. Es gibt ihn eigentlich nicht, es gibt nur Veränderung. Es ist nicht so, dass wir von nichts zu etwas und dann wieder zu nichts werden, sondern wir sind in einen großen Prozess des Kommens und Gehens eingebunden. Das ist eine Vorstellung aus dem Buddhismus, und sie beinhaltet, dass Leben und Tod zusammengehören. Dass sie die Kehrseite einer Medaille sind – es gibt das eine nicht ohne das andere.

Was ist das Leben für Sie? Es fällt mir schwer, Leben und Tod zu trennen. Leben ist nicht die Vorbereitung auf den Tod. Ich sage nicht, nach dem Leben geht es weiter, sondern ich sage: Leben und Tod sind ein Phänomen, das vor 600 Milliarden Jahren angefangen hat und immer weitergeht.

Haben Sie diese Erkenntnisse durch Ihre eigenen Erfahrungen gewonnen? Wenn ich an meine Tochter oder an meinen eigenen Tod denke, ist Tod auch sehr simpel: Du bist nicht mehr da. Ohne irgendeinen spirituellen Überbau. Das Unmittelbare, dass der Mensch nicht mehr in meinem Leben ist, dass ich ihn nicht mehr in den Arm nehmen kann, ist mit Schmerz verbunden. Und
da ist immer noch viel Widerstand und Fassungslosigkeit. Ich kann weder den Tod meiner Tochter begreifen noch die Vorstellung vom Tod überhaupt. Sie und ich, wie wir jetzt hier sitzen, sind wahrscheinlich in 30 Jahren tot. Das Haus hier wird’s noch geben, den jungen Kellner auch, aber uns nicht mehr, das finde ich echt irre. Und das ist vielleicht ein Grund für mich, mich mit dem Thema zu beschäftigen. Je mehr ich darüber rede, desto mehr besteht die Möglichkeit, es eines Tages zu begreifen.

Ist der Tod jetzt immer in Ihrem Leben? Ich war gerade auf einer Tagung in Nordrhein-Westfalen, da ging es um Palliativ Care, Hospizarbeit und das Lebensende im Altersheim. Drei Tage lang. Man saß am Tisch und aß und unterhielt sich über den Tod. Das fand ich irgendwie gut. Es gibt dieses tolle Zitat von Michel de Montaigne: „Der Tod lauert auf uns an allen Ecken. Um ihm seinen Vorteil uns gegenüber abzugewinnen, müssen wir folgende Methode einschlagen: Nehmen wir ihm das Fremde, machen wir seine Bekanntschaft. Auf den Tod sinnen heißt auf Freiheit sinnen.“ Als meine Tochter so krank war und ich ahnte, dass sie sterben würde, hat mich das sehr getröstet.

Ist Religion auch ein Trost? Ich merke bei meiner Arbeit mit den Trauernden, dass die, die fest im Glauben verankert sind und die Vorstellung haben, im Reich Gottes sind die Zimmer vorbereitet, nicht so hadern wie andere. Mir selber fehlt die Vorstellung des Paradieses. Aber meine Vorstellung von Transformation, von Zusammengehörigkeit tröstet mich. Die Gewissheit, dass alles zu jeder Zeit in allem enthalten ist wie die Welle im Meer. Die Welle kann nicht sterben. Sie bleibt immer Teil des Meeres, sie kommt und geht und bricht und steht wieder auf. So ähnlich ist die Idee, die mich trägt und mir eine gewisse Ruhe gibt. Ich bin nicht begeistert darüber, dass jemand sterben muss, aber ich kann es aushalten. Denn es geht nichts verloren. Nicht der kleinste Tropfen, der auf die Erde fließt, geht verloren. Kein Lachen, keine Energie geht verloren. Das ist kein Glaube, das ist Wissenschaft, und das gefällt mir.

Ist die Seele Energie? Ich glaube nicht an die klassische Seele, die getrennt ist von etwas anderem. Ich glaube nicht an Seelen, die irgendwo reinkarnieren. Für mich ist alles Teil eines großen Ganzen und immer in Bewegung.

Halten Sie Verbindung zu Ihrer Tochter? Ja. Vor allem, wenn ich in der Natur bin. Ich spüre sie manchmal in mir. Wenn ich eine Lesung mache, horche ich nach, ob es für sie passt, was ich lese. Ich denke oft an sie. Ich vermisse sie. Das ist auch eine Form der Verbindung.

Führen Sie einen inneren Dialog? In Maßen. Ich hab das nie viel gemacht. Viele Trauernde machen das sehr intensiv, gerade in den ersten Jahren. Für mich ist das Wichtigste, immer wieder erzählen zu dürfen. Das Herzstück meiner Trauerseminare ist das Erzählen von den Verstorbenen, das gemeinsame Erinnern. Dadurch bleiben wir mit dem geliebten Menschen verbunden, und das tut gut.

Ist es für einen Betroffenen nicht unheimlich schwer zu begreifen, dass die anderen glauben, man könnte die Trauer um ein Kind hinter sich lassen? Ja. Sehr. Aber vollkommen verständlich. Es sind nicht deren Kinder. Wenn jemand stirbt, der mir nicht so nahesteht, bin ich auch nicht untröstlich. Ich glaube auch, dass viele über mich denken, warum beschäftigt die sich so viel mit dem Tod, das tut doch nicht gut. Manchmal sage ich dann, stell dir vor, es wäre dein Kind. Und merke, wie es sie erwischt. Wie sie verstehen. Es ist ein Drama für viele betroffene Eltern, dass das Umfeld so wenig empathisch ist. Oder ungeschickt. Weil die Menschen einfach nicht wissen, wie sie mit diesem Riesenschmerz eines anderen umgehen sollen.

Ist ja auch schwer. Soll man nachfragen? Oder rührt man dann in der offenen Wunde? Unbedingt fragen. Aber auch vorbeikommen, etwas zu essen bringen, Suppe vor die Tür stellen. Kürzlich ist der Sohn einer Bekannten verunglückt, und selbst ich wusste nicht, soll ich jetzt gleich hin? Ich bin hin. Sie lag auf dem Bett, halb verhungert, war zu nichts in der Lage. Ich habe Essen gekocht. Sie meinte, sie isst das alles nicht, und hat doch alles gegessen. Früher wusste man das. Ich habe ein Buch gefunden, noch in altdeutscher Schrift, da steht alles drin: dass man Hühnerbrühe kochen muss; dass man dafür sorgen muss, dass der Trauernde sich hinlegt; dass man über die Trauer redet. Die Einsamkeit ist das Schlimmste, wenn man selber todkrank ist oder jemanden verloren hat. Die Leute denken, sie sind höflich, wenn sie Abstand halten. Aber der Abstand macht einsam.

Angenommen, jemand ist todkrank: Spricht man ihn oder sie auf das Thema an, oder vermeidet man es besser? Das ist ein großes Problem in
der Altenpflege. Denn wenn es einem alten Menschen so schlecht geht, dass er sterben möchte, kann ich mir gut vorstellen, dass er gern darüber sprechen würde, wie er sich den Tod vorstellt. Aber dafür braucht man Zeit, da kann man nicht schnell wieder aus dem Zimmer zum Nächsten gehen. Oder jemand hat seinen Ehe- oder Lebenspartner verloren. Das ist ja sehr wahrscheinlich, wenn man über 80 Jahre ist. Aber niemand fragt nach dem Schmerz. Niemand nimmt sich dessen an. Eher heißt es, na ja, er war 82, dann durfte er ja sterben. Aber niemand denkt daran, dass diese Frau ihren Mann verloren hat, mit dem sie 40 Jahre verbracht hat. Ob er nun alt war und es an der Zeit war oder nicht, das ändert nichts am Verlust und an der Trauer der Hinterbliebenen.

Wofür ist Trauer gut? Trauer ist die Verbindung zum Verstorbenen, und ich finde diese Verbindung ganz wichtig. Es wird oft gepredigt, man müsse loslassen und nicht mehr traurig sein. Das ist für mich ein Missverständnis. Es geht nicht darum, die Trauer loszulassen, es geht darum, einen guten Platz für sie zu finden. Schließlich ist das eigene Kind nach zehn Jahren immer noch tot. Sigmund Freud verlor seine Tochter an die Spanische Grippe. Neun Jahre nach ihrem Tod schrieb er: „Man wird ungetröstet bleiben, nie einen Ersatz finden, und das ist auch gut so.“ Dietrich Bonhoeffer schrieb: „… denn indem die Lücke wirklich unausgefüllt bleibt, bleibt man durch sie miteinander verbunden“. Mir geht es auch so: Ich möchte gar nicht, dass die Trauer vergeht, weil ich dadurch mit meiner Tochter verbunden bleibe. Das verstehen die Leute oft nicht. Sie denken, man suhlt sich in seinem Schmerz, kultiviert ihn, aber so ist es nicht.

Man akzeptiert seinen Schmerz, ist es das? Akzeptieren klingt für mich danach, dem Ganzen einen Sinngeben zu wollen. Und zu sagen, es ist okay, dass der Schmerz da ist. Aber ich find’s nicht okay. Ich sehe nur ein, dass er da ist – wie das Wetter. Du musst es nicht toll finden, wenn es an deinem Geburtstag regnet. Aber du hast auch nichts davon, wenn du dich die ganze Zeit beschwerst. Ein anderer Teil meiner Arbeit besteht aus Achtsamkeitskursen. Dort lernt man, die Dinge anzunehmen, wie sie sind, sie da sein zu lassen. Achtsamkeit ist ganz wichtig für die Trauerbewältigung.

Keinen Widerstand leisten? Genau. Wenn man nicht dagegen ankämpft, wird man feststellen, dass der Schmerz weicher wird. So ist es auch mit der Trauer: Wenn man sie da sein lässt und annimmt, dass sie zu uns gehört, wird sie leichter. Leiden ist Schmerz mal Widerstand, das ist eine schöne Formel. Angenommen, wir sagen, Schmerz hat auf einer Skala zehn Punkte und Widerstand auch, dann hat das Leiden 100 Punkte. Zehn mal zehn. Das finde ich ziemlich gut als Bild. Gerade wenn der Schmerz so riesig ist, muss man zwischendurch aufmachen und sagen, da ist er, ja, und er ist groß und er tut weh. Das ist etwas anderes als akzeptieren.

Nach dem Tibetischen Totenbuch muss man nach wenigen Wochen aufhören zu weinen, weil der Tote sonst nicht gehen kann. Das ist mir wieder zu getrennt. Tränen sind ein Teil des Lebens. Ich habe in meinem Buch geschrieben, dass ich die Trauer in mein Leben gelassen und gleichzeitig die Zufriedenheit, das Lachen und die Dankbarkeit eingeladen habe. Das kann nebeneinander bestehen. So wie Beerdigung und Leichenschmaus. Ich konnte mir niemals vorstellen, dass es nach dem Tod meines Kindes so etwas geben würde. Aber es gab einen, und es war super.

Was hilft noch beim Abschiednehmen? Den Toten aufbahren, sodass die Menschen Abschied nehmen können, mit ihm reden, ihn anfassen, den Tod begreifen. Das macht ja kaum noch einer in der Stadt, aber in ländlichen Gebieten kommt das halbe Dorf vorbei und nimmt Abschied. Ich hatte vor der Beerdigung meiner Tochter zufällig die Broschüre eines alternativen Bestatters in der Hand, da stand drin, man solle sich Zeit lassen, den Sarg anmalen, den Verstorbenen selber waschen und in den Sarg legen. Wir haben das getan. Es war sehr, sehr wichtig für uns. Sie halten Trauerseminare ab.

Wie können Sie den Trauernden helfen? Das Wichtigste ist, dass die Trauernden die Erfahrung machen: Es gibt andere, denen es genauso geht. Denn sie denken oft, sie sind verrückt oder unnormal in ihrer allumfassenden Trauer. Dann sitzen sie da und erleben, dass andere sich auch von der Gesellschaft ausgeschlossen fühlen. Dass andere sich auch wünschen, besser verstanden zu werden. Dass andere diesen wahnsinnigen Schmerz kennen. Man sagt, Trauer allein im stillen Kämmerlein ist nicht heilsam. Trauer will gesehen und gehört werden.

Wie erreichen Sie das? Durch Reden, durch Schreiben und durch Rituale. Wir malen die Namen der Verstorbenen, wir schreiben Briefe an sie und lassen sie aus unserer Feder antworten, wir bieten „Schuld-Rituale“ an.

Wie meinen Sie das? Schuldgefühle sind fast immer Thema, wenn ein geliebter Mensch gestorben ist. Hätte ich doch noch das und das gesagt, hätte ich doch das und das nicht getan. Bei diesem Ritual suchen sich die Trauernden einen Schuld-Stein aus, von leicht bis schwer, je nachdem, wie schwer sie ihre Schuldgefühle empfinden. Dann legen sie die Steine in eine Schüssel mit Wasser und erzählen, was sie alles Gute in ihrem Leben getan haben. Ein sehr heilsames Ritual.

Ermuntern Sie die Leute zum Weinen? Gleich von Anfang an. Und wir weinen mit, als Vorbild sozusagen. Denn aus der Trauma-Therapie wissen wir, dass das Leid durchweint werden muss, damit es heilsam sein kann. Aber abends, nach all der schweren Trauerarbeit, sitzen wir zusammen im Klosterstüberl, essen, trinken und lachen gemeinsam. Weinen und lachen – wieder die Kehrseiten einer Medaille.

Ist Ihre Arbeit erfüllend? Sehr. Weil das Vorher-Nachher so unglaublich ist. Die Trauernden kommen grau und gebeugt an, schwer vor Kummer, und sie fahren lebendiger und leichter ab. Oft schreiben sie nach einem halben Jahr, dass sie immer noch von unserem Trauerseminar zehren.

Und wer sieht und hört Ihre Trauer? Die anderen Betroffenen. Und meine Freundinnen, die ganz engen. Und meine Mutter. Haben Sie noch vor irgendetwas Angst? Ich dachte, der Tod meiner Tochter wäre das Schlimmste, was mir passieren könnte, danach würde ich vor nichts mehr Angst haben. Das stimmt aber nicht. Ich habe Angst und auch Angst vor dem Tod.