Der letzte Umzug

von Gabriele Winter

Wenn im Alter die Kräfte schwinden, kann das Leben in der eigenen Wohnung gefährlich werden. Vielen Senioren fällt es jedoch schwer, ihre lieb gewonnenen Dinge und ihre Selbstständigkeit zurückzulassen und ins Pflegeheim zu ziehen. Wir haben mit Menschen in dieser Lebensphase gesprochen


Edeltraut Moser im Pflegezentrum Sendling; Foto: Olaf Unverzart

Plötzlich ging alles ganz schnell. Edeltraut Moser konnte nach einem schweren Sturz mit Kopfwunde, Oberschenkelhals- und Handgelenkbruch nicht mehr in ihre Wohnung zurückkehren. Noch im Krankenhaus kontaktierte man das Pflegezentrum Obersendling und brachte sie nach der Reha direkt dorthin. Frau Moser ist geschieden, lebte allein und konnte von Glück sagen, dass man sie überhaupt fand. Die Feuerwehr musste ihre Wohnungstür aufbrechen, da hatte sie schon stundenlang blutüberströmt auf dem Fußboden gelegen. Hätte Edeltraut Moser nicht zufällig an diesem Tag einen Arzttermin gehabt, zu dem die Tochter ihrer Cousine sie abholen wollte, hätte sie vielleicht nicht überlebt. Auch vor dem Sturz war es Frau Moser immer schwerer gefallen, sich zu versorgen. Nach drei Infarkten waren Hausarbeit und Einkaufen eine große Belastung für sie. Seit August lebt die 93-Jährige jetzt im Pflegezentrum der Inneren Mission in Obersendling – in einem Doppelzimmer. „Das ist schon eine Umstellung, wenn man über 40 Jahre allein gewohnt hat“, meint sie. Edeltraut Moser steht auf der Warteliste für ein Einzelzimmer. „Das wird sie auch bald bekommen“, versichert ihr Pflegeüberleiter Frank Salziger. Er kümmert sich um die Aufnahme der Patienten und kann nachvollziehen, dass verschiedene Charaktere nicht immer zusammenpassen. Nur musste man für Frau Moser sofort einen Platz finden, denn allein leben ging für sie nicht mehr. Während der Reha war eine gesetzliche Betreuerin für sie bestellt worden, die eine anschließende Unterbringung im Heim veranlasst hatte. Zwar ist Frau Moser völlig klar im Kopf und erzählt blumig aus ihrem Leben, nur fortbewegen kann sie sich ohne Rollator kaum noch. Früher ist sie „stundenlang an der Isar entlangspaziert“. Doch das schafft sie nicht mehr, obwohl der Fluss nicht weit entfernt liegt vom Pflegezentrum in der Baierbrunner Straße.



BACK TO THE ROOTS


Zufällig ist sie jetzt genau an den Ort zurückgekehrt, an dem sie 35 Jahre lang als kaufmännische Angestellte beschäftigt war. Das Pflegezentrum der Inneren Mission steht nämlich auf dem ehemaligen Siemensgelände. Vom Flurfenster aus kann sie das leer stehende Siemenshochhaus sehen und in Erinnerungen schwelgen. Sie erinnert sich an die vielfältigen Aufgaben, die sie im Konzern zu erledigen hatte, und berichtet von Betriebsausflügen und Firmenfeiern. Neben Sekretariat und Vorzimmer betreute sie ausländische Gäste – ganz ohne Englischkenntnisse. „Das bedaure ich sehr, dass ich so schlecht in Fremdsprachen bin, denn ich habe auch drei Neffen in England und Australien, die nur Englisch können, und mit denen kann ich mich gar nicht unterhalten.“ Eigene Kinder hat Edeltraut Moser nicht, aber manchmal besuchen sie die Cousinen und deren Kinder.

ERSATZFAMILIE

Frau Mosers Familie war vor allem Siemens. Von den wenigen Dingen, die sie aus ihrer Wohnung ins Heim mitnehmen konnte, spielen die Alben eine zentrale Rolle. Neben den Fotos und Glückwünschen von Kollegen finden sich dort auch Tuschezeichnungen vom Gelände. Man merkt, wie wichtig Edeltraut Moser ihr Beruf war und wie sehr sie aus den Erinnerungen Kraft zieht. Für sie waren es damals goldene Zeiten, was sich auch in ihrer Rente niederschlägt, denn ohne die Betriebsrente ließe sich ein Umzug in ein Einzelzimmer nicht so ohne Weiteres realisieren.

Edeltraut Moser ist nicht die einzige ehemalige Siemensianerin im Pflegezentrum. Viele zieht es zurück nach Obersendling. Der Spirit von Siemens ist noch spürbar, vor allem wenn der WerksChor hier probt. Singen ist allerdings nicht so ihres. „Die Berge waren für mich alles“, schwärmt die gebürtige Schlesierin. Dass sie jetzt so immobil ist, schlägt ihr etwas aufs Gemüt – genau wie die vergeblichen Kommunikationsversuche mit der Zimmergenossin. Deshalb hofft sie, dass es bald klappt mit dem Einzelzimmer und sie dann auch neue Nachbarn bekommt. Einige Möbel und persönliche Gegenstände sind eingelagert und Frau Moser will sie dann zu sich holen, falls das Einzelzimmer groß genug ist für die Sachen. Bisher hat sie nur ihren Lieblingssessel, die Eulensammlung und eine Kommode aus ihrer alten Wohnung da stehen.


„NIE INS HEIM“


Eigentlich wollte Edeltraut Moser nie ins Heim. Das hat sie sich ebenso geschworen wie Sigrid Beecke. Beide haben ihre Mütter im Heim erlebt und wollten auf keinen Fall selbst so enden. Frau Beecke ist 92 Jahre alt und lebt noch in ihrer eigenen Wohnung nicht weit vom Harras. Das wird zunehmend schwierig. Grauer und grüner Star hindern sie nicht nur am Einkaufen, sondern auch am Lesen. „Tragisch“ nennt sie das, denn vieles, was ihr Spaß machte, wie zum Beispiel Basteln, kann man nur mit guten Augen machen. Auch die Audioausgaben der Bücher sind für Frau Beecke keine wirkliche Alternative, weil sie zudem recht schlecht hört. „Jetzt sitz ich oft da und drehe Däumchen“, seufzt sie. Beeckes Mann ist vor einem dreiviertel Jahr gestorben und die Enkel und der Schwiegersohn leben in Italien. Sie würden sie gern zu sich holen, aber das fühlt sich für Frau Beecke nicht gut an: „Alle sind wahnsinnig lieb, aber ich verstehe die Sprache nicht richtig, und das ist mir alles zu fremd.“ Vergangenes Jahr war sie eine Weile bei ihrer Familie in Trient. „Aber die Wohnung dort ist so kahl und kühl.“ Sigrid Beecke mag es gern kuschelig. Bei ihr zu Hause gibt es überall selbst gebastelte Deko, Kissen und Teppiche. Möglichst viel davon würde sie gern mitnehmen, wenn sie es doch nicht mehr schafft, allein zu wohnen, oder ihr die Einsamkeit zu viel wird. Frau Beecke hadert noch mit der Vorstellung, aus ihrer Wohnung auszuziehen. „Man hat seine Eigenheiten, wenn man so alt ist“, sagt sie. 70 Jahre war sie verheiratet. Ihr Mann fehlt ihr. Einerseits wäre ein Umzug für sie eine Möglichkeit, neue Leute kennenzulernen, andererseits möchte sie ihre lieb gewonnene Umgebung mit der schönen Terrasse und der freundlichen Nachbarin nicht verlassen. Für sie wäre wichtig, dass sie im Altersheim auf Leute trifft, die ebenfalls geistig fit sind, denn sie möchte nicht „allein auf verlorenem Posten zwischen Dementen sitzen, wie meine Mutter damals“.

DER EINSAMKEIT ENTKOMMEN

Ein größeres Heim mit weitreichenden Kontaktmöglichkeiten wie St. Josef vom Münchenstift bietet sich daher an. Es liegt nicht weit von ihrer Wohnung entfernt und somit in ihrem gewohnten Umfeld. Deshalb hat Frau Beeckes Betreuerin vom ASZ (Alten- und Service-Zentrum) Westpark, Gabriele Fegbeutel, ihr den Vorschlag gemacht, sich doch mal Betreutes Wohnen dort anzuschauen – hier leben vor allem geistig fitte Senioren. Die Sozialpädagogin kümmert sich seit einem dreiviertel Jahr um Frau Beecke und besucht sie einmal pro Woche. Eine Bekannte von Sigrid Beecke hatte nach dem Tod des Mannes das ASZ verständigt und um Unterstützung gebeten. Gabriele Fegbeutel geht seitdem mit Frau Beecke regelmäßig die Post durch, die beiden besprechen Organisatorisches und reden auch über Persönliches. So kann die Sozialpädagogin manche Ängste zerstreuen.

SO VIEL BETREUUNG WIE NÖTIG

Im Moment bekommt Frau Beecke Essen auf Rädern und hat Hilfe beim Einkaufen und Putzen. Wenn sie gesund ist, kommt sie damit gut zurecht. Nur im letzten Winter hatte sie einen grippalen Infekt und da lief es nicht so gut. Arztbesuche waren schwierig zu organisieren und Gabriele Fegbeutel riet Frau Beecke zu Betreutem Wohnen. Bei der Besichtigung im Münchenstift wird schnell klar: Hier sind Ärzte vor Ort, und wenn sie bei Notfällen auf den roten Knopf im Apartment drückt, kommt jemand. Während der Mahlzeiten trifft sie automatisch auf andere Menschen und beim vielfältigen Freizeitangebot braucht sie nicht immer alle Sinne in Top-Form zu haben. Die expressionistischen Gemälde auf den Fluren der Abteilung für „Wohnen mit Service“ beweisen, dass man sich auch ohne volle Sehkraft künstlerisch betätigen kann und sich die Ergebnisse trotzdem sehen lassen können.

NEUEN LEBENSMUT FINDEN

Ob sie allerdings selbst je wieder malen wird, stellt Frau Beecke infrage. Früher hat sie das gern gemacht, aber die schwindenden Sinne hemmen sie. Die Zeit auszufüllen gelang ihr noch vor ein paar Jahren gut, zum Beispiel in einem Gesangsquartett. Sie scheint ein wenig den Lebenswillen verloren zu haben. Kein Wunder. Vor vier Jahren starb ihre Tochter und dann ihr Mann. Auch Freunde hat sie nicht mehr viele, und neue Leute zu finden ist schwer, wenn man nicht mehr gut zu Fuß ist. „Irgendwann muss ich wohl doch in den sauren Apfel beißen und umziehen“, stellt sie nüchtern fest, „ich bin eigentlich auch kein schwieriger Charakter, aber das wäre schon ein großes Glück, wenn man jemanden findet, der auf der gleichen Antenne liegt.“

Frau Moser ist das im Pflegezentrum der Inneren Mission noch nicht so richtig gelungen. Auf ihrem Flur sind viele Demenzkranke, und sie hat das Gefühl, dass es mit ihr nur noch abwärtsgeht. Aber da widerspricht ihr Pflegeüberleiter Frank Salziger heftig: „Wenn man bedenkt, wie Sie hier im Heim ankamen, mit Brillenhämatom und lädiert am ganzen Körper, geht es Ihnen jetzt wieder richtig gut.“ Salziger betont, dass es gerade in modernen Heimen wie dem Pflegezentrum viele Möglichkeiten gebe, um lange autark zu bleiben oder eine kurzzeitige Pflegebedürftigkeit aufzufangen. Dort kann man sich als Ehepaar oder Single in eine Wohnung einmieten und einzelne Dienste wie Wäsche, Putzen oder Essen in Anspruch nehmen. Oder man kocht selbst beziehungsweise geht zum Italiener in der Nähe, denn man ist zu nichts verpflichtet.

VERSCHIEDENE MODELLE LEBEN

Darüber, wie man im Pflegeheim lebt, entscheiden meist der Geldbeutel und die Pflegestufe. Inzwischen gibt es aber auch da Möglichkeiten der Ausgestaltung. In manchen Pflegeheimen können zum Beispiel Paare, bei denen ein Partner pflegebedürftig ist, zusammen im Betreuten Wohnen leben. Oder aber sie entscheiden sich für getrennte Zimmer in verschiedenen Abteilungen. Wenn sich der Gesundheitszustand oder die Bedürftigkeit der Bewohner verändert, wird die Betreuung daran angepasst. Allgemeinmediziner und Spezialisten wie Augen- und Zahnärzte sind regelmäßig vor Ort und kennen die Patienten. Auch die Freizeitangebote sind vielfältig: Gymnastik, Singen, Gedächtnistraining usw. In den Gemeinschaftsräumen wird gegessen, gespielt oder ferngesehen. Frau Moser genießt vor allem die regelmäßigen Klavierkonzerte im Haus und bedauert, dass sie mit ihren versteiften Fingern nicht an den Bastelangeboten teilnehmen kann. Auf den Fluren des Pflegezentrums Obersendling begegnet man ständig Senioren in Bewegung. Viele haben schon mehrere Runden mit dem Rollator hinter sich und fragen einen, ob man weiß, wo ihr Zimmer ist. In dem großen Rundbau sind sie schon ein paar Mal an ihrem Zimmer oder Apartment vorbeigegangen. „Das hält fit“, scherzt Frank Salziger und erzählt die Geschichte einer Bewohnerin, die nachts verschwunden war und schon von der Polizei gesucht wurde; morgens fand man sie dann schlafend im Bett einer anderen Bewohnerin. Was für die älteren Bewohner manchmal eine Herausforderung darstellt, ist für das Personal ein Segen. Durch die Rundbauweise verkürzen sich die Wege zu den Zimmern und gerade im Notfall können die Senioren schnell erreicht werden. So kommen die Pflegekräfte leichter mit der hohen Arbeitsbelastung zurecht. In Deutschland gibt es mittlerweile über 13.000 Pflegeheime, in denen mehr als 800.000 Menschen versorgt werden – wobei die meisten Pflegebedürftigen (über zwei Millionen) zu Hause betreut werden. Viele Heime bieten verschiedene Varianten der Unterbringung an, vom Senioren-Apartment mit integrierten Dienstleistungen bis zur geschlossenen Abteilung für aggressiv-demente Bewohner, die per richterlichem Beschluss eingewiesen werden. Wie viel jemand bezahlen muss, hängt auch von der persönlichen Situation ab. So kommt das Sozialamt für die Kosten einer notwendigen Heimunterbringung auf, wenn weder Vermögen noch Angehörige vorhanden sind.

INDIVIDUELLE LÖSUNGEN FINDEN

„Wir versuchen für alle die beste Lösung zu finden und den Willen der Leute zu respektieren“, erklärt Sozialpädagogin Gabriele Fegbeutel. Oft wollen vor allem geistig fitte Senioren wie Frau Beecke unbedingt in ihren eigenen vier Wänden bleiben. Dann hilft Frau Fegbeutel bei Bedarf, einen Pflegedienst zu organisieren, oder manchmal reicht auch schon ein Notrufknopf. Doch die erste Hürde ist, sich überhaupt Hilfe zu holen. Viele ältere Menschen verpassen den Zeitpunkt, sich Unterstützung zu organisieren, und sind nicht mehr in der Lage dazu, wenn ein Sturz oder eine Krankheit dazwischenkommt. Gerade wenn sie keine Familie oder Freunde haben, schreckt sie allein der Aufwand ab, den so ein Umzug mit sich bringt. In St. Josef hat man auch dafür eine Adresse parat. Das Münchenstift arbeitet mit Unternehmen zusammen, die Wohnungsauflösungen anbieten und sogar helfen, das neue – in der Regel kleinere – Apartment mit den eigenen Möbeln einzurichten. Frau Beecke beruhigt das etwas. Sie schaut sich neben den Gemeinschaftsräumen ein Ein-Zimmer-Apartment und eines mit zwei Zimmern an. Bei Ersterem winkt sie sofort ab: „Das ist mir viel zu klein.“ Aber das größere ist hell und geräumig und bietet einen schönen weiten Blick auf den Luise-Kiesselbach-Platz. Jetzt kann sie sich schon eher vorstellen, sich auf die nicht sehr lange Warteliste für so ein Apartment setzen zu lassen. Frau Beecke will sich in aller Ruhe die Unterlagen zu Hause noch einmal ansehen und dann mit Frau Fegbeutel die verschiedenen Optionen durchrechnen. Auch ein weiteres Heim möchte sie sich noch anschauen. Sie hat nämlich gehört, dass es Einrichtungen gibt, bei denen man auch im Apartment bleiben kann, falls man ein Pflegefall wird. Denn wenn Frau Beecke schon umzieht, soll es wirklich der letzte Umzug sein.