Was uns verbindet

IN DER BISS-KOLUMNE KOMMEN MENSCHEN ZU WORT, DIE EINE PERSÖN LICHE ERFAHRUNG ODER IHR INTERESSE AN EINEM THEMA ODER PROJEKT VERBINDET. IN DER BEGEGNUNG ZEIGT SICH, DASS MENSCHEN TROTZ UNTERSCHIEDLICHER LEBENSLAGEN, ÜBERZEUGUNGEN UND PERSÖNLICHKEITEN IMMER AUCH ETWAS GEMEINSAM HABEN

Protokoll: Christoph Gurk; Illustration: Martin Fengel; Foto: Barbara Donaubauer

ZÄHNE

DR. ANDREA STORCK (52), ZAHNÄRZTIN BEI DRES. HELLHAKE UND STORCK …
… UND GERALD CONSTANTIN PANCESCU (41), BISS-VERKÄUFER AM ODEONSPLATZ

GERALD PANCESCU: Meine Eltern waren sehr arm. Ich komme aus Rumänien, dort hat mein Vater in einer Traubenzuckerfabrik gearbeitet. Damit wir Kinder keinen Hunger hatten, brachte er welchen mit nach Hause. So habe ich schlimme Karies bekommen und Zähne verloren.

ANDREA STORCK: In unserer Praxis behandeln wir seit Jahren BISS-Verkäufer. In den meisten Fällen geht es dabei erst mal darum, Mundhygiene zu optimieren, kariöse Zähne zu versorgen und fehlende Zähne zu ersetzen. Denn wenn jemandem ein Zahn fehlt, dann schlägt sich das auch auf das Selbstvertrauen nieder.

GP: In Rumänien habe ich Polsterer gelernt, Jobs gab es aber keine, also bin ich als Maurer nach Italien, dann als Tellerwäscher nach Innsbruck, am Ende bin ich in München gelandet und zur BISS gekommen. Sie hat mich zu Frau Dr. Storck geschickt.

AS: Ich selbst habe lange unter einer Zahnspange gelitten und dachte immer, dass man das doch anders machen könnte. Ich wollte dann Kieferorthopädin werden; während des Studiums merkte ich aber: Zahnmedizin gefällt mir besser. Man hat mit unterschiedlicheren Leuten zu tun. Klar, viele haben Angst, die kann man ihnen aber nehmen, durch kleine Schritte und Erklärungen. Am Ende sollen alle hier zufrieden herausgehen.

GP: Seit zwei Jahren bin ich bei der BISS. Ein Jahr davon war ich immer wieder in Zahnbehandlung. Manchmal war es schwer, aber wenn jetzt Kunden zu mir kommen, kann ich sie anlächeln.

„I will be with you, whatever“

KUNSTAKTION IM ÖFFENTLICHEN RAUM ZUM 25-JÄHRIGEN JUBILÄUM VON BISS

Zum 25-jährigen Jubiläum der Münchner Straßenzeitung BISS errichtet das renommierte britische Künstlerduo Ivan Morison und Heather Peak von Studio Morison unter dem Titel „I will be with you, whatever“ ein Kunstwerk in Form eines Pavillons um das Reiterstandbild von Maximilian I. am Wittelsbacherplatz. Es handelt sich um eine temporäre Skulptur, die von 30. Juni bis Oktober 2018 dort stehen wird. In dieser Zeit finden am Wittelsbacherplatz Veranstaltungen sowohl mit hochkarätigen Künstlern als auch mit den Münchner Bürgerinnen und Bürgern statt

von Karin Lohr

Das war der erste Entwurf des Pavillons, noch aus Papier              

WIE ALLES BEGANN

Angefangen hat alles im Jahr 2016 als studentisches Projekt der Fakultät für Gestaltung an der Hochschule Augsburg. Die Idee, ein Projekt für das 25-jährige Jubiläum von BISS zu entwickeln, hatten Frau Prof. Gudrun Müllner und Joerg Jahn, zwei Profis mit langer Erfahrung in der professionellen Werbung, die für BISS die allererste Kampagne im Jahr 1998 entwickelt haben. Wie für einen „echten“ Kunden informierten sich die Studierenden zuerst vor Ort, was genau die Münchner Straßenzeitung macht. Sie nahmen an einer BISS-Stadtführung teil, redeten mit den Verkäufern und stellten viele kluge Fragen. Zum Abschluss des Semesters präsentierten die zukünftigen Werber und Gestalter in Arbeitsgruppen ihre Vorschläge. Wir waren beeindruckt, wie engagiert die Studierenden an das Projekt herangegangen sind und was sie sich alles haben einfallen lassen. Festgehalten hat BISS an dem Vorschlag, eine künstlerische Aktion im öffentlichen Raum weiterzuverfolgen.

DER ÖFFENTLICHE RAUM

Für BISS als Straßenzeitung spielt der öffentliche Raum eine besonders wichtige Rolle. Im Unterschied zu konventionellen Organisationen findet bei einer Straßenzeitung das betriebliche Geschehen größtenteils auf der Straße statt. Unsere Verkäufer stehen immer in der Öffentlichkeit, wenn sie verkaufen. Es ist für sie an ihren Standplätzen enorm wichtig, dass sie die Zeitung gefahrlos anbieten können. Es gibt zunehmend Großstädte, in denen Menschen gar nicht stehen könnten, weil sie in Gefahr gerieten, von Autos überfahren, für Verbrecher gehalten bzw. selbst ausgeraubt zu werden. Und schon länger entwickeln sich Innenstädte dahin gehend, dass nicht nur obdachlose Menschen, sondern überhaupt alle, die nicht andauernd „shoppen“ können oder wollen, keinen Platz mehr finden, ohne konsumieren zu müssen. Das liegt auch an den steigenden Mieten und dem Zwang zur totalen kommerziellen Verwertung von Raum, für den München leider das Negativbeispiel schlechthin ist. Für BISS ist der öffentliche Raum ein hohes Gut, das es zu erhalten gilt. Auch dafür wollen wir mit unserer Aktion ein Zeichen setzen.

Lesen Sie weiter bei »„I will be with you, whatever“«…

Erinnerungen an die Obdachlosigkeit

EIN TEXT AUS DER SCHREIBWERKSTATT

von Pietro Dorigo

Ich bin seit 2005 bei der BISS. Davor habe ich lange auf der Straße gelebt, von Mitte der 1990er-Jahre bis fast 2000. Wenn ich nun zur Abtei St. Bonifaz gehe, um dort meine BISS-Hefte abzuholen, dann kommen immer wieder Erinnerungen an diese Zeit hoch. Denn dort sehe ich immer viele bedürftige Menschen, die auf eine warme Suppe warten. Ich weiß ganz genau, wie das ist. Ich war selbst mit einiger Regelmäßigkeit bei der Essensausgabe. Was sich heute verändert hat: Ich sehe viel mehr Leute und auch viel mehr Frauen, die regelmäßig nach St. Bonifaz kommen. Woher das kommt, weiß ich nicht. Ich sehe auch viele Italiener, meine Landsleute, darunter viele junge Menschen. Das macht mich sehr traurig. Ich hoffe, dass sie alle ihren Weg ins Leben wiederfinden können. Ich habe ihn gefunden dank BISS, und heute lebe ich in einer eigenen Wohnung mit meinen zwei Freundinnen, die immer für mich da sind (manche Stammkunden kennen sie schon: Die Freundinnen heißen „Carmensita“ und „Contessa“ und sind zwei Café-Mokka- Maschinen, eine für ein bis zwei Tassen, die andere für vier bis fünf).

Kunst ist schön

BISS-Geschäftsführerin
Karin Lohr
Foto: Sascha Kletzsch

… macht aber viel Arbeit. Das wusste schon Karl Valentin, dem dieses Bonmot zugeschrieben wird. Für unser spektakuläres Vorhaben zum 25-jährigen Jubiläum von BISS trifft das in besonderem Maße zu: Denn auf dem Wittelsbacherplatz errichtet das britische Künstlerkollektiv Studio Morison unter dem Motto „I will be with you, whatever“ eine Skulptur um das Denkmal von Kurfürst Maximilian I., der dort (im Moment noch unbehelligt) zu Pferde sitzt. Was wir in unserer Januarausgabe erst andeuten konnten, ist jetzt spruchreif. Seit Ende März liegen alle erforderlichen Genehmigungen vor. Bis es so weit war, hatten nicht nur BISS und die Künstler alle Hände voll zu tun, sondern auch die öffentliche Verwaltung, angefangen bei der Kunstkommission und der Denkmalschutzbehörde über das staatliche Bauamt, die Regierung von Oberbayern, die Lokalbaukommission und das Baureferat bis zur Branddirektion und dem Kreisverwaltungsreferat. Wir danken allen Beteiligten an dieser Stelle für die fachliche Beratung und die Unterstützung! BISS wird mit der Skulptur und vielen tollen Veranstaltungen von 30. Juni bis voraussichtlich Mitte Oktober 2018 auf dem Wittelsbacherplatz präsent sein. Über das Programm halten wir Sie im Heft und im Internet auf dem Laufenden. Unser zweites Jubiläumsprojekt ist der Dokumentarfilm „BISS und die Angst vorm Fliegen“. Der Filmemacher Wolfgang Ettlich und sein Team haben vier relativ neue BISS-Verkäufer von 2015 bis 2017 mit der Kamera begleitet und zeigen im Film, wie es jedem von ihnen ergeht. Die Premiere ist im Mai auf dem Münchner DOK.fest Premiere (Vorführtermine Seite 23). Vielleicht haben Sie Gelegenheit, ihn sich anzuschauen. Die Protagonisten sind nach Möglichkeit bei den Vorstellungen anwesend und beantworten gerne im Anschluss Ihre Fragen. So unterschiedlich unsere Projekte auch sind, sie zeigen beide, dass man Geduld haben muss, weil sich Vorhaben und Menschen entwickeln und dafür Zeit brauchen. Und man sieht, dass man mit der Unterstützung anderer weiter kommt, als man das als Einzelkämpfer tun würde. Die Künstler von Studio Morison, Heather Peak und Ivan Morison, haben ganz am Anfang mal gesagt, dass sie für BISS so wie für die Tate Modern arbeiten würden, sie würden etwas wirklich Schönes – „something really beautiful“ – schaffen. Das hat uns total überzeugt. Denn mit diesem Geschenk wollen wir unseren Dank und unsere Wertschätzung ausdrücken für die BISS-Verkäufer und überhaupt für alle Münchnerinnen und Münchner. Wir würden uns freuen, wenn Sie in diesem Sommer den Weg zum Wittelsbacherplatz fänden. Dann werden Sie mit eigenen Augen sehen, dass Kunst in diesem Fall richtig schön ist!

Herzlichst

 

 

 

Karin Lohr, Geschäftsführerin