Aussortiert?

In München sortieren und recyclen soziale Betriebe wie Anderwerk Elektroschrott. Das Programm bietet 180 Langzeitarbeitslosen Beschäftigung und trägt zur Müllvermeidung bei. 2019 könnte das Projekt eingestellt werden, die Beschäftigten würden ihren  Arbeitsplatz verlieren –  eine Folge komplizierter Verkettungen im Müllgeschäft

Text LINUS FREYMARK
Foto TANJA KERNWEISS

Wenn die Container kommen, weiß Peter Kaufmann genau, was zu tun ist. Gemeinsam mit seinen Kollegen entlädt er die orangen Behälter, die direkt von den Wertstoffhöfen in und um München angeliefert werden, und bringt den gelieferten Elektroschrott in die große Halle. Dort wird zunächst sortiert: Flachbildschirme hierhin, Röhrenfernseher dorthin. An allen Geräten werden die Kabel abgezwickt, anschließend werden sie in ihre Einzelteile zerlegt. Es ist eine aufwendige Arbeit. Sieben Container schaffen Kaufmann und seine 35 Kollegen pro Woche. Sieben Container, das sind zwischen 30 und 40 Tonnen Elektroschrott, die jede Woche in Feldkirchen aufbereitet werden. Kaufmann ist seit zehn Jahren bei der Lernstatt Recycling. Der Betrieb bietet Beschäftigungsmaß nahmen für Langzeitarbeitslose, die zwar vergütet werden, in erster Linie jedoch dabei helfen sollen, den Alltag zu strukturieren und die durch die Arbeitslosigkeit hervorgerufene Perspektivlosigkeit zu lindern. 1,50 Euro erhält Kaufmann pro Stunde; bei einer Arbeitswoche von 30 Stunden macht das 45 Euro pro Woche, etwa 180 Euro im Monat. Für Kaufmann, der Arbeitslosengeld II bezieht, ist diese sogenannte Mehraufwandsentschädigung eine wichtige finanzielle Entlastung. Träger der Lernstatt Recycling in Feldkirchen ist die Anderwerk GmbH, eine Tochtereinrichtung der AWO München. Mitte der 80er-Jahre gegründet, bildet der soziale Betrieb benachteiligte Jugendliche, Menschen mit Behinderung und Langzeitarbeitslose aus und weiter, bietet Deutschkurse für Flüchtlinge an und beschäftigt Menschen, die auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt nur geringe Chancen auf einen Job haben. Der Betrieb hat sich auf die Entsorgung von Elektroaltgeräten spezialisiert, sprich Fernseher und Computer. „Hierbei sind wir Dienstleister für ein kommerzielles Entsorgungsunternehmen“, erklärt Uwe Schürch, der Betriebsleiter in Feldkirchen. Anderwerk schließt seine Verträge also nicht direkt mit dem städtischen Abfallwirtschaftsbetrieb, kurz AWM, ab. Vielmehr profitiert der Betrieb von einer Nische der komplizierten Entsorgungsbranche, die durch eine Kooperation des AWM mit privaten Entsorgern entsteht. Der AWM schreibt den Entsorgungsauftrag für Elektroschrott in regelmäßigen Abständen öffentlich aus. Darauf bewerben sich kommerzielle Entsorgungsunternehmen, die, erhalten sie den Zuschlag, vertraglich zu einer Zusammenarbeit mit den vier im Recyclingbereich aktiven Sozialbetrieben verpflichtet sind.

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Umzug

EIN TEXT AUS DER SCHREIBWERKSTATT

von Ernst Köppel

Meine lieben Kundinnen und Kunden, wie Sie wissen, wollte ich ja nach sieben Jahren den Stachus verlassen, weil es mir an meinem Platz zu laut, dreckig und zu kalt geworden ist. Jetzt hat sich eine neue Situation ergeben: Der Marco Veneruso, einer unserer Verkäufer im Rollstuhl, hat aufgehört und ich darf jetzt an seinem Platz verkaufen. Deshalb werde ich von nun an vermehrt an meinem neuen Platz am Vinzenzmurr stehen. Falls Sie mich suchen sollten, wird Toni, der neue Verkäufer an meinem alten Platz, Ihnen gern sagen, wo ich stecke. Ich hoffe, dass Sie mir weiter treu bleiben. Mal sehen, ob ich auf dem neuen Platz genauso viel erlebe wie vor der Stadtsparkasse! Ein kleiner Tapetenwechsel innerhalb des Stachus tut jedenfalls gut. Und Gott sei Dank muss ich auch an meinem neuen Platz nicht draußen stehen. Wenn ich mich eingearbeitet habe, werde ich wieder mehr Artikel schreiben. Viele von Ihnen hatten mich darum gebeten. Jetzt gilt es erst mal, mich vor dem Vinzenzmurr zu etablieren, und ich hoffe auf einen baldigen Ratsch mit Ihnen!

Jede dritte Ehe?

BISS-Geschäftsführerin
Karin Lohr
Foto: Sascha Kletzsch

Wer wie ich in den 80er-Jahren an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität Soziologie mit dem Vertiefungsfach Bevölkerungssoziologie studierte, tat das bei Professor Karl Martin Bolte. Nach Bolte, Jahrgang 1925 und mittlerweile verstorben, ist die „Bolte-Zwiebel“ benannt, eine grafische Darstellung des sozialen Aufbaus der Gesellschaft in der damaligen Bundesrepublik. Ich erinnere mich an Boltes angenehmen Umgangston und daran, dass er für einen Soziologen erstaunlich bodenständig und sportlich war, wie man auch bei gelegentlichen Betriebsausflügen des Forschungsbereichs feststellen konnte. Schnell vorbei war es jedoch mit Boltes Liebenswürdigkeit, wenn man in einer Vorlesung oder Prüfung ohne nachzudenken etwas behauptete, weil man das so „irgendwo“ gelesen hatte. Der Klassiker war die Aussage, jede dritte Ehe würde wieder geschieden. Ihm reichte es dann nicht, dass man beflissen zurückruderte, sondern er wollte schon genau erklärt haben, weshalb das so falsch ist. In aller Kürze für diejenigen, die das möglicherweise auch meinen oder sogar gelegentlich noch schreiben: Es wird irrtümlich die Zahl der Scheidungen in einem Jahr in Bezug gesetzt zur Zahl der Eheschließungen in dem gleichen Jahr. Es sind aber nicht dieselben Menschen, die beispielsweise 2018 heiraten und sich 2018 scheiden lassen (Hollywoodstars und Lothar Matthäus sind statistisch gesehen eher die Ausnahme und vernachlässigbar). Man weiß seit Langem, dass für die Bevölkerungsentwicklung in Deutschland und in Europa die sogenannten Wanderungsbewegungen von Menschen entscheidend sind. Sie sind bestimmender als etwa die Entwicklung der Geburtenzahlen und der Sterblichkeit in einem Land. In der Vergangenheit und auch in der Gegenwart haben sich Menschen in Europa und auf der Welt dahin bewegt, wo sie hofften zu überleben oder ein besseres Leben führen zu können. Wenn also manche Politiker sowohl bei den Koalitionsverhandlungen in Berlin als auch im bayerischen Wahlkampf wider besseres Wissen behaupten, eine „Lösung der Flüchtlingsfrage“ wäre möglich, so ist das unlauter. Natürlich muss die Politik alle Möglichkeiten nutzen, Einfluss zu nehmen, aber sie darf nicht behaupten, mit den Mitteln von gestern die Welt von vorgestern auferstehen zu lassen. Gute Politiker haben mit guten Wissenschaftlern gemeinsam, dass sie aufklärerisch und streitbar sind – nicht nur zum Wohle der Wähler ihres Wahlkreises, sondern indem sie die Menschen miteinbeziehen, die von ihren Entscheidungen betroffen sind.

Herzlichst

 

 

 

 

Karin Lohr, Geschäftsführerin

Die BISS-WG

Foto: BR

Über 8000 Menschen in München haben kein festes Zuhause, mehr als 550 leben auf der Straße. Die BISS-Stiftung wollte ein Zeichen setzen. Sie errichtete eine Wohnung für drei Obdachlose.

https://www.br.de/br-fernsehen/sendungen/mehrwert/index.html