Käufer & Verkäufer

_mg_0070_sw1Christian Protzek ( links ) ( 55 ) arbeitet als Elektroplaner in der Automobilwirtschaft

An Herrn Kurz bewundere ich am meisten seine Freundlichkeit. Er grüßt einfach alle – egal, ob sie nun eine Zeitung kaufen oder nicht. Er macht den Eindruck, als ob man mit ihm Pferde stehlen könnte. Wenn wir ins Gespräch kommen, lasse ich auch manchmal ein paar U-Bahnen sausen, weil ich mich so gern mit ihm unterhalte. Schon das erste Gespräch mit ihm war offen, und inzwischen sind unsere Themen wirklich tief geworden. Es ist ein richtiger Austausch entstanden auf Augenhöhe und mit gegenseitigem Respekt. Auch wenn es Zeiten gibt, in denen man ihm ansieht, dass es ihm gerade nicht so gut geht, spürt man doch die Lebenslust durch, die er hat. Er war ja auch schon viel unterwegs in seinem Leben. Auch dass er so viel in der Schreibwerkstatt schreibt, bewundere ich. Seine Texte dort sind wirklich stark.

Wolfgang „Butzi“ Kurz ( rechts ) ( 58 ) BISS-Verkäufer an den U-Bahnhöfen Silberhornstraße und Neuperlach Süd

Ich verkaufe die BISS an der Silberhornstraße und in Neuperlach Süd. Beim Verkaufen gefällt mir am meisten der Umgang mit den verschiedenen Menschen – ich verurteile niemanden, egal, ob er Moslem, Christ oder Orthodoxer ist, schwarz oder weiß. Bei mir sind alle gleich. Denselben Respekt wünsche ich mir von den anderen. Zu Herrn Protzek sage ich oft, er ist ein richtiger Haudegen. Und er meint immer, ich soll so bleiben, wie ich bin. Herr Protzek kennt mich schon sehr gut und weiß, wenn es mir einmal schlecht geht. Wir reden auch manchmal über unsere Enkel. In meiner Freizeit bin ich gern an ruhigen Plätzen wie dem Hachinger Bach oder ich schreibe. Zum Beispiel ja auch für die BISS-Schreibwerkstatt. Vielleicht übernehme ich auch bald einige der Stadtführungstouren von BISS. Denn auf BISS bin ich wirklich stolz. Ich habe auch einen guten Draht zu Gott. Auch wenn ich nicht in Geld schwimme, bin ich eigentlich Millionär – denn ich bin gesund.

Foto: Barbara Donaubauer

Protokoll: Christine Auerbach

Die BISS-WG

Der Immobilien- und Wohnungsmarkt in München ist eine prekäre Angelegenheit. Zu wenig bezahlbarer Wohnraum macht es vor allem Bürgern in sozialen Schwierigkeiten sehr schwer, eine Wohnung zu bekommen. Mit einer Wohngemeinschaft will der Verein BISS, unterstützt von der Stiftung BISS, obdachlose BISS-Verkäufer von der Straße holen, mittelfristig wieder in den Wohnungsmarkt und langfristig in die Gesellschaft eingliedern. Die WG ist ein Pilotprojekt und eine Herzensangelegenheit aller verantwortlichen Akteure

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Foto HANNES ROHRER
Text BARBARA OFF

Ende Oktober 2016. Ein prachtvoller, sonniger Herbsttag mit leuchtenden gelben Blättern in der Gartenstadt Solln. Auf dem Klingelschild stehe „BISS“, heißt es in der Wegbeschreibung. Also nicht zu verfehlen. Zwei rumänische BISS-Verkäufer, Vertreter von BISS e. V. und der Stiftung BISS, ein Übersetzer, ein Fotograf und eine Journalistin treffen sich in einer 3-Zimmer-Wohnung in einem der Wohnblocks. Heute ist offizielle Schlüsselübergabe. Die BISS-Verkäufer Ion Plesa und Cuza Dragomir ziehen in die neu gegründete BISS-WG ein – das jüngste Projekt der Stiftung BISS in Zusammenarbeit mit dem BISS e. V.

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Das Leiden eines (werdenden) Blinden

EIN TEXT AUS DER SCHREIBWERKSTATT

von Hans Pütz

Ich habe früher auch viel in der Schreibwerkstatt geschrieben, und immer wieder fragen mich Kunden, warum ich das nicht mehr tue. Ich will es Ihnen erklären: Vor eineinhalb Jahren haben die Ärzte bei mir Makulophatie entdeckt. Ich bin Diabetiker, und das hat dazu geführt, dass meine Augen so schlecht geworden sind. Ich sehe auf beiden Augen nur noch 20 Prozent. Alles ist verschwommen, wie wenn die Welt hinter Nebel liegen würde. Zu Hause habe ich eine gute Bekannte, die mir im Alltag hilft, wenn ich Briefe bekomme oder wenn ich Anträge ausfüllen muss. Sie hat mir auch geholfen, den Schwerbehindertenausweis zu bekommen. Den Rest bekomme ich alleine hin, es gibt Tricks: Wenn man zum Beispiel ein Glas Wasser füllt, dann hält man einen Finger an den Rand des Glases und spürt, wenn es voll ist. Ich habe zu Hause mindestens zehn Lupen liegen, und meinen Fernseher muss ich ganz nah ans Bett rücken, damit ich etwas sehe. Beim Verkaufen habe ich manchmal Probleme, das Kleingeld auseinanderzuhalten. Aber mit der Zeit weiß man, wie groß die Münzen sind und wie sie sich anfühlen. Es ist anstrengend für mich, die Leute zu erkennen, auch wenn sie schon seit Jahren zu mir kommen. Ich bin ja schon seit über 20 Jahren bei der BISS, doch viele Kunden wissen nicht, das ich fast blind bin. Wenn ich es ihnen dann sage, sind sie überrascht und wollen mir helfen. Manche Leute wundern sich, dass ich öfter nicht an meinem Standplatz bin. Das liegt an meinen Terminen beim Augenarzt. Zu Weihnachten und für das nächste Jahr wünsche ich mir, dass ich besser sehen kann, und ein paar neue Augen.

Alles neu

BISS-Geschäftsführerin Karin Lohr Foto: Sascha Kletzsch

BISS-Geschäftsführerin
Karin Lohr
Foto: Sascha Kletzsch

Das neue Jahr fängt auch dieses Mal am 1. Januar an, obwohl so ein Neuanfang in einem wärmeren und schöneren Monat, als es der Januar erfahrungsgemäß ist, viel einfacher wäre. Nicht ohne Grund heißt es nicht „Alles neu macht der Januar“, sondern eben „der Mai“, auf den man sich jetzt schon freuen kann, was leider die Angelegenheit nicht wesentlich beschleunigt. Zur Überbrückung der kommenden Wintermonate, so glaubt man gerne, tragen gute und vernünftige Vorsätze bei. Viel geeigneter dafür wären jedoch Pläne für schöne Reisen, abenteuerliche Vorhaben und überhaupt für solche Projekte, die eine Herausforderung sind, weil für alle Beteiligten etwas ganz Neues beginnt. So ist unsere BISS-Wohngemeinschaft, über die wir in dieser Ausgabe ausführlich berichten, nicht nur irgendein neues Projekt für BISS, sondern eine Herzensangelegenheit, bei der sich alle Akteure wünschen und nach Kräften bemühen, dass sie sich gut entwickeln wird. Am 1. November letzten Jahres sind zwei ehemals obdachlose BISS-Verkäufer in eine 3-Zimmer-Wohnung eingezogen, die von der Stiftung BISS gekauft und zu diesem Zweck vermietet wurde. Ein weiterer, ebenfalls vorher obdachloser Verkäufer kam einen Monat später hinzu, sodass es mittlerweile drei Herren sind, von denen jeder ein eigenes Zimmer bewohnt und sich mit seinen Mitbewohnern Bad und Küche teilt. Dank großzügiger Förderer konnte die Wohnung günstig erworben, hochwertig eingerichtet und wohnlich ausgestattet werden, damit sich die neuen Bewohner vom ersten Tag an wohlfühlen können. Unser Kooperationspartner, das H-Team, begleitet gemeinsam mit dem BISS-Sozialarbeiter die drei Herren unbürokratisch bei allem, was bei so einem Neustart notwendig ist: z.B. die Anmeldung beim KVR, die Pflege der gemeinschaftlich genutzten Räume sowie das Einrichten eines Dauerauftrags für die Mietzahlung. Geplant ist, dass unsere Verkäufer innerhalb eines Jahres in den sogenannten normalen Wohnungsmarkt überwechseln, wenngleich die hohen Mieten auf dem Münchner Wohnungsmarkt längst jede Normalität verloren haben. Projekte wie dieses sind bitter notwendig, denn sie bringen Menschen mit besonderen sozialen Schwierigkeiten von der Straße weg. Dass das Ganze nicht konfliktfrei verlaufen wird, ist nicht nur jenen Menschen bewusst, die irgendwann in ihrem Leben selbst in einer Wohngemeinschaft gelebt haben. Wir haben es gewagt, weil es in bestimmten Situationen notwendig ist zu handeln, auch wenn noch nicht jedes Detail festgelegt ist, und weil vom Diskutieren allein nichts vorangeht. Ihnen, liebe BISS-Leser, wünsche ich ein gutes neues Jahr, Courage und Glück bei Ihren Vorhaben!

Herzlichst

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Karin Lohr, Geschäftsführerin