Schreibwerkstatt – eine Nachlese

EIN TEXT AUS DER SCHREIBWERKSTATT

von Ercan Uzun

Was mir in meinen 15 Jahren Schreibwerkstatt immer am schwersten gefallen ist, waren die Einleitung und das Thema. Bei diesem Text hier ist das ausnahmsweise einmal nicht so. Die BISS feiert 25-jähriges Jubiläum und ich ziehe Bilanz über all die Zeit, in der ich Texte für die Rubrik Schreibwerkstatt verfasste. Nach sicher mehr als 100 Texten bekommt man doch eine gewisse Sicherheit und ist vor dem Schreiben nicht mehr ganz so aufgeregt. Größtenteils entstanden meine Zeilen in der Redaktion – entweder früher in der Königinstraße oder jetzt in der Metzstraße. Meine „Lehrer“ waren immer wieder andere. Meist lieferte meine Familie Ideen, worüber ich schreiben könnte. Mit Frau und vier Kindern tut sich doch so einiges. Am meisten wurde ich früher kritisiert, als ich über meine Krankheit schrieb, und daher habe ich auch versucht, meine Schwermut nicht zu sehr in meinen Beiträgen wiederzugeben. So verfasste ich Geschichten über Klassentreffen, Ausflüge und Themen, die weder mit meiner Psyche noch mit meiner Familie zu tun hatten. Einmal schrieb ich darüber, wie mir in meiner Kindheit und Jugend und später die Mädchen und Frauen „ein dutzend Körbe“ gegeben haben. Was bei der Entstehung meiner Artikel immer eine Rolle spielte, waren die Jahreszeit, das Wetter und die Stimmung, in der ich mich in dem Moment befand. Dieser Text ist beispielsweise im Hochsommer entstanden und Sie lesen ihn im Herbst, wenn potenziell die ersten Schneeflocken fallen könnten. Mehrmals meldeten sich Leser meiner Schriftstücke per Brief oder E-Mail und äußerten ihre Gedanken oder Anregungen. Im Laufe der Zeit mehrten sich diejenigen, die äußern, sehr gerne zu lesen, was ich in der Rubrik fabriziere. Solange ich für meine Texte ein Echo bekomme, wird mir der Antrieb fürs Schreiben nicht versiegen.

Versprochen!

BISS-Geschäftsführerin
Karin Lohr
Foto: Sascha Kletzsch

BISS – Bürger in sozialen Schwierigkeiten e.V. ist 1993 aus einem kleinen Kreis engagierter Leute entstanden. Damals konnte keiner von ihnen wissen, wie sich das Projekt auf lange Sicht entwickeln würde. Trotzdem haben sowohl die Gründer als auch alle diejenigen, die in den folgenden 25 Jahren dazu beitrugen, ihre Kenntnisse und ihre Kraft zum Wohle von BISS und seiner Verkäufer eingebracht. Kaum einer hat eine Kosten-Nutzen-Rechnung angestellt, ob sich das denn lohne, diese Anstrengungen zu unternehmen, wo man doch nicht wissen kann, ob der arme und obdachlose Mensch, dem sie gelten, tatsächlich wieder auf die Beine kommen wird. Doch nur so konnte es funktionieren, denn wer konsequent anstatt in Almosen in die Verbesserung der Lebensverhältnisse benachteiligter Menschen investiert, hat langfristig Erfolg. In den vergangenen 25 Jahren hat BISS nicht nur fast 1000 meist obdachlosen Verkäufern in ihrer existenziellen Not geholfen, sondern auch ebenso vielen anderen armen und hilfebedürftigen Menschen, sei es einer alleinerziehenden Mutter, einem Asylbewerber in der Ausbildung oder einem ehemals selbstständigen Autohändler, der nach einer psychischen Erkrankung sein Leben ganz neu aufbauen musste. Ja, es ist so, dass die Welt in den letzten 25 Jahren nicht gerechter geworden ist. Die Verteilung von Vermögen zugunsten weniger Reicher und zulasten vieler Armer hält an. Zu dieser Umverteilung von unten nach oben tragen auch die enorm gestiegenen Bodenpreise bei, deren Explosion die Politik noch nicht wirksam hat stoppen können. Und doch ist es keine Alternative, zu resignieren und aufzugeben. Wenn sich jeder von uns an seinem Platz und nach seinen Möglichkeiten für eine demokratische und solidarische Gesellschaft einsetzt, macht das in der Summe einen großen Unterschied. Wir sind viele, und das lässt uns vertrauensvoll in die Zukunft schauen. BISS dankt allen denjenigen, die die Arbeit des Vereins in den vergangenen 25 Jahren unterstützt haben. Zu diesem großartigen Netzwerk gehören unsere Spender, die persönlichen und allgemeinen Paten, die Anzeigenkunden, die Ehrenamtlichen und nicht zuletzt die Käufer und Leser der Zeitung. Wir BISSler werden uns auch in den nächsten 25 Jahren für gerechte Lebensverhältnisse für alle Menschen einsetzen und dafür, dass jeder eine echte Chance hat auf ein Dach über dem Kopf, gesundheitliche Versorgung und Bildung. Versprochen!

Herzlichst

 

 

 

Karin Lohr, Geschäftsführerin
P.S. Und wenn Sie wissen wollen, wie das Foto auf dem Cover zustande kam, fragen Sie den Verkäufer Ihres Vertrauens!

#MeinWunschAnBayern

Was ist Ihr Wunsch an Bayern?

Der Bayerische Rundfunk ruft derzeit dazu auf, sich zu dieser Frage Gedanken zu machen und ein Video davon auf den Sozialen Medien zu posten. Der evangelische Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm hat bei der Hashtagkampagne zwei Verkäufer der BISS nominiert, ihre Wünsche ebenfalls zu teilen.

#MeinWunschAnBayern von Ercan Uzun:

#MeinWunschAnBayern von Wolfgang Räuschl:

BISS und die Angst vorm Fliegen – Jetzt auf YouTube

Wie verändert sich das Leben von armen und obdachlosen Menschen durch Eigeninitiative und Leistung durch den Verkauf der Zeitschrift BISS? Der Regisseur Wolfgang Ettlich geht dieser Frage nach und begleitete vier Verkäufer der Münchner Straßenzeitung BISS über drei Jahre hinweg in ihrem Alltag. Der Film feierte im Mai dieses Jahres seine Premiere auf dem DOKfest München und wurde im Anschluss mehrfach im Heppel + Ettlich gezeigt. Jetzt freuen wir und, dass der Film für jeden zugänglich ist. Viel Freude beim ansehen.