Acht Jahre Leerstand

Unser Modell: Ausbildungs- und Arbeitsplätze im Hotel BISS, dazu seniorengerechte Wohnungen

Die Münchner Straßenzeitung BISS plante einst, das ehemalige Frauengefängnis Am Neudeck 10 zu erwerben und darin Hotel BISS als Sozialunternehmen zu gründen. Nachdem 2011 nicht BISS, sondern ein kommerzieller Immobilieninvestor den Zuschlag erhielt, steht das Gebäude bis heute leer. Demnächst starten unter einem anderen Eigentümer die Renovierungsarbeiten. Was ist das für ein Bauprojekt, das nun geplant wird? Wie kam die Entscheidung gegen Hotel BISS damals zustande? Und was ist mit dem Anwesen Am Neudeck 10 seitdem passiert? Eine Spurensuche.

Foto MARGIT ROTH
Text LINUS FREYMARK

Idyllisch ist es Am Neudeck 10. Der Auer Mühlbach plätschert gemächlich vorbei, vom Großstadtlärm kriegt man in der Au sowieso nicht viel mit, hier jedoch ist es extrem ruhig. Es ist eine Wohnlage, um die man sich in München reißt, gerade hier, im Herzen der bayerischen Landeshauptstadt, ist Wohnraum Luxusware. Trotzdem ist an diesem Julisonntag kein Fenster geöffnet, kein Fahrrad parkt vor dem dunklen, wenig einladenden Eingangstor: Das Gebäude steht seit mehr als acht Jahren leer. Die Geschichte des Grundstücks Am Neudeck 10 ist eine Geschichte voller falscher Entscheidungen, Missverständnisse und politischer Verirrungen. Und wie so oft, wenn etwas schiefläuft, möchte niemand dafür verantwortlich sein. Deshalb ist es eine Geschichte, die schwer nachvollziehbar ist, in der immer wieder Lücken auftauchen, die sich auch nach sorgfältiger Recherche nicht schließen lassen. Und trotzdem ist es eine Geschichte, die viel über die Gegensätze in unserer Welt erzählt. Es ist eine Geschichte, in der die Politik gesellschaftliches Engagement und Idealismus dem Verwertungsinteresse von Lobbyisten unterordnet.

AUSBILDUNGSPLÄTZE FÜR 40 JUGENDLICHE – DAS WAR DER PLAN

Die Geschichte beginnt mit einer Idee: Bereits 2001, lange vor dem Umzug des damaligen Frauengefängnisses, das bis 2009 Am Neudeck beheimatet war, plant BISS die Gründung eines erstklassigen Hotels, in dem benachteiligte Jugendliche die Chance auf einen Ausbildungsplatz bekommen sollen. Prominente Unterstützer wie der damalige bayerische Ministerpräsident Günther Beckstein, Sportfreunde Stiller, Uschi Glas oder Uli Hoeneß setzen sich für das Hotelprojekt ein, das in dem ehemaligen Gefängnis Am Neudeck 10 realisiert werden soll. Das Areal scheint wie geschaffen für das Projekt: Ruhig, aber zentral gelegen, würde es Platz für über 100 Hotelgäste bieten, hinzu kämen altengerechte Wohnungen und die rund 40 Ausbildungsplätze. Zudem befindet sich das Anwesen in staatlicher Hand, ein Entgegenkommen der Staatsregierung, etwa durch den Verkauf des Anwesens zu einem von unabhängigen Gutachtern festgestellten Preis, scheint zunächst möglich. Alles läuft bestens, denn die Bayerische Landesstiftung sagt zu, Hotel BISS mit 2,5 Millionen Euro zu fördern, die Landeshauptstadt München ist mit 500.000 Euro dabei, und darüber hinaus spenden begeisterte Unterstützer, nicht nur aus München, 1,5 Millionen Euro. Im Jahr 2008 wechselt der Ministerpräsident: Auf Günther Beckstein folgt Horst Seehofer.

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Meine Hunde und ich

EIN TEXT AUS DER SCHREIBWERKSTATT

Von Eberhard Stephan

Ich wollte schon seit langer Zeit einen Hund haben, damit ich nicht mehr so allein bin. Also habe ich mir Windsor gekauft. Den Namen hatte ihm die Züchterin gegeben. Windsor war ein Shih Tzu, ein tibetischer Tempelhund. Mir gefiel diese Rasse, sie sind nicht zu groß und nicht zu klein und haben einen guten Charakter. Windsor und ich verstanden uns gut, und als er vor ein paar Jahren starb, kam Sherry zu mir, wieder ein Shih Tzu, wieder von der gleichen Züchterin, die ihm auch seinen Namen gegeben hat. Sherry ist ein guter Zuhörer, ich spreche viel mit ihm und habe ihn auch immer dabei. Wenn wir an meinem Standplatz sind, dann liegt Sherry ruhig auf seiner Decke. Manchmal schaut er sich die Passanten an, manchmal isst er, manchmal schläft er. Sherry spielt gern Fußball, ich muss ihm dann den Ball hinschießen und er jagt ihn. Ansonsten ist er aber ein ruhiger Typ, und nur wenn ich „Platz“ sage oder „Sitz“, wird er ärgerlich. Er lässt sich eben nicht gern herumkommandieren. Aber das ist in Ordnung. Ich mag das schließlich auch nicht.

Vom Aus- und Einsteigen

BISS-Geschäftsführerin
Karin Lohr
Foto: Sascha Kletzsch

Wenn Sie die BISS in den vergangenen Jahren häufiger gelesen haben, dann wissen Sie, dass wir uns jahrelang darum bemüht haben, das ehemalige Münchner Frauengefängnis Am Neudeck 10 von seinem damaligen Besitzer, dem Freistaat Bayern, zu erwerben. Wir wollten das denkmalgeschützte Gebäude am Auer Mühlbach in ein erstklassiges Hotel samt seniorengerechten Wohnungen umbauen. Aus dem Knast sollte ein Ort werden, der Welten zusammenführt, an dem sozial benachteiligte Jugendliche, unterstützt von den Senioren, erstklassig ausgebildet und daran anschließend in den Arbeitsmarkt vermittelt werden. Als die bayerische Regierung die Immobilie 2011 in einem Bieterverfahren einem anonymen Investor zuschlug, war es mit Hotel BISS endgültig vorbei. Wo Ausbildungsplätze und erschwinglicher Wohnraum hätten entstehen können, wurde das Anwesen zum Spielball kommerzieller Immobilienverwerter, die es am Ende als „besonderes Objekt für Anspruchsvolle“ mit Sonderabschreibung feilbieten (Seite 24). Was uns BISSler besonders schockiert hat, war die Ignoranz der handelnden CSU-Politiker im Landtag, die anders hätten entscheiden können. Sie haben nicht erkannt, dass BISS damals von allen Angeboten im Bieterverfahren möglicherweise nicht das höchste, aber das für die Gesellschaft beste Angebot abgegeben hat: Ausbildungsplätze für junge Menschen, die so eine Chance auf einen Einstieg in die Gesellschaft finden! Eine ähnliche Erfahrung mit der Politik in Bayern machen zurzeit Unternehmer, die Flüchtlinge anstellen oder ausbilden (Seite 12). Statt dass sie unterstützt werden, müssen sie fürchten, dass ihre Lehrlinge über Nacht abgeschoben werden. Wenn man sieht, wie eilfertig der bayerische Ministerpräsident einen Dieselgipfel einberuft, weiß man, dass die Integration von Flüchtlingen sehr viel besser vorangehen könnte, wenn sie denn endlich zur Chefsache in Bayern bzw. zur Chefinnensache im Bund erklärt werden würde. Zur jetzigen Politik fällt mir das Bild einer ehemaligen bayerischen Sozialministerin ein, die sich vor ein paar Jahren weigerte, auf dem Gelände einer Gemeinschaftsunterkunft aus ihrer Limousine auszusteigen. Das bringt aber niemanden weiter. Wenn also am 24. September in Deutschland gewählt wird, dann werden hoffentlich die Parteien viele Stimme bekommen, die den Menschen keine Angst vor der Zukunft machen. Die Parteien, die die Zukunft gestalten wollen und wissen, dass jeder durch sein Verhalten einen wichtigen Unterschied macht und dass man gemeinsam viel bewegen kann. Um die Leser der BISS mache ich mir da keine Sorgen, denn die wissen, worauf es ankommt: Auf eine gerechte und solidarische Gesellschaft!

Herzlichst

 

 

 

Karin Lohr, Geschäftsführerin

„Ich höre nur Lob von den Leuten“

Der älteste festangestellte BISS-Verkäufer Tibor Adamec feiert seinen 80sten Geburtstag!

 

Gratulation zum 80ten: Bissverkäufer feiert mit Landesbischof!

TV München war beim Geburtstagsständchen dabei.

Jeder Münchner kennt ihn, denn er gehört zu München wie die Frauentürme und das Oktoberfest: BISS-Verkäufer Tibor Adamec steht vor dem Eingang zum Kaufhof am Münchner Marienplatz.