Mein Anfang bei der BISS

EIN TEXT AUS DER SCHREIBWERKSTATT

von Suresh Kumar

2014 bin ich zur BISS gekommen. Ich habe Leute mit der Zeitschrift in der Stadt gesehen und habe einen Verkäufer gefragt, wo ich hingehen muss. Er hat mir die Telefonnummer und Adresse der BISS gegeben. Ich durfte hier anfangen, weil ich eine Krankheit habe und nicht normal arbeiten kann. In Deutschland bin ich seit 14 Jahren. Bevor ich hier angefangen habe, habe ich in Leipzig Lagerarbeit gemacht. Dann war ich in der Küche mehrerer Restaurants. Heute stehe ich in Gröbenzell, Großhadern und an anderen S-Bahn-Orten und verkaufe die BISS. Ich entscheide immer morgens, an welche Station ich an dem jeweiligen Tag fahre. Ich habe viele Stammkunden, aber es kommen immer auch neue Kunden. Aber vor allem mit den Stammkunden spreche ich viel – über mein Leben, ihre Sorgen und Indien. Mal dauert es zehn Minuten, mal eine halbe Stunde, manchmal trinken wir Kaffee zusammen. Meine Ex-Frau und meine Tochter wohnen in Görlitz, ich besuche die beiden alle paar Monate. Seit ich hier bin, war ich schon einmal in meiner Heimat Indien – wie laut und ungeordnet mir dort alles vorkommt. Leben möchte ich dort nicht mehr, aber Urlaub machen sehr gern.

BISS-Ausgabe Oktober 2018 | Jubiläumsausgabe

Cover des BISS-Magazins Oktober 2018

Thema | BISS-Jubiläumsausgabe | 6 Einfach machen: BISS-Geschäftsführerin Karin Lohr im Gespräch | 10 BISS – Der Film: Wie es für unsere Verkäufer weiterging | 12 Radikal sozial: Grundlagen unserer Arbeit | 13 Grußwort: Dr. Hans-Jochen Vogel ist seit jeher BISS verbunden | 14 Unsere Säulen: BISS und seine Unterstützer | 16 Hotel BISS: Hintergründe und Geschichte | 18 BISS-Jubiläum: Das gefällt unseren Verkäufern | 19 Das BISS-Grab: Seit 13 Jahren gibt es für unsere Verkäufer ein Grab | 20 25 Jahre BISS: Die Meilensteine auf dem Weg zum Erfolg | 24 Viel zu erzählen: Die Schreibwerkstatt-Macher | 25 Jubiläumsprogramm: „I will be with you, whatever“ | 26 Rückblick mit Ausblick | Schreibwerkstatt | 5 Was uns verbindet | 22 Aufgelesen: BISS-Verkäufer erzählen, was sie bewegt | Rubriken | 3 Editorial | 28 Patenuhren | 29 Freunde und Gönner | 30 Impressum & unsere Kooperationspartner | 31 Adressen

Was uns verbindet

IN DER BISS-KOLUMNE KOMMEN MENSCHEN ZU WORT, DIE EINE PERSÖN LICHE ERFAHRUNG ODER IHR INTERESSE AN EINEM THEMA ODER PROJEKT VERBINDET. IN DER BEGEGNUNG ZEIGT SICH, DASS MENSCHEN TROTZ UNTERSCHIEDLICHER LEBENSLAGEN, ÜBERZEUGUNGEN UND PERSÖNLICHKEITEN IMMER AUCH ETWAS GEMEINSAM HABEN

THOMAS DUSCHINGER, 64, SOZIALPÄDAGOGE IM RUHESTAND … UND SANDA BOCA, 38, BISSVERKÄUFERIN

Protokoll Christine Auerbach; Illustration: Martin Fengel; Foto: Barbara Donaubauer

 

Rechnungen

SANDA BOCA: Ich bin in Rumänien in einem Kinderheim aufgewachsen unter dem Regime von Ceausescu. Eine schreckliche Zeit. In Deutschland habe ich auf der Straße gelebt, denn ohne Arbeit findest du keine Wohnung. Jetzt habe ich dank BISS eine Wohnung.

THOMAS DUSCHINGER: Wenn man nie eine eigene Wohnung hatte, ist es oft schwer, den Überblick zu behalten bei all den Rechnungen und Überweisungen. Wir treffen uns deshalb circa zweimal im Monat, und ich helfe Frau Boca ehrenamtlich damit.

BOCA: Ein, zwei Wochen auf der Straße zu leben ist in Ordnung, aber dann bist du schmutzig und kaputt. In einer Wohnung kannst du sauber bleiben, schlafen, früh aufstehen für die Arbeit.

DUSCHINGER: Klar braucht es Geduld, jemanden langfristig zu unterstützen, und es gibt nicht nur Erfolge. Aber man muss dranbleiben. Frau Boca hat schon viel erlebt und freut sich auch, dass sie mit jemandem darüber sprechen kann.

BOCA: Ich habe einen Sohn, er ist 16. Er ist auch in einem Kinderheim, aber sie leben dort wie eine kleine Familie. Ich möchte ihn gern herholen. Herr Duschinger ist wie ein Papa für mich. So ein herzlicher Mann, er ist echt „Bombe“. Überhaupt ist BISS wie eine Familie, ich vermisse nichts, ich mag die Arbeit.

DUSCHINGER: Respekt, wie sie sich um ihren Sohn kümmert. Aber auch ich nehme von unseren Treffen etwas mit: Sich immer wieder auf Neues einzulassen, kulturelle Unterschiede anzuerkennen und eine Person so direkt zu unterstützen, macht Spaß.

Die Geschichte von Hotel BISS

Luxuswohnungen statt Ausbildung. Den Zuschlag für die Immobilie Am Neudeck bekamen Spekulanten

von Hildegard Denninger

Im September 2007 stellte BISS sein Projekt „Hotel BISS“ der Öffentlichkeit in einem Sonderheft vor: Die gemeinnützige und mildtätige Stiftung BISS beabsichtigt, das alte Münchner Frauen- und Jugendgefängnis Am Neudeck unter Einhaltung des Denkmalschutzes und Erhalt des alten Baumbestands in ein Hotel der gehobenen Klasse umzubauen, um damit 40 jungen Menschen in besonderen sozialen Schwierigkeiten eine umfassende, erstklassige Ausbildung und Qualifizierung zu ermöglichen. Hotel BISS soll 72 Zimmer haben. In einem separaten Gebäudeteil sollen elf altengerechte Wohnungen im Rahmen eines Konzepts vermietet werden, das die „Zusammenführung der Lebenswelten“ zum Inhalt hat. Die Erfahrungen und die Professionalität der Älteren sollen aktiv für die zu qualifizierenden Jüngeren genutzt werden. Alte und junge, arme und reiche Menschen sollen sich dort begegnen, das denkmalgeschützte Ensemble Am Neudeck soll erhalten werden zur Freude aller Bürger. Das Initiatorenteam – bestehend aus Karin Lohr, damals Geschäftsführerin von Dynamo Fahrradservice BISS e.V., meinem Mann, dem Sozialarbeiter Johannes Denninger, und mir als damaliger BISS-Geschäftsführerin – war überzeugt, mit Hotel BISS ein einzigartiges soziales Projekt verwirklichen zu können, das sich schon ab Eröffnung selbst trägt. Bereits bei einer 60-prozentigen Auslastung des Hotels hätten wir eine schwarze Null geschrieben. Renommierte Wirtschaftsprüfer, Banker und die Geschäftsführer der besten Münchner Hotels bestätigten uns, dass unser Businessplan hieb- und stichfest war, und boten uns vielseitige Unterstützung und Zusammenarbeit an. Die Raiffeisenbank München Süd sagte zu, die alleinige Finanzierung zu übernehmen. Wir waren begeistert von unserem Projekt und mit uns Tausende von Unterstützern und Spendern.

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