Unter Steuerzahlern

BISS-Geschäftsführerin
Karin Lohr
Foto: Sascha Kletzsch

Einmal in der Woche findet bei BISS der Deutschunterricht für unsere ausländischen Verkäufer statt. Eine kleine Gruppe trifft sich, um an alltäglichen Themen das Verstehen und vor allem das Sprechen zu üben. Auf dem Tisch stehen Getränke und Snacks, denn die Dozentin will ihre erwachsenen Schüler bei Laune halten. Noch wichtiger als der Sprachunterricht ist, dass die Verkäufer ihre Fragen zum Leben und Arbeiten in Deutschland stellen und untereinander diskutieren können. Wie erklärungsbedürftig scheinbar Selbstverständliches ist, wurde beim Thema Steuern und Sozialabgaben deutlich. Für jeden unserer mittlerweile 53 fest angestellten BISS-Verkäufer wird eine monatliche Lohnabrechnung erstellt: Oben steht das Bruttogehalt, dann ist aufgeführt, welche Abzüge der Arbeitnehmer hat – Lohnsteuer, Solidaritätszuschlag, Arbeitslosen-, Renten- und Pflegeversicherung –, und unten steht, was als Nettogehalt bleibt. Bei der Diskussion stellte sich heraus, dass mancher rumänische Verkäufer meinte, die Abzüge würde BISS behalten. Nicht unverständlich, denn sie kommen aus einem Land, in dem die Menschen in Massen gegen Korruption und ihre Regierung protestieren. Die rumänischen Verkäufer erzählen, sie müssten zu Hause immer extra bezahlen, wenn Familienangehörige ärztliche Hilfe brauchen oder gar ins Krankenhaus müssen. Sie selbst haben bei Krankheit erlebt, wie anders das in Deutschland ist. So war es schnell verständlich, dass ihre Beiträge das Gesundheitswesen mitfinanzieren. Was man keinem unserer Verkäufer erklären kann, ist, wie der größte Steuerskandal der deutschen Geschichte so lange ungehindert vor sich gehen konnte. Banken und Fonds haben den deutschen Staat um vermutlich 31 Milliarden Euro betrogen, als sie sich mit sogenannten Cum-Ex-Geschäften Steuern erstatten ließen, die sie gar nicht bezahlt hatten. Es dauerte über 20 Jahre, bis 2012 eine Lücke im Gesetz geschlossen wurde, obwohl es lange vorher Hinweise, beispielsweise von Mitarbeitern der Finanzämter, gegeben hatte. Diejenigen, die das politisch und juristisch verantworten werden, können sich nicht damit herausreden, dass diese Bankgeschäfte zu kompliziert und schwer zu verstehen sind. Das Muster von Korruption und Wirtschaftsverbrechen ist einfach: Kriminelle, die keine Wertschöpfung erbringen, kassieren, zahlen müssen andere. Unser verstorbener Verkäufer Francesco Silvestri (Nachruf Seite 28) zahlte seine Steuern in dem Bewusstsein, dass er damit in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist. Er hat wie alle unsere Verkäufer von anderen Menschen Hilfe in der Not erfahren. Deshalb danken wir Ihnen liebe Leser für Ihre solidarische Unterstützung und wünschen Ihnen, ob daheim oder in der Ferne, einen schönen Sommer!

Herzlichst

 

 

 

Karin Lohr, Geschäftsführerin

BISS-Ausgabe Juni 2017 | Wahl

Cover des BISS-Magazins Juni 2017

Thema | Wir haben die Wahl: Wählen heißt Verantwortung übernehmen – für das eigene Leben, die Demokratie und die Zukunft aller | 6 Absturz auf Raten: Von der Schuldenspirale und der Entscheidung,  wieder herauszukommen | 10 Frustrierte Ehrenamtliche: Angesichts vermehrter Abschiebungen sind Flüchtlinge und Helferkreise verzweifelt und wütend | 14 Demokratie ist ein Gefühl Drei Menschen aus Afrika beschreiben, was freie Wahlen für sie bedeuten  | 20 Auf Kosten anderer: Soziologieprofessor Stephan Lessenich im Gespräch | 22 Essen ist Heimat: Fahimas „Mantus“ gegen das Heimweh | Schreibwerkstatt | 5 Käufer und Verkäufer | 26 Aufgelesen: BISS-Verkäufer erzählen, was sie bewegt | Rubriken | 3 Editorial | 28 Freunde und Gönner | 29 Patenuhren | 30 Impressum, Mein Projekt | 31 Adressen

 

 

Käufer & Verkäufer

Karin Degenhardt ( links ) ( 60 ) arbeitet im Vertrieb einer Hightech-Firma

Ich glaube, die BISS bringt Glück. Vor mehr als 20 Jahren war ich in San Francisco. Dort habe ich das erste Mal eine Straßenzeitschrift gesehen. Als die BISS entstand, habe ich mir oft die neueste Ausgabe gekauft. Vor acht Jahren habe ich Krebs bekommen, das ging einigermaßen gut aus. Seitdem habe ich den Wunsch, mich zu bedanken. Also unterstütze ich die BISS, wo ich kann. Jedes Mal, wenn ich einen Verkäufer sehe, kaufe ich eine, selbst wenn ich die schon zu Hause habe. Beim Kaufen der BISS bekomme ich sehr viel zurück, zum Beispiel von Herrn Jäth. Er ist aufmerksam und ruhig inmitten der Hektik des Alltags. Er ist freundlich und zuvorkommend, die Gespräche mit ihm sind bereichernd. Seine Wünsche für einen guten Tag und für Gesundheit kommen von Herzen. Das empfinde ich als ein großes Glück.

Manfred Jäth ( rechts ) ( 66 ) BISS-Verkäufer am Rotkreuzplatz

Zwei Winter habe ich auf der Straße überstanden, teilweise bei Temperaturen bis minus 15 Grad. Gelandet bin ich dort nach dem Tod meiner Frau. Wir lebten in Hannover, sie hatte einen guten Job, ich habe vor allem den Haushalt gemacht. Dann bekam meine Frau eine Herzkrankheit und starb. Schon davor hatten wir Schulden, jetzt wurden es aber immer mehr. Ich versuchte eine Arbeit zu finden, aber ich war schon zu alt, eine Stelle fand ich nicht. Ich wusste nicht mehr weiter, und 2015 ließ ich einfach alles zurück. Ich lebte auf der Straße und sammelte Pfandflaschen, acht Stunden am Tag. Ich fuhr durch halb Deutschland auf der Suche nach Hilfe, so landete ich in München und am Ende auch bei der Schuldnerberatung. Dort wurde ich zu BISS geschickt. Jetzt habe ich endlich wieder ein Zimmer und eine Arbeit, die Folgen der letzten Jahre spüre ich aber immer noch. Meine ganze rechte Körperhälfte schmerzt vom Schlafen auf dem harten Boden in den letzten beiden Wintern.

Foto: Barbara Donaubauer; Protokoll: Christoph Gurk

Helfer in Not

Ohne die vielen ehrenamtlichen Helfer wäre die Flüchtlingswelle nicht zu bewältigen gewesen. Die Stimmung in Deutschland hat sich geändert – und so werden fragwürdige politische Entscheidungen getroffen, die Helfer und Geflüchtete verzweifeln lassen

Text BERNHARD HIERGEIST

Foto FRITZ BECK

In Deutschland ankommen ist schwierig, darum hat sich Hamid* immer an seine „deutschen Eltern“ gehalten. Aber eines Tages sagte der 22 Jahre alte Afghane zu Tatjana Escher*: „Mama, jetzt habe ich alles gemacht, was du gesagt hast – und es geht wieder nicht weiter.“ Monatelang hatte er Bewerbungen geschrieben, Praktika gemacht, Deutsch gelernt. Hat kein Geld verdient wie andere Afghanen, sondern versucht eine Ausbildung zu machen. Und jetzt soll er zurück nach Afghanistan – wie soll das werden, ganz ohne Geld? Tatjana Escher erzählt, wie sie damals zu Hamid sagte: „Du hast recht.“ Ihr Mann und sie hätten immer nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt, sagt sie. „Was haben wir für einen Aufwand betrieben.“ Im Herbst 2015 kam Hamid in München an. Knapp ein Jahr später nahmen das Ehepaar und seine Kinder Hamid bei sich zu Hause auf in ihrem Häuschen mit Garten in einem Münchner Vorort. Haben mit ihm gegessen, haben ferngesehen, haben natürlich auch gestritten. Bald fragte er, ob er sie Mama und Papa nennen darf. Tatjana Escher hat Hamid immer gesagt: Das wird schon, warte nur. Aber so einfach ist es nicht. „Immer werden uns neue Knüppel zwischen die Beine geschmissen.“ Und wenn es nach dem Brief geht, der Mitte März in einem großen Umschlag ankam, soll der afghanische Sohn nun aus diesem Umfeld rausgerissen werden. „Ich habe keine Ahnung, wie die Kinder das verkraften werden“, sagt Escher, „im Moment verdrängen wir das einfach.“

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