Käufer & Verkäufer


Rita Seitz  ( links ) ( 54 ) Psychoanalytikerin

Sooft ich kann, fahre ich mit dem Fahrrad in meine Praxis in Dachau. Nur wenn es sehr kalt ist, nehme ich die S-Bahn. Eines Tages ging ich deshalb mit einer dicken Mütze auf dem Kopf durch den S-Bahnhof an der Donnersbergerbrücke. Die Menschen sind dort immer in Eile, und wenn es eine Betriebsstörung gibt oder eine Bahn Verspätung hat, dann ist die Stimmung oft angespannt. Inmitten all der gehetzten Menschen sah ich dann Herrn Dima stehen: Er hatte
auch eine große Mütze auf dem Kopf, so wie ich. Er lächelte und war ein menschlicher Kontrast zum seelenlosen Bahnhof. Seitdem kaufe ich bei ihm die BISS. Manchmal begrüßen wir uns, aber leider kann Herr Dima zu wenig Deutsch, als dass wir uns unterhalten könnten. Das ist schade, ich würde gern mehr über Rumänien wissen und wie Herr Dima zum Beispiel zu den Protesten in seiner Heimat steht. Vielleicht kann er ja in der Schreibwerkstatt darüber schreiben?

Florin Dima ( rechts ) ( 58 ) BISS-Verkäufer an der Donnersbergerbrücke

Als Kind habe ich von meinen Eltern gelernt, wie man Akkordeon spielt. Ich komme aus dem Süden von Rumänien, die Gegend ist sehr arm, und ich musste schon früh anfangen zu arbeiten. Ich bin Kranführer, aber bald fand ich keine Stelle mehr. Und so beschloss ich, nach Deutschland zu gehen und auf der Straße Akkordeon zu spielen. Ich strengte mich an und übte viel, weil ich wollte, dass die Leute Respekt haben vor meiner Musik. Und tatsächlich gefiel den Deutschen, wie ich spielte, und sie gaben mir Geld. Manchmal konnte ich sogar etwas nach Hause schicken. Aber ich hatte keine feste Stelle und keine Sicherheit. Dann erzählte mir ein Freund von der BISS. Ich stellte mich vor, und heute stehe ich an der Donnersbergerbrücke als BISS-Verkäufer. Ich mag meine Arbeit, ich habe eine Festanstellung und nette Kunden. Akkordeon spiele ich auch immer noch, jeden Sonntag, allerdings zu Hause und nur für mich.

Foto: Barbara Donaubauer; Protokoll: Christoph Gurk

Ich werde fünfzig!

EIN TEXT AUS DER SCHREIBWERKSTATT

Von Ercan Uzun

Vom Horoskop her bin ich Stier (erste Dekade), von Astrologie und Hellseherei aber halte ich nichts, allein daran zu glauben wäre eine Sünde. 50 Jahre sind ein Einschnitt, ein halbes Leben ist sicher vorbei, denn wer wird schon älter als 100 Jahre? Die nächsten Zeilen werde ich aber nicht dafür verschwenden, um mit der Vergangenheit abzurechnen. Das Getane kann man ohnehin nicht rückgängig machen, und die Missetaten von früher kann man nur bereuen und Allah um Vergebung bitten. Deswegen gehe ich seit geraumer Zeit jeden Freitag zum Gebet in die Moschee. Arbeiten kann ich nur an der Gegenwart und an der Zukunft. Als Ehemann und Vater will ich meine Fehler von früher nicht wiederholen. Beispielsweise will ich mein schlechtes Befinden nicht mehr an Familienmitglieder oder Kunden weitergeben. Wenn jemand fragt, geht es mir deswegen immer gut. Traurig zu sein, weil ich es im Leben zu nichts Prestigeträchtigem gebracht habe, beispielsweise einem Eigenheim, bringt auch nichts. Kein Abitur geschafft zu haben oder dergleichen, allein darüber zu sinnieren ist Schwachsinn. Ich mache meine Arbeit gut, meine Beiträge in der Schreibwerkstatt verfasse ich weiterhin, meine Frau und mein Chef sind mit mir zufrieden, das zählt. Mit meiner Frau bin ich seit über 23 Jahren verheiratet, und wir haben vier Kinder. Sie sind am glücklichsten, wenn ihr Vater nicht ständig deprimiert ist, sondern ihnen im Fall des Falles zur Seite steht. In meinen Augen ist meine Sucht zu rauchen ohnehin die größte Sünde, unter der ich auch weiterhin leide. Ich rauche nunmehr seit 25 bis 30 Jahren, und mein Tod wird mit großer Wahrscheinlichkeit eine Folge meines Tabakkonsums sein. Gerade eben zünde ich mir wieder eine Zigarette an. Ich kann nur hoffen, dass mich irgendwann irgendetwas dazu bringt, aufzuhören. Es ist hilfreich, sich bewusst zu machen, wie viele Nöte andere Menschen auf der Welt erleiden, sei es im Krieg, auf der Flucht, oder körperliche Einschränkungen, weil sie auf den Rollstuhl angewiesen sind oder nicht sehen können. Aber wie heißt es? Die meisten Menschen sind nicht glücklich mit dem, was sie haben, sondern sie schielen immer nach dem, was sie nicht haben. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen allen ein schönes Frühjahr, und ich hoffe, dass Sie auch weiterhin meine Beiträge lesen.

Kopenhagen – Skopje – München

BISS-Geschäftsführerin
Karin Lohr
Foto: Sascha Kletzsch

Vor Kurzem habe ich im Kino den Film „Noma“ gesehen, der einen Blick hinter die Kulissen des angeblich besten Restaurants der Welt erlaubt. Mir hat er ganz gut gefallen, obwohl ich grundsätzlich bezweifle, dass ein weltbestes Restaurant überhaupt in Kopenhagen, also in Dänemark, und nicht in Italien sein kann. Bei einigen Filmszenen, als es in der Küche besonders hektisch zugeht, habe ich mich an meine Ausbildung im Hotelfach erinnert. Damals haben Küchenchefs noch mit Pfannen und Tellern geworfen. Tempi passati, wie man in Italien, wo das „Noma“ ja nicht ist, sagen würde. Der Film hat einen dramatischen Höhepunkt, als sich 63 Gäste nach einem Essen in diesem Restaurant mindestens den Magen verstimmt, wenn nicht sogar mit dem Norovirus angesteckt haben. Das Team des Sternerestaurants nimmt diesen Vorfall erst recht als Anlass, um zu zeigen, wie sauber und gründlich sie in der Küche arbeiten. Bemerkenswert finde ich, dass der Küchenchef, Sohn eines mazedonischen Einwanderers und einer dänischen Mutter, weltweit gefeiert wird dafür, dass er die nordische Küche nicht nur neu, sondern überhaupt erst erfunden hat. Nun weiß ich aufgrund unserer Kooperation mit der mazedonischen Straßenzeitung „LiceVLice“, dass Mazedoniern vieles zuzutrauen ist. Es waren die mazedonischen Kollegen, die vergangenes Jahr, unterstützt von BISS, einen ihrer Verkäufer, einen jungen Roma, fest angestellt haben. Trotz schwieriger politischer und wirtschaftlicher Bedingungen vor Ort. Die mazedonische Straßenzeitung muss jeden Monat ums Überleben kämpfen, und die Verantwortlichen sind froh, wenn wieder eine neue Ausgabe erscheinen kann. In einer davon ist als Hommage an BISS sogar unser Cover zum 20-jährigen Jubiläum mit kyrillischen Untertiteln abgedruckt. Das erwähnte Norovirus hat uns BISSler verschont. Dafür hatte uns ein ehemaliger Verkäufer angezeigt. Die Anschuldigungen haben sich als haltlos erwiesen, das Verfahren der Staatsanwaltschaft München wurde im Oktober 2016 eingestellt. Wir haben überlegt, ob wir dieses Thema überhaupt wieder aufgreifen sollen, auch weil es schon länger zurückliegt. Wir tun es jetzt (Seiten 24 bis 26), weil wir daran den ganzen Sachverhalt sowie die Grundlagen unserer Arbeit richtig darstellen und zeigen können, was wir schon immer gesagt haben: Bei BISS ist alles in Ordnung! Vor allem können wir bösen Märchen das wirkliche Leben entgegensetzen, und in dem spielen 100 Verkäufer, davon 52 fest angestellt, die Hauptrolle!

 

Herzlichst

 

 

 

Karin Lohr, Geschäftsführerin

P.S. Ich wünsche Ihnen schöne Frühlingstage!

BISS-Ausgabe März 2017 | Wechselhaft

Cover des BISS-Magazins März 2017

Thema | Vielfalt! Vom Leben mit wechselnden Stimmungen und dem Wandel des Geschlechts | 6 Leben als Achterbahn: Wie man mit einer bipolaren Störung zurechtkommt | 10 Transgender: Der lange Weg zum richtigen Körper | 16 Arm und Reich: Wir sprechen mit Studenten, Angestellten und Millionären über Geld | 22 Gegen Ausgrenzung: Die Journalistin und Autorin Carolin Emcke im Gespräch |  Schreibwerkstatt | 5 Käufer und Verkäufer | 24 Aufgelesen: BISS-Verkäufer erzählen, was sie bewegt | Rubriken | 3 Editorial | 26 Patenuhren | 27 Freunde und Gönner | 30 Impressum, Mein Projekt | 31 Adressen