Schweigende Lämmer?

BISS-Geschäftsführerin
Karin Lohr
Foto: Sascha Kletzsch

Wenn bei BISS besonders anspruchsvolle Fragen auftauchen, arbeiten wir gerne mit ausgewiesenen Experten zusammen, so im Sozialrecht, wenn beispielsweise einem hilfebedürftigen Menschen aus nicht nachvollziehbaren Gründen Leistungen gekürzt oder gestrichen werden. Oder mit tollen Architekten und Handwerkern für den Fall, dass wir wieder eine Wohnung möglichst schön, energetisch sinnvoll und kostengünstig renovieren wollen. Einer unserer Lieblingsexperten ist ein Professor für Sozialmedizin und Psychiatrie, mit dem wir regelmäßig interne Fortbildungen halten. Schon beim allerersten Treffen gelang es ihm, mit seiner Aufforderung an die Anwesenden – „Sie können mich jetzt das fragen, was Sie schon immer einen Psychiater fragen wollten“ – das Eis zu brechen, und im Laufe der Jahre hat sich eine vertrauensvolle und konstruktive Zusammenarbeit entwickelt. Für diese Fortbildungen bereiten die Sozialarbeiter ihre Einzelfälle vor, die mit viel Fachwissen und Erfahrung im Hintergrund intensiv in der Runde diskutiert werden. Es ist so besser zu verstehen, warum Menschen sich auf eine bestimmte Art und Weise verhalten, aber auch, wo Grenzen liegen oder wo welche durch professionelle Helfer gesetzt werden müssen. Richtig gut finde ich, dass immer die Not der betroffenen Menschen im Mittelpunkt steht und dass der Blick auf den Einzelnen nicht abwertend, sondern wohlwollend ist. Im Übrigen verträgt unsere Gesellschaft durchaus „Verrücktes“, nicht zuletzt auch, weil die Grenze zwischen einer ausgeprägten Persönlichkeit und einer Störung häufig nicht genau zu ziehen ist. Die Folgen einer psychischen Erkrankung hängen jedoch von den Lebensumständen eines Menschen ab, denn arme und sozial benachteiligte Menschen verlieren schneller ihren Job, und wenn es ganz schlecht läuft, auch Familie, Freunde und die Wohnung. Bei BISS gelingt manchen wieder ein normales Leben, dank festen Arbeitsplätzen, Generalsanierung und unseren tollen Netzwerken, zu denen auch Käufer und Stammkunden gehören. Kürzlich haben fünf unserer Verkäufer und ein Mitarbeiter vom Innendienst in einem ganztägigen Training geübt, wie sie konfliktreiche Situationen entschärfen, mit gewaltbereiten Personen umgehen und sich selbst schützen können. Das ist von Vorteil an einem öffentlichen Arbeitsplatz, bei dem man nicht die Türe hinter sich zumachen kann. Jeder Teilnehmer bekam als Anerkennung eine Urkunde überreicht. Erfreulicherweise sind BISS-Leser dafür bekannt, zwar nicht lammfromm, aber freundliche und friedliche Menschen zu sein. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen frohe Ostern und schöne Frühlingstage!

Herzlichst

 

 

 

Karin Lohr, Geschäftsführerin

BISS-Ausgabe März 2018 | Was im Busch

Cover des BISS-Magazins März 2018

Thema | Grüner und bunter: Über Projekte, die München grüner, bunter und damit lebenswerter machen | 6 Urban Gardening: Ein Stück Natur inmitten der Stadt | 12 Aller Anfang ist schwer: „Joblinge“ unterstützen Jugendliche beim Berufseinstieg | 16 Tanz unterm Regenbogen: Pflege für Lesben, Schwule und Trans*menschen | 18 Interview mit Siegfried Benker: „Ein Plus für alle“ | 20 Backen für die Seele: Krapfen, Auszogene und viel Zeit für Geschichten | Schreibwerkstatt | 5 Was uns verbindet | 24 Aufgelesen: BISS-Verkäufer erzählen, was sie bewegt | Rubriken | 3 Editorial | 26 Patenuhren | 27 Freunde und Gönner | 30 Impressum, Mein Projekt | 31 Adressen

 

 

 

Was uns verbindet

DER ZWEITE ARBEITSMARKT

 

IN DER BISS-KOLUMNE KOMMEN MENSCHEN ZU WORT, DIE EINE PERSÖN LICHE ERFAHRUNG ODER IHR INTERESSE AN EINEM THEMA ODER PROJEKT VERBINDET. IN DER BEGEGNUNG ZEIGT SICH, DASS MENSCHEN TROTZ UNTERSCHIEDLICHER LEBENSLAGEN, ÜBERZEUGUNGEN UND PERSÖNLICHKEITEN IMMER AUCH ETWAS GEMEINSAM HABEN. MICHAEL PANAITESCU, 37, VERWALTUNGSANGESTELLTER BEI BISS UND ULRIKE MASCHER, 79, PRÄSIDENTIN DES SOZIALVERBANDES VDK DEUTSCHLAND


Protokoll CHRISTOPH GURK

Michael Panaitescu: Ich habe heute ein neues Leben. Denn nach langer Arbeitslosigkeit habe ich wieder eine feste Stelle. Dabei hatte ich einen guten Realschulabschluss, und damals, Mitte der 90er, gab es viele Jobs. Dann aber wurde meine Oma krank, und ich dachte: Die Ausbildung kann warten.

Ulrike Mascher: Als Kind habe ich das vom Krieg zerbombte München gesehen. Ich dachte: So etwas darf nie wieder passieren. Also bin ich noch während meines Jurastudiums in die SPD eingetreten.

MP: Als ich eine Ausbildung anfangen wollte, hatte sich die Situation verschlechtert. Ich musste ungelernt im Baumarkt arbeiten. Irgendwann hatte ich endlich eine Lehrstelle, aber kaum war ich fertig, war ich wieder arbeitslos.

UM: Mitte der 80er gab es erste Ansätze, Arbeitslose wieder in die Berufswelt zu integrieren. Ich saß für die SPD im Stadtrat, und wir wollten das auch in München probieren. Mit Erfolg. Viele Projekte gibt es immer noch, zum Beispiel den Dynamo Fahrradservice.

MP: Irgendwann erzählte mir jemand von Dynamo. Mir gefielen das Umfeld und die Arbeit und ich fasste wieder Mut. über Dynamo habe ich eine feste Stelle bei der BISS bekommen. Und bei einer Veranstaltung habe ich Frau Mascher kennengelernt. Davor war ich sehr skeptisch gegenüber Politikern, aber jetzt weiß ich, was Politik bewegen kann. Ich habe bei der Bundestagswahl sogar seit Langem wieder gewählt.

UM: Was in der Zeitung steht, ist immer nur ein kleiner Teil der Politik. In Wirklichkeit bestimmt sie unser Leben, darum ist Politik auch so wichtig.

Illustration: Martin Fengel; Foto: Barbara Donaubauer

Starthilfe in den Job

Von KERSTIN GÜNTZEL
Illustration ROBERT NICOL

Die bundesweite Initiative „Joblinge“ verhilft Jugendlichen mit schwierigen Ausgangsbedingungen zur Ausbildung. Rund 70 Prozent der Teilnehmer schaffen so den Sprung ins Arbeitsleben. BISS wollte wissen, wie sich die jungen Leute während des sechsmonatigen Programms verändern, und sprach mit zwei von ihnen am Standort auf der Münchner Praterinsel – am Anfang und am Ende ihrer Zeit bei den „Joblingen“

Deutschland sucht händeringend Azubis. 2016 blieben rund 41.000 Lehrstellen unbesetzt – Höchststand seit zwanzig Jahren. In München sieht es für Lehrlinge noch rosiger aus: „Bewerber in Bayern und Baden-Württemberg haben es tendenziell sehr gut, da gibt es mehr freie Plätze als Bewerber“, sagte Andreas Pieper vom Bundesinstitut für Berufsbildung (bibb) in Bonn dem „Spiegel“. Es muss wohl ganz dumm laufen, wenn man leer ausgeht. Trotzdem gelingt es hierzulande mehr als einer halben Million Jugendlichen nicht, von der Schule in eine Ausbildung zu wechseln. Gründe dafür sind schlechte Noten, Sprachprobleme, Krisen, Drogen und das Aufwachsen in kaputten oder sozial benachteiligten Familien. Genau diesen jungen Erwachsenen zwischen 15 und 24 Jahren verhilft die bundesweite Initiative „Joblinge“ – in Kooperation mit der Wirtschaft und der Arbeitsagentur – zu einer Ausbildung. sie bekommen eine eins-zu-eins-Betreuung und einen ehrenamtlichen Mentor zur Seite gestellt. in den ersten sechs Wochen absolvieren die jungen Leute eine Berufsorientierungsphase. Oft hapert es anfangs an alltäglichsten Dingen, zum Beispiel morgens pünktlich da zu sein oder sich bei Krankheit abzumelden. Danach stehen Praktika auf dem Programm, die dank der Kontakte der „Joblinge“ zustande kommen oder die sich die Jugendlichen selbst suchen. meist mündet eines dieser Praktika in eine Ausbildung: die Vermittlungsquote liegt bei 70 Prozent. biss hat zwei von ihnen über mehrere Monate begleitet und mit ihnen und ihren Betreuern am Standort auf der Münchner Praterinsel gesprochen. die Entwicklung hätte unterschiedlicher kaum sein können.

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