BISS-Ausgabe Januar 2019 | Menschen und Projekte

Cover des BISS-Magazins Januar 2019

Thema | Menschen und Projekte |  Eine Stadt wird durch die Menschen, die sich engagieren und andere unterstützen, erst lebenswert | 6 buntkicktgut: Fußball und noch viel mehr | 1O Kontaktbeamter am Bahnhof: Welten treffen aufeinander,  einer vermittelt| 16 Wohnungsnot: Thomas Specht über die Ursachen und was getan werden muss | 20 Zehn Jahre Stiftung BISS: Wir blicken zurück und schauen nach vorn | Schreibwerkstatt | 5 Was uns verbindet | 26 Aufgelesen: BISS-Verkäufer erzählen, was sie bewegt | Rubriken | 3 Editorial | 28 Patenuhren | 29 Freunde und Gönner | 30 Impressum & unsere Kooperationspartner | 31 Adressen

 

 

 

 

Was uns verbindet

Protokoll: Christoph Gurk, Illustration: Martin Fengel, Foto: Barbara Donaubauer

In der BISS-Kolumne kommen Menschen zu Wort, die eine persönliche Erfahrung oder ihr Interesse an einem Thema oder Projekt verbindet. In der Begegnung zeigt sich, dass Menschen trotz unterschiedlicher Lebenslagen, Überzeugungen und Persönlichkeiten immer auch etwas gemeinsam haben

 

FAHRRÄDER – UND DIE LIEBE ZUM ESSEN

PETER CWETKO: Angefangen hat alles mit gemeinsamen Mittagessen.

RALF HELM: Wir arbeiten beide bei Dynamo Fahrradservice, einem sozialen Betrieb mit Fahrradwerkstatt und Fahrradladen, der von der Stadt im Rahmen des Münchner Beschäftigungs- und Qualifizierungsprogramms gefördert wird.

PC: Ich zum Beispiel war früher Autohändler, dann wurde ich psychisch krank. Als ich nach acht Monaten Klinik wieder arbeiten wollte, vermittelte mich die Sozialarbeiterin zu Dynamo. Ganz langsam ging es mit mir bergauf, auch dank der Patenschaft, die BISS für mich übernommen hat. Ich habe sogar die Meisterprüfung gemacht, das hat am Anfang niemand für möglich gehalten!

RH: Kurz nach Herrn Cwetko bin auch ich zu Dynamo gekommen. Ich war da schon Zweiradmechaniker, der Job als Betriebsleiter hat mich gereizt.

PC: Wir waren jedenfalls immer gemeinsam Mittag essen, und irgendwann haben wir beschlossen, auch mal nach der Arbeit oder an Feiertagen etwas zu unternehmen.

Ralf Helm, 58, Werkstattleiter bei Dynamo (links), Peter Cwetko, 62, Zweiradmechaniker- meister

RH: Wir waren schon zusammen im Museum oder haben eine Flughafentour gemacht …

PC: … und meistens gehen wir dann eben auch noch zusammen essen. Wir mögen beide deftige Gerichte.

RH: Gern bayerische Küche.

PC: Echte Hausmannskost eben, nicht so was wie im „Tantris“ oder Gourmetküche.

RH: Wir waren schon in den unterschiedlichsten Restaurants. Manchmal treffen wir uns aber und kochen auch gemeinsam selbst.

10 Jahre Stiftung BISS – Ein Blick hinter die Kulissen

Stiftung BISS und Verein BISS arbeiten eng zusammen. Bei der jährlichen gemeinsamen Sitzung von Vorstand und Stiftungsrat sind als geladene Gäste regelmäßig BISS-Geschäftsführerin Karin Lohr (rechts außen) und BISS-Sozialarbeiter Johannes Denninger (links außen) mit dabei, abstimmen aber dürfen nur die Gremienmitglieder der Stiftung

Von Hildegard Denninger

Die Stiftung BISS wurde im November 2008 vom Verein BISS – Bürger in sozialen Schwierigkeiten e. V. gegründet. Beide Organisationen sind vom Finanzamt als gemeinnützig und mildtätig anerkannt. Das Grundstockvermögen der Stiftung in Höhe von 100.000,00 Euro spendete eine Förderin der Straßenzeitschrift BISS. Die Stiftung sollte die Trägerschaft von Hotel BISS übernehmen, einem Sozialunternehmen zur Ausbildung sozial benachteiligter junger Menschen, und trat 2011 beim Bieterverfahren um das Alte Gefängnis Am Neudeck als Bieter auf. In den Gründungsvorstand der Stiftung wurden damals Giovanna Runggaldier und ich berufen. Den ersten Stiftungsrat bildeten Joachim Braun, Bert Kühnöhl sowie Richard Matzinger. Alle sind heute noch in Amt und Würden.

DER VORSTAND
Der Stiftungsvorstand hat für die dauernde und nachhaltige Erfüllung des Stiftungszwecks zu sorgen. Giovanna Runggaldier als stellvertretende Vorsitzende und ich als 1. Vorsitzende sind gemeinsam zur Vertretung der Stiftung berechtigt. Als Gründungsvorstand können wir – sofern wir das möchten – lebenslang in dieser Funktion wirken.

Hildegard Denninger, Vorsitzende

Hildegard Denninger: Über mich brauche ich nicht viel zu erzählen, ich bin eine Gast- und Landwirtstochter, Steuergehilfin und Bilanzbuchhalterin, die Leserinnen und Leser kennen mich noch aus der Zeit als Geschäftsführerin von BISS (1994–2013). Bei der Stiftung bin ich zuständig für das Tagesgeschäft, die Buchhaltung, die Finanzen, die Förderanträge und die Wohnungen, außerdem bereite ich die Sitzungen vor und nach. Noch ist der Aufwand überschaubar. Die Stiftungsgeschäfte erledige ich teilweise in den 16 Stunden, die ich beim Verein BISS angestellt bin. Dabei hilft mir die Verwaltung von BISS, sodass die Stiftung keinerlei Personal- und Betriebskosten hat. Zusätzlich arbeite ich ehrenamtlich für die Stiftung,

Giovanna Rungaldier

so wie die anderen Gremienmitglieder auch. Mein Mann kennt Giovanna Runggaldier seit 1979, als sie Geschäftsführerin des Vereins „IG-Betreuung ausländischer Kinder und Jugendlicher, München“ war und er als Sozialarbeiter ausländische Jugendliche in Stadelheim betreute. Giovanna war prädestiniert dafür, im zukünftigen Hotel BISS unsere Lehrlinge zu unterstützen und sich um unsere ausländischen, noblen Gäste zu kümmern. Sie ist Soziologin, bei der IG war sie als Geschäftsführerin auch für die Ausarbeitung von didaktischem und Arbeitsmaterial für die Hausaufgabenhilfe und die Sprachförderung ausländischer Kinder zuständig. Sie war zehn Jahre lang Übersetzerin und Dolmetscherin in der Deutschen und der Österreichischen Botschaft in Rom und ist seit vielen Jahren Dozentin am SDI (Sprachen- und Dolmetscherinstitut)/Hochschule für angewandte Sprachen in München. Giovanna ist offen, warmherzig und klug und macht stets „bella figura“. Über ihre Vorstandstätigkeit hinaus führt sie seit Jahren den wöchentlichen Sprachkurs für BISS-Verkäufer durch.

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Der Friseur und Facebook

EIN TEXT AUS DER SCHREIBWERKSTATT

Von Pietro Dorigo

Ich bin seit einigen Jahren bei Facebook und ich bin fasziniert, wie leicht es ist, virtuelle Freundschaften zu schließen. Früher, als es noch kein Facebook gab, schloss man die an echten Orten. Ich bin groß geworden in einer Gemeinde mit 8.000 Leuten in Italien, dort gab es zwei Friseure, einer war für ältere Menschen, der andere, Renato, war für die jungen. Man hat sich da nicht nur zum Haareschneiden getroffen, der Salon war auch ein Treffpunkt: Samstagnachmittag sah man sich bei Renato. Man redete darüber, wie die Woche war, was es für Neuigkeiten gibt, Klatsch und Tratsch. Wenn jemand verreist war, wussten wir das alle, dank Renato. Wenn einer in Deutschland war, zum Beispiel, um in einer Eisdiele zu arbeiten, dann wussten wir über Renato, wie es ihm ging. Wenn ich wieder für einige Zeit in Deutschland war, wussten das alle, und als ich nach vier oder fünf Jahren wieder zurück war, war ich bei Renato und allen anderen nur noch „Il Tedesco“, der Deutsche. Es gab auch eine Wand im Salon von Renato, vier Meter breit, drei Meter hoch, an der Postkarten hingen, Fotos, Heiratsanzeigen und so weiter. Man konnte erkennen, wer wichtig war, wer Erfolg hatte und wie es den Leuten geht. Heute sucht man Kontakte über Facebook. Ich glaube, dass Renatos Salon direkter war, und es waren auch Leute dort, die man nicht mochte. Wenn einem bei Facebook irgendwas oder irgendwer nicht passt, kann man ihn einfach wegklicken. Ich könnte mit den Leuten von damals heute auch bei Facebook befreundet sein, aber das will ich nicht, ich will sie lieber so in Erinnerung behalten, wie ich sie bei Renato kennengelernt habe. Sein Salon hatte übrigens noch einen großen Vorteil gegenüber Facebook: Man konnte sich bei Renato auch die Haare schneiden lassen.