BISS-Ausgabe Dezember 2018 | Zugehörig, nicht ausgegrenzt

Cover des BISS-Magazins Dezember 2018

Thema | Es weihnachtet sehr | Zugehörig, nicht ausgegrenzt – Weihnachten soll besinnlich, froh und heiter sein. Nicht für alle erfüllt sich der Wunsch | 6 Lied gut: Der Münchner Chor Fünf Kontinente | 1O Ausgenutzt und abgezockt: Rumänen und Bulgaren als billige Arbeitskräfte  | 14 Kinder im Knast: Mutter-Kind-Abteilungen im geschlossenen Vollzug  | 25 Jahre BISS Unsere Jubiläumsfeier im  Alten Rathaussaal | 25 Eine Patenuhr für … Unsere fest angestellten Verkäufer suchen Paten für 2019 | Schreibwerkstatt | 5 Was uns verbindet | 22 Aufgelesen: BISS-Verkäufer erzählen, was sie bewegt | Rubriken | 3 Editorial | 28 Patenuhren | 29 Freunde und Gönner | 30 Impressum & unsere Kooperationspartner | 31 Adressen

 

 

 

Lied gut

Den Chor der Fünf Kontinente gibt es zwar erst seit zwei Jahren, dennoch finden sich jeden Montag bis zu 30 Sängerinnen und Sänger im Museum ein, um den ausländerfeindlichen Tendenzen in der Gesellschaft mit Spaß und Engagement etwas entgegenzusetzen. Willkommen sind alle, die Lust haben, in einer herzlichen und vertrauensvollen Atmosphäre miteinander zu singen.

Von ELISA HOLZ

Fotos: CONNY MIRBACH

Der interkulturelle Chor des ethnologischen Museums Fünf Kontinente will von dem künden, was in unserer Gesellschaft gerade nicht leicht zu finden ist: Verständnis, Zuversicht und Gemeinschaftsgefühl

Ben Johnson hat einen neuen Song geschrieben. Der Song handelt von der Kraft einer Liebe, die nie scheitert und nie versiegt. Es soll ein Lied der Hoffnung sein – mit viel Pop, ordentlich Soul, einem Hauch von Blues und mit Ohrwurmqualität. Geschrieben hat er den Song in einer Flüchtlingsunterkunft in Germering, in einer seiner dunkleren Stunden. „Manchmal sehe ich kaum Licht“, sagt er. Aber zumindest bei der Uraufführung des Songs auf einer der jeden Montag stattfindenden Proben des Chors der Fünf Kontinente scheinen die Schatten für den Moment verflogen. Mit einem Strahlen im Gesicht und der Gitarre vor dem Bauch erklärt Ben Tonart, Rhythmus und Text des neuen Songs. Er lacht, rückt seine große schwarze Brille zurecht und klatscht in die Hände. Er singt: „Your love, never fail, never give up …“ In dem Moment ist der Chor zugleich Publikum, künstlerischer Resonanzraum und natürlich stimmliche Begleitung – und Ben in seinem Element. Dabei ist Ben eigentlich kein gelernter Musiker, sondern Jurist. In seiner Heimat, der nicht so demokratischen Republik Kongo, war er politisch aktiv, wie er erzählt. Er engagierte sich für eine Gruppierung, die man hier vielleicht als sozialdemokratisch bezeichnen würde. Im Kongo ist das lebensgefährlich. Mit 24 Jahren wurde er von einem Kollegen verraten, entführt und saß sechs Jahre im Gefängnis – ohne Gerichtsverfahren und irgendwann auch ohne große Hoffnung. Als er 2012 überraschend freikam, war er schwer krank und „ohne einen Traum“. Ihm gelang die Flucht nach Deutschland, wo ihm nach vielen Rückschlägen vergangenes Jahr schließlich doch Asyl gewährt wurde. Seitdem lebt Ben Johnson in München. Dem Chor des Museums Fünf Kontinente ist er schon kurz nach der Gründung vor zwei Jahren beigetreten. Er sah den Aushang in der Unterkunft und rief gleich an. Am anderen Ende der Leitung meldete sich „eine gute Stimme“. Balsam für seine verletzte Seele.

Lesen Sie weiter bei »Lied gut«…

Was uns verbindet

IN DER BISS-KOLUMNE KOMMEN MENSCHEN ZU WORT, DIE EINE PERSÖN LICHE ERFAHRUNG ODER IHR INTERESSE AN EINEM THEMA ODER PROJEKT VERBINDET. IN DER BEGEGNUNG ZEIGT SICH, DASS MENSCHEN TROTZ UNTERSCHIEDLICHER LEBENSLAGEN, ÜBERZEUGUNGEN UND PERSÖNLICHKEITEN IMMER AUCH ETWAS GEMEINSAM HABEN

Protokoll: Christoph Gurk; Illustration: Martin Fengel; Foto: Barbara Donaubauer

 

Die Post

CHRISTA SCHNITZENBAUMER: Schon als Kind wollte ich zur Post. Nach der Schule hab ich dann trotzdem erst mal eine Lehre bei Edeka gemacht, aber glücklich war ich da nie. Dann meinte eine Freundin: Geh zur Post, da gehörst du hin. Und so bin ich Postbotin geworden.

WOLFGANG ETTLICH: Dass ich zur Post gekommen bin, lag vor allem an den Händen meines Vaters. Die waren immer dreckig, weil er Autoschlosser war. Bei der Post, dachte ich, passiert mir das nicht. Also habe ich dort gleich mit 14 nach der Schule eine Lehre angefangen. Das war oft hart, aber ich habe viel über die Menschen gelernt.

Christa Schnitzenbaumer, 52, Postbotin …  und Wolfgang Ettlich, 71, Filmemacher und Regisseur von „BISS und die Angst vorm Fliegen“

CS: 1.634 Haushalte gehören zu meiner Strecke, sie ist fünf Kilometer lang, und viele der Menschen, denen ich ihre Post bringe, kennen mich. Ich rede mit ihnen, sie erzählen mir aus ihrem Leben.

WE: Wenn man Briefe austrägt, sieht man Arm und Reich, Alte und Junge, die ganze Gesellschaft. Ich habe später Kneipen gehabt, eine Kleinkunstbühne geführt und Dokumentarfilme gemacht. Meine Erfahrung bei der Post mit den verschiedensten Menschen hat mir bei alldem immer geholfen.

CS: Ich mag meine Arbeit, auch wenn sie manchmal schwer ist und ich mittlerweile zwei kaputte Hüften habe. Manchmal werde ich auf meiner Tour aber auch richtig sauer. Denn selbst in einer so reichen Stadt wie München sieht man so viel Armut. Darum bin ich froh, dass auch BISS auf meiner Strecke liegt.

 

Weihnachten

EIN TEXT AUS DER SCHREIBWERKSTATT

Von Wolfgang Räuschl

Wieder geht ein Jahr vorbei und für viele von uns ist die Weihnachtszeit die schönste Zeit im Jahr. Das Fest der Liebe ist für uns Christen etwas ganz Besonderes, besonders wenn die Kinder mit funkelnden Augen unter dem hell erleuchteten Weihnachtsbaum stehen. Da ich alleine lebe, hat Weihnachten den Glanz verloren. Ich ärgere mich eher, wenn ich sehe, wie gestresst die Leute sind oder dass Discounter ab Anfang September schon Weihnachtsgebäck verkaufen. Wie ich aber noch ein Kind war, liebte ich die Adventszeit. Im ganzen Haus roch es nach Selbstgebackenem, Weihnachtsmusik erklang. Doch ich denke auch jedes Jahr – und dieses Jahr ganz besonders! – an ein besonderes Ereignis zurück. Wir machten damals mit der Schule einen Ausflug nach Oberndorf bei Salzburg. Hier entstand das berühmteste Weihnachtslied der Welt, „Stille Nacht, heilige Nacht“, das der Dorfschullehrer Franz Xaver Gruber und der Hilfspfarrer Joseph Mohr am Heiligabend 1818 in einer kleinen Kapelle zum ersten Mal aufführten. Es feiert also heuer sein 200-jähriges Jubiläum. Wenn ich in diesen Wochen das Lied höre, dann denke ich gerne an diesen Ausflug zurück und bin stolz, dass es in meiner Heimat entstanden ist. Leider aber hört man im Radio oft nur noch amerikanische Weihnachtslieder. Viele Leute kennen gar keine alten Weihnachtslieder mehr, und sie geraten in Vergessenheit. Wenn mir Zeit bleibt, dann fahre ich wieder zum Christkindlmarkt nach Salzburg, für mich einer der schönsten, die es gibt. Ich werde auch versuchen, die Kapelle zu besuchen, und mich an meine Kindheit erinnern, in der Weihnachten die schönste Zeit des Jahres war. Für meine Kunden und Kollegen wünsche ich mir ein frohes und friedvolles Fest.