BISS-Ausgabe Mai 2017 | Die Welt erkunden

Cover des BISS-Magazins Mai 2017

Thema | Hell und dunkel: Für die einen strahlt im der Mai alles, andere sehen den Frühling nur noch schemenhaft. Und die Kinder gestalten sich die Welt selbst bunt – wenn man sie lässt | 6 Ja, ich will: Hochzeitsplaner erzählen aus ihrem Arbeitsalltag mit unterschiedlichen Kulturen | 10 Kunst für Kinder: Wie vor allem sozial benachteiligte Kinder mit Kunst kreativ und selbstbewusst werden | 18 Langsam blind werden:  BISS-Verkäufer Hans Pütz beschreibt, wie er seinen Alltag mit immer weniger Augenlicht meistert | 22 Big Issue South Africa: Über die Bildungsmisere in Südafrika | 24 Bedingte Hilfe: Warum Spender und Bespendete oft nicht dasselbe wollen | Schreibwerkstatt | 5 Käufer und Verkäufer | 26 Aufgelesen: BISS-Verkäufer erzählen, was sie bewegt | Rubriken | 3 Editorial | 29 Patenuhren | 28 Freunde und Gönner | 30 Impressum, Mein Projekt | 31 Adressen

 

 

 

Käufer & Verkäufer

Christine Ewald und Hans-Dieter Ewald ( links ) ( 48 und 58 ) Blumenverkäufer am Hohenzollernplatz

Verkäufer, Nachbarn, Polizisten: Am Hohenzollernplatz kennen wir jeden. Seit 35 Jahren verkaufen wir hier Blumen. Im Sommer und im Winter, bei Regen und bei Sonnenschein: Wir sind immer da. Oft staunen wir selbst, wie lange es unser Standl schon gibt, und manchmal kommen die Kinder von guten Kunden zu uns, um wiederum zusammen mit ihren Kindern Blumen zu kaufen! Der Hohenzollernplatz ist also ein Mikrokosmos – und Renate ist ein fester Teil von ihm. Seit sie hier steht, kaufen wir immer die BISS. Wir finden das Projekt gut und mögen Renate gern. Sie kommt immer bei uns vorbei und bringt uns die BISS direkt ans Standl. Dann ratschen wir, und wenn sie Hilfe braucht, fahren wir auch mal zu ihr nach Hause und richten den Fernseher und den Videorekorder ein. So wie man das unter guten Nachbarn eben macht!

Renate Graf ( rechts ) ( 60 ) BISS-Verkäuferin am Hohenzollernplatz

Ich bin von ganzem Herzen Verkäuferin. Das war schon immer so, als junge Frau habe ich meine Ausbildung zur Verkäuferin in einem großen Kaufhaus in München gemacht und auch später immer in dem Beruf gearbeitet, erst in München, dann in Stuttgart. Nach meiner Scheidung bin ich arbeitslos geworden, ein Bekannter erzählte mir von BISS, und mir war sofort klar, dass mir das auch Spaß machen würde. Ein paar Jahre lang war ich dann BISS-Verkäuferin in Obergiesing, doch dann hatte ich 2007 einen Unfall: Im Getränkemarkt hat mich ein Gabelstapler angefahren, meine Zähne und mein Fuß waren kaputt, und ich konnte lange nicht arbeiten. Seit 2008 stehe ich jetzt am Hohenzollernplatz, meine Hündin Stella ist natürlich immer dabei. Der Kontakt mit den Kunden macht mir sehr viel Spaß. Christine und Hans-Dieter verkaufe ich nicht nur Hefte, wir unterhalten uns auch mal über Bands, AC/DC oder ZZ Top. Musik ist nämlich meine andere Liebe neben dem Verkaufen!

Foto: Barbara Donaubauer; Protokoll: Christoph Gurk

Ja, ich will

Auf den Münchner Standesämtern hieß es im vergangenen Jahr 4922-mal „Ja, ich will“. Bei mehr als 1500 Paaren hatte einer oder hatten beide Partner ausländische Wurzeln. Wir haben uns umgehört, wie in München geheiratet wird und wohin es Münchner zieht, wenn sie es etwas ungewöhnlicher möchten

Text CHRISTOPH GURK

Ja, i wui! HUBERT „ERDÄPFE
KRAUT“ MITTERMEIER 50, Hochzeitslader, www.erdaepfekraut.de
Vor 120 Jahren war es in Bayern auf dem Land noch nicht so wichtig, dass alle Lesen und Schreiben können. Darum gab es den Hochzeitslader, er ist mit einem mit Bändern geschmückten Stab von Hof zu Hof gegangen und hat einen „Ladspruch“ aufgesagt: „Als Hochzeitslader wohlbekannt, bin ich vom Brautpaar ausgesandt …“ und so weiter. In dem Spruch kamen die Namen des zukünftigen Ehepaars vor, die Namen der eingeladenen Gäste und wann und wo geheiratet wird. Am Ende hat der Brautlader dann mit Kreide einen Brautstrauß an die Tür gemalt und noch mal die wichtigen Daten daruntergeschrieben, dann gab es einen Schnaps, und weiter ging’s zum nächsten Hof. Ich habe vor mehr als 30 Jahren angefangen, als Hochzeitslader und Gstanzlsänger zu arbeiten, erst nebenher, bald ist dann aber ein richtiger Beruf daraus geworden. Damals war das Einladen schon Nebensache, es ging eher um das Organisatorische und die Gstanzln. Denn das sind die anderen Aufgaben des Hochzeitsladers: Während des Festes regelt er den Ablauf, er sorgt dafür, dass die Gäste rechtzeitig zur Kirche kommen, er schaut, dass das Brautpaar fotografiert wird, er regelt, wann es die Torte gibt und wann das „Schenken“ stattfindet. Dabei wird immer ein Gast oder eine Gruppe von Gästen von den Musikanten nach vorne gespielt, dann übergeben sie den Eheleuten ein Geschenk, und der Hochzeitslader singt Gstanzl, Vierzeiler also, die auf die Gäste zugeschnitten sind. Früher gab es von ihnen immer ein Trinkgeld für den Hochzeitslader, je nachdem wie hoch das ausfiel, hat er die Gäste beim Schenken gelobt oder sich über sie lustig gemacht.

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Willy, du warst mein Idol

EIN TEXT AUS DER SCHREIBWERKSTATT

von Toni Menacher

Schon in meiner Schulzeit war ich sehr politisch und geschichtlich interessiert. Meine erste größere politische Erfahrung war die Überreichung des Friedensnobelpreises an Willy Brandt 1971. Damals war ich zehn Jahre alt und verfolgte die Verleihung im Fernsehen. Ich informierte mich dann in Geschichtsbüchern meines Bruders über Brandts Lebenswerk und war beeindruckt. Viele Erwachsene in meiner Umgebung waren aus der Kriegsgeneration und sprachen entweder nicht über die Nazizeit und den Krieg, oder aber sie verharmlosten dieses Thema und sagten, sie hätten von der Judenverfolgung nie etwas gewusst. Willy Brandt hat aber sein Leben, seine Freiheit und seine Gesundheit riskiert und im Untergrund gegen die Nazis gekämpft. Ich hätte bestimmt nicht den Mut dazu gehabt. Für mich ist es darum vorbildlich, dass Brandt immer seinen Weg ging. Was mich bis heute stört, ist, dass er sich während der 68er-Bewegung nicht auf die Seite der Demonstranten stellte. Im Gegenteil: Er unterstützte die Notstandsgesetze der Großen Koalition unter Bundeskanzler Kiesinger. Wie kann ein Mann wie Willy Brandt es zulassen, dass Methoden wie in einem Polizeistaat herrschen? Ich selbst, Jahrgang 1961, erlebte dies während der Anti-Atomkraft-Demonstrationen ab Ende der 70er-Jahre. Ich wohnte damals etwa 10 bis 15 Kilometer entfernt von den Atomkraftwerken Ohu 1 und 2 und war mehrmals auf Anti-Atom-Demos. Als Demonstranten auf diesen Demos von der Polizei mit Wasserwerfern und Knüppeln traktiert wurden, hat Willy Brandt nichts dagegen gemacht. Das habe ich ihm übel genommen. Denn er war zwar ab 1974 nicht mehr Bundeskanzler, als SPD-Vorsitzender aber einer der einflussreichsten Politiker. Ich bin immer schon SPD-Sympathisant, aber deshalb fand oder finde ich bei Weitem nicht alles gut, was die Partei macht. Aber es macht mir heute noch Spaß, mit politisch andersdenkenden Menschen zu diskutieren. Aber nur Demokraten! Die Diskussion mit Ewiggestrigen finde ich unnötig. Und ich er- lebe es mit Schrecken, dass heute alte Parolen wie „Ausländer raus“ oder „Asylbewerber sind alles Schmarotzer und Verbrecher“ wieder Zuspruch erhalten. Haben wir nichts aus der Vergangenheit gelernt? Auch am Stammtisch unterlasse ich solche Gespräche, weil Bier und Politik, da kommt nichts Gutes raus!