BISS-Ausgabe Juni 2017 | Wahl

Cover des BISS-Magazins Juni 2017

Thema | Wir haben die Wahl: Wählen heißt Verantwortung übernehmen – für das eigene Leben, die Demokratie und die Zukunft aller | 6 Absturz auf Raten: Von der Schuldenspirale und der Entscheidung,  wieder herauszukommen | 10 Frustrierte Ehrenamtliche: Angesichts vermehrter Abschiebungen sind Flüchtlinge und Helferkreise verzweifelt und wütend | 14 Demokratie ist ein Gefühl Drei Menschen aus Afrika beschreiben, was freie Wahlen für sie bedeuten  | 20 Auf Kosten anderer: Soziologieprofessor Stephan Lessenich im Gespräch | 22 Essen ist Heimat: Fahimas „Mantus“ gegen das Heimweh | Schreibwerkstatt | 5 Käufer und Verkäufer | 26 Aufgelesen: BISS-Verkäufer erzählen, was sie bewegt | Rubriken | 3 Editorial | 28 Freunde und Gönner | 29 Patenuhren | 30 Impressum, Mein Projekt | 31 Adressen

 

 

Käufer & Verkäufer

Karin Degenhardt ( links ) ( 60 ) arbeitet im Vertrieb einer Hightech-Firma

Ich glaube, die BISS bringt Glück. Vor mehr als 20 Jahren war ich in San Francisco. Dort habe ich das erste Mal eine Straßenzeitschrift gesehen. Als die BISS entstand, habe ich mir oft die neueste Ausgabe gekauft. Vor acht Jahren habe ich Krebs bekommen, das ging einigermaßen gut aus. Seitdem habe ich den Wunsch, mich zu bedanken. Also unterstütze ich die BISS, wo ich kann. Jedes Mal, wenn ich einen Verkäufer sehe, kaufe ich eine, selbst wenn ich die schon zu Hause habe. Beim Kaufen der BISS bekomme ich sehr viel zurück, zum Beispiel von Herrn Jäth. Er ist aufmerksam und ruhig inmitten der Hektik des Alltags. Er ist freundlich und zuvorkommend, die Gespräche mit ihm sind bereichernd. Seine Wünsche für einen guten Tag und für Gesundheit kommen von Herzen. Das empfinde ich als ein großes Glück.

Manfred Jäth ( rechts ) ( 66 ) BISS-Verkäufer am Rotkreuzplatz

Zwei Winter habe ich auf der Straße überstanden, teilweise bei Temperaturen bis minus 15 Grad. Gelandet bin ich dort nach dem Tod meiner Frau. Wir lebten in Hannover, sie hatte einen guten Job, ich habe vor allem den Haushalt gemacht. Dann bekam meine Frau eine Herzkrankheit und starb. Schon davor hatten wir Schulden, jetzt wurden es aber immer mehr. Ich versuchte eine Arbeit zu finden, aber ich war schon zu alt, eine Stelle fand ich nicht. Ich wusste nicht mehr weiter, und 2015 ließ ich einfach alles zurück. Ich lebte auf der Straße und sammelte Pfandflaschen, acht Stunden am Tag. Ich fuhr durch halb Deutschland auf der Suche nach Hilfe, so landete ich in München und am Ende auch bei der Schuldnerberatung. Dort wurde ich zu BISS geschickt. Jetzt habe ich endlich wieder ein Zimmer und eine Arbeit, die Folgen der letzten Jahre spüre ich aber immer noch. Meine ganze rechte Körperhälfte schmerzt vom Schlafen auf dem harten Boden in den letzten beiden Wintern.

Foto: Barbara Donaubauer; Protokoll: Christoph Gurk

Helfer in Not

Ohne die vielen ehrenamtlichen Helfer wäre die Flüchtlingswelle nicht zu bewältigen gewesen. Die Stimmung in Deutschland hat sich geändert – und so werden fragwürdige politische Entscheidungen getroffen, die Helfer und Geflüchtete verzweifeln lassen

Text BERNHARD HIERGEIST

Foto FRITZ BECK

In Deutschland ankommen ist schwierig, darum hat sich Hamid* immer an seine „deutschen Eltern“ gehalten. Aber eines Tages sagte der 22 Jahre alte Afghane zu Tatjana Escher*: „Mama, jetzt habe ich alles gemacht, was du gesagt hast – und es geht wieder nicht weiter.“ Monatelang hatte er Bewerbungen geschrieben, Praktika gemacht, Deutsch gelernt. Hat kein Geld verdient wie andere Afghanen, sondern versucht eine Ausbildung zu machen. Und jetzt soll er zurück nach Afghanistan – wie soll das werden, ganz ohne Geld? Tatjana Escher erzählt, wie sie damals zu Hamid sagte: „Du hast recht.“ Ihr Mann und sie hätten immer nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt, sagt sie. „Was haben wir für einen Aufwand betrieben.“ Im Herbst 2015 kam Hamid in München an. Knapp ein Jahr später nahmen das Ehepaar und seine Kinder Hamid bei sich zu Hause auf in ihrem Häuschen mit Garten in einem Münchner Vorort. Haben mit ihm gegessen, haben ferngesehen, haben natürlich auch gestritten. Bald fragte er, ob er sie Mama und Papa nennen darf. Tatjana Escher hat Hamid immer gesagt: Das wird schon, warte nur. Aber so einfach ist es nicht. „Immer werden uns neue Knüppel zwischen die Beine geschmissen.“ Und wenn es nach dem Brief geht, der Mitte März in einem großen Umschlag ankam, soll der afghanische Sohn nun aus diesem Umfeld rausgerissen werden. „Ich habe keine Ahnung, wie die Kinder das verkraften werden“, sagt Escher, „im Moment verdrängen wir das einfach.“

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Alles ist gut

EIN TEXT AUS DER SCHREIBWERKSTATT

von Zuheir Sobhy Matti Takiyan

Ich habe im Kuweit-Krieg meine rechte Hand verloren. Lange war ich deswegen unglücklich und gereizt. Weil mir eine Hand fehlte, konnte ich keine Arbeit finden, meine Familie musste aber essen und die Miete bezahlen – diese Zeit war sehr schwer. Damals fuhr ich eines Tages mit einem Bus von Bagdad nach Mossul. Ein Mann saß neben mir. Er sah, dass es mir nicht gut ging. Er fragte, was mit mir los sei und wo ich hinfahre. Ich antwortete ihm nicht, ich war zu gereizt. Er fragte mich ein zweites Mal, diesmal fragte er mich aber auch, warum ich so gereizt sei. Ich sagte ihm, dass ich meine Hand verloren habe, und der Mann erzählte mir daraufhin eine Geschichte: Ein König hatte einen Minister. Dieser Minister sagte immer, dass alles gut sei. Nach ein paar Monaten verlor der König bei einem Unfall einen Finger. Der Minister sagte zum König: „Alles ist gut.“ Der König wurde daraufhin sehr böse. Was erlaubte sich dieser Minister? Erbost ließ der König ihn ins Gefängnis stecken. Jeden Freitag aber ging der König auf Reisen. Und so kam er einmal in ein Dorf, auf dessen Platz die Menschen einen Götzen anbeteten. Als sie den König sahen, wollten sie ihn ihrem Gott opfern. Doch dann merkten sie, dass dem König ein Finger fehlte. Um ihrem Gott nichts Unperfektes zu schenken, ließen sie wieder von dem König ab. Als er wieder in seinem Palast war, erinnerte der König sich daran, was sein Minister gesagt hatte: Alles ist gut. Am Ende hatte der Minister recht gehabt, der fehlende Finger hatte sein Leben gerettet. Und so holte der König den Minister wieder aus dem Gefängnis. Er fragte den Mann, was er Gutes darin gesehen habe, dass er im Gefängnis war, und der Minister sagte: „Wäre ich nicht im Gefängnis gewesen, wäre ich mit Ihnen zusammen gereist, und dann wäre ich geopfert worden. Alles ist also gut.“

Nachdem er seine Geschichte beendet hatte, sagte der Mann im Bus zu mir: „Gott hat Ihnen zwei Hände gegeben. Sie können auch mit einer Hand Arbeit finden, denn wo man nicht zwei Hände braucht, braucht man den Kopf. Danken Sie Gott für seine Güte.“ Ich dankte Gott für den Verstand, den er mir gegeben hat. Für die beiden Augen und Ohren und für die zwei Füße und zwei Hände. Eine hatte ich verloren, aber die andere habe ich noch. Und dank Gott habe ich hier in Deutschland auch eine gute Arbeit gefunden. Wenn ich also darüber nachdenke, dass ich meine Hand verloren habe, dann denke ich, dass es Gottes Wille war. Wenn schlechtes Wetter ist, sage ich: Alles gut. Wenn gutes ist, sage ich: Alles gut. Wenn ich verkaufe, sage ich: Alles gut. Wenn ich nicht verkaufe, sage ich: Alles gut.