BISS-Ausgabe Oktober 2017 | Auf der Straße

Cover des BISS-Magazins Oktober 2017

Thema | Leben am Rand: Wir sehen sie nicht oder wollen sie nicht  sehen –  Obdachlose, Co-Abhängige, Menschen  mit Verständnisproblemen | 6 Auf der Straße: Womit Obdachlose täglich kämpfen und dennoch auf der Straße bleiben | 12 Co-abhängig: Sucht fesselt nicht nur die Süchtigen, sondern auch deren Angehörige | 16 Leichte Sprache: Niemand müsste ausgeschlossen werden | 22 INSP-Kongress 2017: Straßenzeitungsmacher aus 28 Ländern trafen sich in Manchester | 24 Rückblick – Ausblick: BISS in Zahlen, Daten, Fakten | Schreibwerkstatt | 5 Was uns verbindet | 26 Aufgelesen: BISS-Verkäufer erzählen, was sie bewegt | Rubriken | 3 Editorial | 29 Freunde und Gönner | 28 Patenuhren | 30 Impressum, Mein Projekt | 31 Adressen

 

 

 

 

Was uns verbindet

DER NEUANFANG

DAN ARANGHEL, 49, BISS-VERKÄUFER AN DER MÜNCHNER FREIHEIT, UND BERNHARD CLAUS, 54, KOMMUNIKATION UND MARKETING BEI BAYERNGAS

BC: Ich weiß, wie es ist, wenn sich das Leben mit einem Schlag komplett verändert. Mit Anfang zwanzig habe ich als Heizungsbauer gearbeitet, ich war sehr sportlich und bin Motorrad gefahren. Dann hatte ich einen Unfall, mein Sehnerv wurde durchtrennt, und ich war auf einmal blind. Mein Job, der Sport, das Motorrad – all das ging nicht mehr.

DA: Mein Leben hat sich komplett verändert, als meine Frau mich verlassen hat. Eines Tages komme ich von einer Reise nach Bukarest zurück, ich will die Tür unserer Wohnung aufsperren – doch der Schlüssel passt nicht mehr. Meine Frau war mit einem anderen Mann durchgebrannt, unsere Wohnung hatte sie verkauft, mein Sohn und ich standen auf der Straße. Ich wurde fast verrückt vor Zorn und begann zu trinken. Doch dann dachte ich an meinen Sohn und beschloss, nach Deutschland zu gehen, um Geld für uns beide zu verdienen.

BC: Nach dem Unfall war es nicht einfach, den Weg zurück zu finden. Aber ich habe es geschafft, mein Abi nachgeholt und IT-Kaufmann gelernt. Jetzt arbeite ich bei Bayerngas, und so habe ich auch Herrn Aranghel kennengelernt. BISS kannte ich vorher nur vom Hören, buchstäblich, ich kann die Verkäufer am Bahnhof oder in der Fußgängerzone ja nur hören, nicht sehen. Bayerngas ist der Pate von Herrn Aranghel, er hat mir seine Geschichte
erzählt, und ich freue mich, dass wir ihn als Paten unterstützen können, sich ein neues Leben für sich und seinen Sohn aufzubauen.

DA: Als ich in Deutschland ankam, habe ich keine Arbeit gefunden. Ich musste betteln und war obdachlos, drei Jahre lang. Dann gab mir ein Verkäufer die Telefonnummer von BISS, ich stellte mich vor, und bald hatte ich meinen eigenen Verkaufsplatz. Heute bin ich festangestellt. Jeden Monat schicke ich Geld an meinen Sohn in Rumänien. In ein paar Monaten kommt er nach Deutschland. Dann ist endlich wieder alles gut.

Foto: Barbara Donaubauer

Protokoll: CHRISTOPH GURK

Alle Menschen sollen alles verstehen

von Elke Amberg

Das wären paradiesische Zustände: Wenn alle Behörden ihre Briefe und Formulare in Leichter Sprache verfassen würden. Wenn Nachrichten und Lexika, Gebrauchsanweisungen und Arztbriefe, Mietverträge und Amtsschreiben, Bastelanleitungen und Beipackzettel von Medikamenten, wenn all die Schriftstücke, die uns das Leben schwer machen, so geschrieben wären, dass jedermann und jedefrau sie lesen können! Nie mehr müsste man in einer fremden Stadt stundenlang die Fahrkarten-Informationen studieren. Man könnte mit Ärzten auf Augenhöhe sprechen, Ausstellungen wirklich verstehen und genießen, über unsere Geschichte und andere Länder etwas erfahren … Doch davon sind wir heute weit entfernt. Wir leben zwar in einer Informationsgesellschaft, aber de facto kann ein großer Teil der Bürger nicht daran teilhaben. Denn nur lange Schachtelsätze, Beamtendeutsch, das gespickt ist mit Fremdwörtern und Fachchinesisch, gilt als gutes Deutsch. Das wird nur von den Experten selbst oder geübten Bildungsbürgern verstanden. Die anderen Leser – oder besser gesagt Nichtleser – haben sich schon lange damit abgefunden, ausgeschlossen zu sein. Manche schämen sich dafür, andere verschweigen es. Unsere Informationsgesellschaft lässt einen Teil ihrer Menschen „verhungern“ mit den einfachen Botschaften der Werbung, der Klatschpresse, der Popsongs und der Populisten!
Lesen Sie weiter bei »Alle Menschen sollen alles verstehen«…

Herbst

EIN TEXT AUS DER SCHREIBWERKSTATT

von Uschi Grassl

Nun ist er da, der Herbst, feuchte Kühle umgibt uns frühmorgens, graue Nebelschwaden durchziehen das Land. Die Felder sind abgeerntet, und die letzten Sommerblumen verblühen. Herbstzeitlosestrahlen mit ihren zarten violetten Blüten. Wir freuen uns an den Hagebutten und sammeln Eicheln und Kastanien, aus denen wir kleine Tiere basteln können an den lang werdenden Winterabenden. In München findet das Oktoberfest statt. Fesch brezeln sich Mädchen und Frauen noch einmal auf mit ihren Zopffrisuren und den prachtvollen Dirndln. Und die Männer ziehen noch einmal ihre Lederhosen und ihre Janker an. Auf den Wiesen auf dem Land sehe ich Kinder, die ihre Drachen steigen lassen. Das erinnert mich an meine Kindheit, heute kann man die Drachen fertig kaufen, wir haben sie noch selbst gebaut. Spaß hat das gemacht, und stolz ließen wir sie dann in den Himmel steigen. Ich sehe die abgeernteten Obstbäume und habe wehmütige Gedanken. War es nicht erst gestern, als sie blühten? Die Blätter der Laubbäume sind bunt, welch Farbenspiel, doch bald werden sie ihre Pracht verlieren, dort, wo ich gehe, wird sich bald der Schnee ausbreiten. Und so freue ich mich schon jetzt, dass nach dem Winter der Frühling kommt.