BISS-Ausgabe Juni 2019 | Ein guter Start

Cover des BISS-Magazins Juni 2019

Thema | Sprachen lernen | Mit Menschen in Kontakt kommen – das funktioniert nur über eine gemeinsame Sprache. Sich ein anderes Sprachsystem anzueignen, ist jedoch nicht einfach | 6 Spielerisch Deutsch lernen: Sprachförderung bei Kindern | 12 Bundesfreiwilligendienst: Drei Bufdis berichten von ihren Erfahrungen | 16 Gewalt gegen Frauen mit Behinderung: Eine wissenschaftliche Studie belegt das Ausmaß | 20 Wie Erwachsene Sprachen lernen: Das Angebot ist groß, der Weg zum B1-Niveau steinig | 25 Vorsicht: Betrüger geben sich als BISS-Verkäufer aus | Schreibwerkstatt | 5 Was uns verbindet | 26 Aufgelesen: BISS-Verkäufer erzählen, was sie bewegt | Rubriken | 3 Editorial | 28 Patenuhren | 29 Freunde und Gönner | 30 Impressum & Mein Projekt | 31 Adressen

Was uns verbindet

In der BISS-Kolumne kommen Menschen zu Wort, die eine persönliche Erfahrung oder ihr Interesse an einem Thema oder Projekt verbindet. In der Begegnung zeigt sich, dass Menschen trotz unterschiedlicher Lebenslagen, Überzeugungen und Persönlichkeiten immer auch etwas gemeinsam haben

DIE STADT FĂGĂRAȘ IN RUMÄNIEN

Protokoll CHRISTINE AUERBACH


WERNER SCHÜLE: Im Jahr 2014 hat mich die Organisation Diakonia nach Rumänien in die Stadt Făgăraș geschickt, denn sie haben jemanden gebraucht, der dort die Mitarbeiter einer kleinen Fahrradwerkstatt anlernt. Die Organisation bekommt gebrauchte Fahrräder aus Deutschland gespendet, macht sie wieder verkehrstüchtig und verkauft sie im Ort. Nora ist eine der Mechanikerinnen dort.

Werner Schüle (70), ehemals Radgeschäftsinhaber, jetzt Rentner und Nora Filip (48), gelernte Schusterin, jetzt Fahrrad­mechanikerin

NORA FILIP: Früher war ich Schusterin. Aber davon kann ich nicht mehr leben. Mir macht die mechanische Arbeit mit den Rädern Spaß. Schuhe repariere ich nur noch nebenher, wenn alte Stammkunden kommen.

WS: Făgăraș war früher eine Industriestadt, jetzt ist sie eher arm. Durch die Fahrradwerkstatt können Nora und noch zwei weitere Frauen ihr Einkommen sichern. Ich habe ihnen fast ohne Übersetzer beigebracht, wie man Räder repariert. Sie haben sehr schnell gelernt.

NF: Im Moment bin ich in München und schaue mir in der Fahrradwerkstatt Dynamo an, was wir bei uns in Făgăraș noch verbessern können. Bei Dynamo gibt es zum Beispiel eine Reinigungsstelle für Altteile, solch ein Gerät möchte ich auch für uns anschaffen. WS: Das Radfahren ist in Făgăraș noch nicht so verbreitet wie in München. Aber langsam kommt es auch dort. Und unsere Werkstatt ist bisher noch die einzige im Ort.

NF: Ich kann übrigens gar nicht Fahrrad fahren. Ich habe es ein paar Mal versucht, bin aber gestürzt. Aber ich versuche es bald noch einmal!



Gewalt gegen Frauen mit Behinderung

Text in einfacher Sprache VERENA REINHARD

Prof. Dr. Monika Schröttle

Frauen mit Behinderungen sind häufiger von Gewalt betroffen als andere Frauen – das ist noch nicht genug bekannt
Prof. Dr. Monika Schröttle hat zusammen mit Claudia Hornberg im Jahr 2012/13 eine wissenschaftliche Untersuchung geleitet. Ihr Thema: Lebenssituation und Belastungen von Frauen mit Behinderungen in Deutschland. Dafür wurden über 1.500 Frauen mit Behinderungen befragt. Die Frauen lebten in privaten Haushalten und in Einrichtungen der Behindertenhilfe. Die Untersuchung ergab: Frauen mit Behinderungen sind häufiger von Gewalt betroffen als andere Frauen. In der Kindheit, Jugend und als Erwachsene. Ungefähr vier von zehn Frauen haben als Kind oder als Frau sexuelle Gewalt erlebt. Ungefähr acht von zehn Frauen haben körperliche Gewalt als Erwachsene erlebt. Genauso viele haben psychische Gewalt erlebt.

FORMEN VON GEWALT
Die Täter sind am häufigsten die Partner oder Ex-Partner. Wie auch bei Frauen ohne Behinderung. Aber auch sehr häufig sind es Familienangehörige. Frauen mit schwereren körperlichen, Seh- und Hörbehinderungen sind auch in anderen Lebensbereichen in Gefahr. Zum Beispiel an öffentlichen Orten, im Bekanntenkreis, am Arbeitsplatz oder in der Schule. Bei Frauen mit Behinderungen, die in Einrichtungen leben, sind die Täter häufig Mitbewohner. Aber auch Pflegekräfte und andere Unterstützungspersonen. Die häufigste Form der Gewalt ist die psychische Gewalt. Das können zum Beispiel Beleidigungen, Drohungen und Zwang sein. Sehr häufig kommt auch körperliche Gewalt vor. Viele Frauen haben auch sexuelle Gewalt und sexuelle Belästigung erlebt.

SCHON IN DER KINDHEIT
Frauen mit Behinderungen haben schon in der Kindheit häufiger Gewalt erlebt als andere Frauen. Am meisten körperliche und psychische Gewalt durch ihre Eltern. Aber auch sexuellen Missbrauch durch Erwachsene und durch andere Kinder und Jugendliche. Am meisten hatten das psychisch kranke und gehörlose Frauen erlebt. Und sehr häufig auch Frauen mit Seh- und Körperbehinderung. Diese Frauen sind auch als Erwachsene sehr oft von Gewalt betroffen. Genauso wie Frauen mit mehreren Behinderungen, die in privaten Haushalten leben. Und Frauen mit Lernbehinderung, die in Einrichtungen leben.

DISKRIMINIERUNG UND ABHÄNGIGKEIT FÜHREN ZU GEWALT
Diskriminieren heißt benachteiligen oder schlechter behandeln. Die befragten Frauen haben zum Beispiel diese Diskriminierungen erlebt: Sie fühlten sich belästigt, schlechter behandelt und nicht ernst genommen. Ein großes Problem ist, dass Frauen mit Behinderungen sich oft nicht so gut schützen können. Denn viele brauchen Unterstützung und sind deshalb abhängiger von anderen Menschen. Es fällt ihnen deshalb oft schwerer, sich zu wehren. Sie haben meist nicht die körperliche oder seelische Kraft. Häufig fehlen auch Vertrauenspersonen, Geld oder das Wissen, um sich aus der Gewaltsituation zu befreien. Viele haben in der Kindheit Gewalt erlebt und fühlen sich hilflos und nicht ernst genommen. Auch noch als Erwachsene. Sie trauen sich deshalb oft nicht, die Gewalttat zu melden. Die Mitarbeiter bei Polizei oder Gericht sind häufig noch nicht gut genug geschult, um den Frauen richtig zu helfen.
Aus Untersuchungen ist bekannt: Frauen, die Gewalt erlebt haben, werden häufig krank, psychisch und körperlich. Und können dadurch arm und obdachlos werden. Häufig erfahren sie noch mehr Gewalt. Besonders obdachlose Frauen müssen geschützt und unterstützt werden.

VORSORGE UND SCHUTZ
Frauen mit Behinderungen müssen die Möglichkeit haben, schnell und einfach Beratung, Unterstützung und Schutz zu bekommen. Es wurde schon einiges verbessert. Es gibt Gesetze, die Frauen vor Gewalt schützen und unterstützen sollen. Es gibt Frauenhäuser, Frauenberatungsstellen und Frauen­Notrufe. In vielen Einrichtungen der Behindertenhilfe gibt es zum Beispiel Selbstbestimmungskurse und Frauenbeauftragte.
Wichtig wäre es nun zu untersuchen: Werden die Frauen dadurch wirklich besser geschützt und unterstützt? Die Politik muss mit betroffenen Frauen und Einrichtungen sprechen. Und genug Geld zur Verfügung stellen. Wir alle müssen dabei mithelfen, dass Frauen mit Behinderungen wirklich ernst genommen werden. Und dass sie selbstbestimmt und ohne Gewalt leben können.

Vorsicht Betrüger

von Karin Lohr

BISS-Verkäufer präsentieren stolz die neuen Westen: Cuza Dragomir, Ernst Köppel, Ercan Uzun, Udo Güldner und Dirk Schuchardt (v.l.n.r.)

Leider kommt es vor, dass Trittbrettfahrer versuchen, BISS und seinen Verkäufern zu schaden. Sie profitieren von unserem guten Ruf und betrügen alle Menschen, die Gutes tun und anderen helfen wollen. So gibt es einzelne fremde Personen, die widerrechtlich im Besitz von Ausgaben der aktuellen BISS sind und vorgeben, BISS verkaufen zu dürfen. Diese Personen betrügen durch ihr illegales Treiben gleich zweimal: Erstens den Zeitungskäufer, der ihnen etwas abkauft in der irrtümlichen Annahme, damit einem armen oder obdachlosen Menschen zu helfen. Und zweitens schadet der Betrüger dem BISS-Verkäufer, der keine Zeitung verkaufen kann. Wenn Sie also beispielsweise in Freising die BISS kaufen, dann nicht bei dem Trittbrettfahrer ohne Legitimation, der an Markttagen vor dem Freisinger Rathaus steht, sondern bei dem Verkäufer, der einen gültigen Verkäuferausweis vorzeigen kann. Ebenfalls dreist sind Betrügerinnen unterwegs, die vorgeben, Spenden für BISS bzw. eine Suppenküche von BISS zu sammeln. In der Regel sind es zwei Frauen, die mit einer aktuellen BISS-Ausgabe und einer Unterschriftenliste Passanten in Cafés, Restaurants, Biergärten, aber auch auf der Straße direkt ansprechen und um eine Spende bitten. BISS betreibt keine Suppenküche und sammelt keine Spenden an der Haustür oder auf der Straße, das steht in jeder unserer Ausgaben. Der Verein hat Anzeige erstattet und die Polizei ermittelt. Sollte Ihnen also so jemand über den Weg laufen, geben Sie kein Geld, sondern rufen Sie die Polizei unter 110. BISS-Leser kennen und unterstützen seit 25 Jahren die Arbeit von BISS, weil sie unmittelbar an den Verkäufern sehen, dass sich der gemeinnützige Verein mit Herz und Verstand für „Bürger in sozialen Schwierigkeiten“ einsetzt. Die BISS-Verkäufer tragen mit ihrem Mut und ihrer Bereitschaft zum guten Ruf von BISS bei. Sie arbeiten oft schwer daran, persönliche Schwierigkeiten zu überwinden und ein besseres Leben zu beginnen. Die Betrüger, egal ob illegale Spendensammler oder illegale Verkäufer, leisten nichts, sondern wollen abkassieren. Also Augen auf, liebe BISS-Leserinnen und Leser, kaufen Sie die BISS nur bei unseren Verkäufern!

Unser Baby…

EIN TEXT AUS DER SCHREIBWERKSTATT

von Ercan Uzun

… heißt „Papa“ und ist ein Graupapagei. Vögel dieser Art können bis zu 60 Jahre alt werden. Vergangenen Herbst fuhren wir nach Niederbayern zu einem Züchter und erfüllten uns einen lang gehegten Wunsch. Als wir Papa kauften, war er ein halbes Jahr alt. Wir mussten ihn erst mal zähmen, zwei Wochen war er darum bei uns zu Hause in seiner Voliere eingesperrt. Nach und nach hat meine Frau ihn dann herausgelassen. Das Sprechen hat er schnell gelernt, dafür sind Graupapageien ja auch berühmt. Seine ersten Worte waren „Papa“, „Trabzonspor“ (der Name meines türkischen Fußballvereins) und „Aşkım“, was so viel wie Liebling auf Deutsch bedeutet. Demnächst möchte ich ihm „58, 59, Sechzig“ beibringen, damit er auch hier meinen Verein, den TSV 1860 München, anfeuern kann. Leider hat Papa nicht nur für Freude gesorgt, als er zum Beispiel am Hausmobiliar knabberte. Am meisten haben sich meine Frau und meine Tochter um ihn gekümmert. Meinen ältesten Sohn nervt dagegen sein Pfeifen und Geplapper. Er hätte lieber einen Vierbeiner als Haustier gehabt. Aber ein Hund darf nach unseren religiösen Gepflogenheiten nicht in der Wohnung gehalten werden. Es dauerte lange, bis Papa zutraulich wurde. Dann aber kam er zum Erstaunen aller Familienmitglieder entweder zu mir oder zu meinem zweitältesten Sohn. Immer wenn ich vom Verkauf nach Hause komme, fliegt Papa auf mich zu. Warum er am meisten meine Nähe sucht, ist uns allen ein Rätsel. Auf jeden Fall sind wir froh, mit ihm ein neues Mitglied in der Familie zu haben.
Und wer weiß: Vielleicht stehe ich irgendwann mit ihm auf der Schulter am Sendlinger Tor und verkaufe die BISS? Noch haben wir aber zu viel Angst davor, dass Papa uns wegfliegt.