BISS-Ausgabe April 2019 | Barrierefrei?

Cover des BISS-Magazins April 2019

Thema | Schwellen des Lebens | Geschichten über ganz reale Barrieren und Übergänge in unserem Leben, die uns Angst machen | 6 Der letzte Umzug: Ins Pflegeheim zu ziehen, ist für viele ältere Menschen ein schwerer Schritt | 12 Mit Handicap unterwegs: Der Weg durch die Stadt mit Hindernissen und Hilfen | 16 Selbstschutz: Rettungssanitäter lernen, sich  zu verteidigen | 20 Palliativversorgung: Hermann Reigber über die Phase zwischen Leben und Tod | Schreibwerkstatt | 5 Was uns verbindet | 24 Aufgelesen: BISS-Verkäufer erzählen, was sie bewegt | Rubriken | 3 Editorial | 26 Patenuhren | 27 Freunde und Gönner | 30 Impressum & Mein Projekt | 31 Adressen

Was uns verbindet

In der BISS-Kolumne kommen Menschen zu Wort, die eine persön liche Erfahrung oder ihr Interesse an einem Thema oder Projekt verbindet. In der Begegnung zeigt sich, dass Menschen trotz unterschiedlicher Lebenslagen, Überzeugungen und Persönlichkeiten immer auch etwas gemeinsam haben

Die gemeinsame Sprache

Protokoll Christine Auerbach; Illustration: Martin Fengel; Foto: Barbara Donaubauer

IGOR VLAD: Ich stamme aus einer rumänischen Familie, die unter Stalin nach Sibirien geschickt wurde. Als Stalin tot war, wurde meine Familie
rehabilitiert und ist in die Region Moldau zurückgegangen. Ich blieb in Omsk, diente dann 25 Jahre in der russischen Armee. Deshalb spreche ich Russisch, obwohl ich rumänische Wurzeln habe.

TATJANA DUBS: Und deshalb können wir uns unterhalten. Ich stamme aus Karaganda in Kasachstan, aber lebe seit 2003 in Deutschland. Bei Dynamo Fahrradservice habe ich eine Ausbildung zur Bürokauffrau gemacht und später noch die Ausbildereignung bei der IHK abgeschlossen.

Tatjana Dubs (33), Innendienstmitarbeiterin bei BISS e. V. und Igor Vlad (80), BISS-Verkäufer am Ostbahnhof

IV: Ich bin viel kürzer in Deutschland, nämlich erst seit drei Jahren. Als ich von BISS gehört habe, bin ich hierhergekommen ins Büro, um nach Arbeit zu fragen.

TD: Herr Vlad ist einer von drei Verkäufern, mit denen ich russisch reden kann.

IV: Für mich war das besonders am Anfang sehr hilfreich, ist es aber immer noch. Und es macht mir Spaß, im fremden Land die Sprache zu sprechen, die ich als meine Muttersprache betrachte.

TD: Mir macht das auch Spaß. Dabei ist Russisch viel schwieriger als Deutsch. Ich habe zwar viele Kurse besucht, aber das Sprechen hier vor allem im Alltag gelernt.

IV: Ich finde, die beiden Sprachen sind gleich schwierig. Ich denke, es gibt nichts, das man nicht mit Disziplin erreichen kann. Trotzdem habe ich immer noch ein kleines deutsch- russisches Wörterbuch dabei beim Verkaufen. Und bald kommt auch mein Sohn nach Deutschland, darauf freu ich mich. Dann kann ich zumindest auch mit ihm russisch reden.

Der letzte Umzug

von Gabriele Winter

Wenn im Alter die Kräfte schwinden, kann das Leben in der eigenen Wohnung gefährlich werden. Vielen Senioren fällt es jedoch schwer, ihre lieb gewonnenen Dinge und ihre Selbstständigkeit zurückzulassen und ins Pflegeheim zu ziehen. Wir haben mit Menschen in dieser Lebensphase gesprochen


Edeltraut Moser im Pflegezentrum Sendling; Foto: Olaf Unverzart

Plötzlich ging alles ganz schnell. Edeltraut Moser konnte nach einem schweren Sturz mit Kopfwunde, Oberschenkelhals- und Handgelenkbruch nicht mehr in ihre Wohnung zurückkehren. Noch im Krankenhaus kontaktierte man das Pflegezentrum Obersendling und brachte sie nach der Reha direkt dorthin. Frau Moser ist geschieden, lebte allein und konnte von Glück sagen, dass man sie überhaupt fand. Die Feuerwehr musste ihre Wohnungstür aufbrechen, da hatte sie schon stundenlang blutüberströmt auf dem Fußboden gelegen. Hätte Edeltraut Moser nicht zufällig an diesem Tag einen Arzttermin gehabt, zu dem die Tochter ihrer Cousine sie abholen wollte, hätte sie vielleicht nicht überlebt. Auch vor dem Sturz war es Frau Moser immer schwerer gefallen, sich zu versorgen. Nach drei Infarkten waren Hausarbeit und Einkaufen eine große Belastung für sie. Seit August lebt die 93-Jährige jetzt im Pflegezentrum der Inneren Mission in Obersendling – in einem Doppelzimmer. „Das ist schon eine Umstellung, wenn man über 40 Jahre allein gewohnt hat“, meint sie. Edeltraut Moser steht auf der Warteliste für ein Einzelzimmer. „Das wird sie auch bald bekommen“, versichert ihr Pflegeüberleiter Frank Salziger. Er kümmert sich um die Aufnahme der Patienten und kann nachvollziehen, dass verschiedene Charaktere nicht immer zusammenpassen. Nur musste man für Frau Moser sofort einen Platz finden, denn allein leben ging für sie nicht mehr. Während der Reha war eine gesetzliche Betreuerin für sie bestellt worden, die eine anschließende Unterbringung im Heim veranlasst hatte. Zwar ist Frau Moser völlig klar im Kopf und erzählt blumig aus ihrem Leben, nur fortbewegen kann sie sich ohne Rollator kaum noch. Früher ist sie „stundenlang an der Isar entlangspaziert“. Doch das schafft sie nicht mehr, obwohl der Fluss nicht weit entfernt liegt vom Pflegezentrum in der Baierbrunner Straße.


Weiterlesen „Der letzte Umzug“

Hochzeitsreise, Teil 1

EIN TEXT AUS DER SCHREIBWERKSTATT

von Dirk Schuchardt

Wie schon in einem früheren Artikel erwähnt, machten wir, meine Frau und ich, unsere Hochzeitsreise nach Wien. Vom 23.12.2018 bis zum 1.1.2019 machten also unsere Kinder, meine Frau und ich die österreichische Hauptstadt unsicher. Morgens gegen sechs Uhr ging es von zu Hause los zum Münchner Hauptbahnhof und von dort fuhren wir per Bahn über Salzburg nach Wien. Gegen 13 Uhr kamen wir in unserem Hostel an. Nach dem Einchecken wollte meine Familie gleich los, die Stadt erkunden. Noch am selben Tag besichtigten wir den Stephansdom. Danach besorgten wir uns einen kleinen, schon fertig geschmückten Weihnachtsbaum mit einer Kerze als Spitze für unser Zimmer. Am 24. kauften meine Frau und ich einige kleinere Weihnachtsgeschenke für unsere Kinder (die größeren hatten wir zu Hause in München gelassen). Gegen Mittag gingen wir in der Nähe unseres Hostels in einem mexikanischen Restaurant zum Essen. Danach, so gegen 15 Uhr, war in unserem Zimmer die Weihnachtsbescherung und die Kinder anschließend mit dem Basteln der Lego-Figuren beschäftigt. Am 25.12. war für meine Frau dann „Sissi“-Tag: Wir besichtigten hintereinander Schloss Schönbrunn, die Wiener Hofburg, die Schatzkammer und das Möbelmuseum. In Letzterem befanden sich neben den „alten“, abgelegten Möbeln der verschiedenen Kaiserepochen auch die Requisiten der „Sissi“-Filme. An jedem Möbelstück, welches in den Filmen vorkam, lief die betreffende Filmszene in einer Endlosschleife auf einem Monitor. Meine Frau, ein absoluter „Sissi“-Fan, schaute jede Szene minutenlang an. Irgendwann sagte mein jüngster Sohn, der eigentlich ein absolutes Mamakind ist, zu mir: „Komm, Papa, wir lassen sie einfach hier und gehen weiter.“ Ich konnte mir ein Lachen nicht verkneifen, und meine Frau verabschiedete sich wehmütig von einer ihrer Lieblingsszenen.

Geld denkt nicht


Karin Lohr, Geschäftsführung; Foto: Sacha Kletzsch

In München fehlen bezahlbare Wohnungen, das ist sicher. Über den Weg, wie Wohnraum für Menschen, die sich ihren Lebensunterhalt durch Arbeit verdienen, geschaffen werden kann, wird diskutiert und auch gestritten, was erst einmal nicht schlimm ist. Und weil für uns BISSler dieses Thema schon immer eine Herzensangelegenheit ist, habe ich neulich eine Veranstaltung im Münchner Nordosten besucht, auf der es um eine Städtebauliche Entwicklungsmaßnahme, kurz SEM, ging. Bei dieser sichert sich die Stadt ein Vorkaufsrecht für die Grundstücke und übernimmt die Planung und Entwicklung eines größeren Gebietes, einschließlich Wohnungen, Straßen, Infrastruktur und Grünflächen. Erwartungsgemäß war die Stimmung im Saal lebhaft, und obwohl unter den anwesenden Anwohnern mehr kritische Stimmen als Befürworter zu hören waren, lasen so manche aufmerksam die Broschüre, die Pro-SEM-Aktivisten am Eingang zum Gelände verteilt hatten. Es ist schon richtig, auf der Veranstaltung hat sich keiner lautstark für den Zuzug vieler neuer Bewohner ausgesprochen. Und diejenigen, die zukünftig dort wohnen könnten, wenn es denn Wohnungen für sie gäbe, waren ja logischerweise nicht anwesend. Es hat aber auch keiner der Anwesenden dafür plädiert, im Alter allein in einem zu großen, nicht barrierefreien Haus zu wohnen, ohne Pflegedienst, weil der keine Angestellten findet, ohne nahe gelegene Einkaufsmöglichkeit und ohne öffentliche Parks und Cafés, in denen man andere Menschen außer sich selbst treffen kann. Wir BISSler haben mit unserem an der CSU-Politik gescheiterten Vorhaben, bei dem wir das ehemalige Frauengefängnis am Neudeck in ein erstklassiges Hotel zur Ausbildung benachteiligter Jugendlicher umwandeln wollten, eine leidvolle Erfahrung gemacht. Schlimm, dass die bayerische Regierung die Immobilie einem Investor zugeschlagen hat, der sie jetzt maximal verwertet, mit Preisen von bis zu 20.000 Euro je Quadratmeter. Die CSU-Regierung hat das Interesse eines Investors vor das Gemeinwohl gestellt. Noch schlimmer, dass sie nicht aus Fehlern lernt. Ein profitorientierter Investor rechnet, denkt aber nicht an die Allgemeinheit. Die Stadt und private Bauherren haben in Zusammenarbeit mit Münchner Genossenschaften eine Reihe von beispielhaften Wohnprojekten realisiert. Dort leben Menschen mit mehr und solche mit weniger Geld zusammen. Es gibt Kitas, Schulen, Ateliers für Künstler und Grünflächen, und am Beispiel des DomagkParks endlich auch ein Mobilitätskonzept. Alles nicht perfekt, aber der Weg, der sich zu verfolgen lohnt.


Herzlichst


Karin Lohr, Geschäftsführerin