BISS-Ausgabe März 2019 | Omas gegen rechts

Cover des BISS-Magazins März 2019

Thema | Lust am Widerstand | Wann immer in München für Menschenrechte und eine offene Gesellschaft demonstriert wird, sind die „Omas gegen rechts“ dabei | 6 Studieren mit Handicap: Wie steht es mit der Inklusion an den Hochschulen? | 12 Ausgeliefert: Frühere Heimkinder und ihre traumatischen Erfahrungen | 16 Haltung bewahren: Was Berufsbetreuer alles leisten müssen | 20 Sorgsamer Umgang: Wohin mit den Sachen, wenn eine Wohnung aufgelöst werden muss? | Schreibwerkstatt | 5 Was uns verbindet | 24 Aufgelesen: BISS-Verkäufer erzählen, was sie bewegt | Rubriken | 3 Editorial | 26 Patenuhren | 27 Freunde und Gönner | 30 Impressum & Mein Projekt | 31 Adressen g

Was uns verbindet

In der BISS-Kolumne kommen Menschen zu Wort, die eine persönliche Erfahrung oder ihr Interesse an einem Thema oder Projekt verbindet. In der Begegnung zeigt sich, dass Menschen trotz unterschiedlicher Lebenslagen, Überzeugungen und Persönlichkeiten immer auch etwas gemeinsam haben

DIE HOHENZOLLERNSTRASSE

KARIN LOHR: Ich habe mehr als 20 Jahre in der Hohenzollernstraße gewohnt. Herr Herzog hat dort die Fenster der schicken Läden geputzt. Zum Beispiel die vom Herrenausstatter Herdt.

ROLAND HERZOG: Einer der schönsten Läden dort!

KL: Herr Herzog hat zu jeder Tages­ und Nachtzeit immer irgendwo Schaufenster geputzt. Wenn ich auch einmal nachts heimgekommen bin, war es für mich immer sehr beruhigend, ihn in „unserer“ Straße zu sehen. Wir haben uns dann jedes Mal freundlich gegrüßt.

RH: Ich habe eigentlich eine Verwaltungsdienstausbildung.
Aber über viele Stationen, zum Beispiel bei der Post oder im Einwohnermeldeamt, bin ich schließlich in die Innen­ und Gebäudereinigung gekommen. Ich habe mir da alles selbst beigebracht.

Roland Herzog (74), ehemaliger Gebäudereiniger und BISSVerkäufer am Prinzregentenplatz, und …… Karin Lohr (58), Geschäftsführerin BISS e. V.

KL: Was ich Sie schon immer fragen wollte: Wie bekommt man solche großen Fenster eigentlich streifenfrei sauber?

RH: Mit Übung! Und einem guten Leder und schönen s­förmigen Bewegungen beim Abziehen des Wassers. Spüli finde ich am besten. Und immer putzen, wenn die Scheiben kalt sind, nie in der Sonne!

KL: Irgendwann habe ich Herrn Herzog für Dynamo Fahrradservice angeworben, dort hat er die Schaufenster geputzt. Jetzt ist er in Rente und macht das schon lange nicht mehr, verkauft aber gelegentlich die BISS. RH: Aber in der Hohenzollernstraße bin ich noch bekannt! Ich gebe dort manchmal Kleidungsstücke in eine Reinigung, deren Fenster ich früher geputzt habe. Schon damals hat die Belegschaft für meinen Lohn zusammengelegt – und heute reinigen sie meine Kleidung umsonst.
… Karin Lohr (58), Geschäftsführerin BISS e. V.
Was uns verbindet

Heimweh

Etwa 700.000 bis 800.000 Kinder und Jugendliche lebten in den Jahren 1949 bis 1975 vollständig oder zeitweise in Heimen. Was sie dort erleben und erleiden mussten, blieb viele Jahre von der Öffentlichkeit unbeachtet. Eine Studie des Instituts für Praxisforschung und Projektberatung (IPP) in München dokumentiert jetzt dieses Leid und die Auswirkungen der Traumata aus der Kindheit und Jugend auf die spätere Biografie1. Die wesentlichen Erkenntnisse hat Helga Dill, eine der Mitautorinnen der Studie, für BISS zusammengefasst

Von  HELGA DILL

Illustration  BARBARA YELIN

Klaus Müller* war zwölf Jahre alt, als er 1954 in ein Heim kam. Die Eltern hatten sich getrennt. Der einflussreiche, gut situierte Vater schickte den Jungen in ein Landschulheim. Die Kinder mussten dort Gewaltmärsche machen, Prügel und andere Strafen waren an der Tagesordnung. Vor der Schule mussten schwere Garten-­, Feld­- und Küchenarbeiten erledigt werden. Als Klaus wieder einmal mit einem harten Gegenstand verprügelt wurde, lief er aus diesem Landschulheim weg. Seine Mutter nahm ihn auf. Klaus ging ins Gymnasium. Aber dieses Familienleben dauerte nur ein Jahr. Der zweite Mann der Mutter starb. Klaus musste zu seinem Vater ziehen. Der schickte den Sohn auf ein Internat, aus dem er ebenso weglief. Auf Betreiben des Vaters übernahm das Jugendamt die Regie über den jetzt 14-Jährigen, es wies ihn in ein Jugendheim ein. Klaus floh wieder, wurde in ein anderes, strengeres Heim verlegt. 1959 verfügten Vater und Jugendamt die Unterbringung des Jungen in Freistatt, einem der berüchtigtsten Heime für Jugendliche in jener Zeit. In Freistatt wurde Klaus zu einer namenlosen Nummer, Nummer 12. Zweimal pro Tag durften die Nummern auf Befehl aufs Klo. Der Schlafsaal war ein ehemaliger vergitterter Viehstall; die Hauskleidung ein grüner zerlumpter Leinenanzug, dazu Holzschuhe, die zu klein waren. Klaus musste – wie die anderen Jungen – schwere Arbeit verrichten, Torfstechen im Moor. Das Essen war karg und kaum genießbar, die Strafen sadistisch und brutal: Stehzwang beim Essen, Stehen den ganzen Tag, Kostentzug, oft tagelanges Sprechverbot, Latrinendienst oder Arrest. Die Arrestzelle, das sogenannte Besinnungsstübchen, war tagsüber mit einem Hocker möbliert, dazu gab es die Bibel zu lesen. Nachts bekam Klaus einen Strohsack und eine Decke. Die Zelle wurde mit einem eiskalten Wasserstrahl ausgespritzt, dem man nicht ausweichen konnte. Klaus versuchte abermals zu fliehen, wurde aufgegriffen und so brutal verprügelt, dass er mehrere Knochenbrüche erlitt. Ärztliche Versorgung gab es nicht. Die Folgen dieser Verletzungen spürt Klaus noch heute. Ein Diakon versorgte Klaus mit Essen und Tabak und versprach, ihn zu schützen. Dafür verlangte er Sex. Er vergewaltigte Klaus mehrfach, auch mit harten Gegenständen. Körperliche und seelische Verletzungen waren die Folge, Ekel, Scham und Widerwillen. Klaus wandte sich an den Heimleiter, erzählte von den Vergewaltigungen. Der Heimleiter bezichtigte ihn der Lüge, verpflichtete ihn zu schweigen. Weitere Repressalien folgten. Klaus durfte seiner Mutter nicht mehr schreiben. Er fühlte sich absolut ohnmächtig, ausgeliefert und dachte nur an Flucht. Im Januar 1961 wurde er endlich aus der Fürsorgeentziehung entlassen. Freistatt ist ein besonders brutales Beispiel für die Heimerziehung in der frühen Bundesrepublik. Aber Klaus ist kein Einzelfall. 1949 trat das Grundgesetz in Kraft. Die darin festgeschriebenen Menschenrechte galten allerdings nicht für alle. In vielen Heimen für Kinder und Jugendliche kam es zu Misshandlungen der Schutzbefohlenen, zu drakonischen körperlichen und psychischen Strafmaßnahmen, zu Demütigungen, militärischem Drill, sexueller Gewalt. Die Kinder waren diesen Übergriffen schutzlos ausgesetzt. Sie hatten keine Lobby, niemanden, der sie vertrat.

Weiterlesen „Heimweh“

Abschied von Maximilian I. und der 25-jährigen BISS

EIN TEXT AUS DER SCHREIBWERKSTATT

VON Wolfgang „Butzi“ Kurz

Am letzten Tag unserer Aktion am Wittelsbacherplatz kam ich morgens um circa 9.30 Uhr an. Wir hatten Verkäufer, Käufer und Freunde der BISS eingeladen zu einem Festessen. Ich hatte Frau Lohr gefragt, ob ich helfen kann, „klar“, sagte sie. Ich bin gerne hilfsbereit. Auch Herr Denninger fuhr gerade mit dem Fahrrad vorbei, wobei er wahrscheinlich eine Kontrolle machte, ob alles sauber ist. Es waren dennoch einige Striche an der Skulptur. Etwas später machte ich mit Frau Lohr, unserer Geschäftsführerin, weiße Tischdecken auf die Tische. Es musste sehr genau sein alles, denn die Decken waren gebügelt. Die gebügelten Streifen mussten genau in der Mitte sein! Mit einem Herrn, dessen Namen ich leider nicht weiß, machte ich Knöpfe unten an die Tischdecken, damit sie nicht nach oben rutschten. Insgesamt waren es etwa 10 bis 15 Tische. Es war an diesem Tag sehr windig. Als wir fertig waren mit dieser Arbeit, kam Frau Lohr und brachte die Tischklammern. Wieder wurden die Knöpfe geöffnet, aber Frau Lohr regelte alles ohne Stress. Auch Frau Denninger wusste es sehr genau, die etwas später kam. Mit einem Essen, es gab Kürbissuppe mit Kürbisöl darauf, begann der Tag, danach wurde gesungen, zum Beispiel „Die Gedanken sind frei“, das stand im BISS-Liederbuch und alle haben temperamentvoll mitgesungen. Es war dann ein schöner Tag mit Sonnenschein.

Zeit statt Geld

Karin Lohr, Geschäftsführung; Foto: Sacha Kletzsch

Anlässlich einer Veranstaltung zum Thema Zeit und Nachhaltigkeit ging es auch um die Frage, ob arme Menschen generell mehr Zeit als wohlhabende Menschen haben, was wiederum in Zeiten des allgemein beklagten Zeitmangels allen Anwesenden von Vorteil schien. Schon aus dem Bauch heraus habe ich diese Annahme kategorisch abgelehnt. Ich kenne keine armen Menschen, die Zeit und Muße haben, sondern eher solche, denen es an fast allem mangelt und die genau aus diesem Grund den ganzen Tag damit beschäftigt sind, um ihr Überleben zu kämpfen. Insbesondere obdachlose Menschen müssen sich jeden Tag aufs Neue um das Allernötigste bemühen: Hygiene, Essen, Medikamente und einen sicheren Schlafplatz für die Nacht. Selbst diejenigen, denen im System der sozialen Sicherung ein bisschen mehr zur Verfügung steht, beispielsweise eine Unterkunft oder Grundsicherung, müssen warten und sich in Geduld üben, bis von anderen über ihre Anliegen entschieden wird. Besonders eindrucksvoll beschreibt das der amerikanische Soziologe Matthew Desmond in seinem Buch „Zwangsgeräumt“. Er hat über längere Zeit in Milwaukee bitterarme Menschen und ihre Familien begleitet. Die vielen Menschen, die dort in Wohnwagenparks und Ghettos leben, sind, so scheint es, fast ausschließlich damit beschäftigt, Geld entweder für die Miete ihrer erbärmlichen Unterkünfte oder für die Kosten einer Zwangsräumung, wie die Einlagerung ihrer Möbel, beizubringen. Dort hat niemand mehr die Kraft, sich für die Erziehung und Schulbildung seiner Kinder oder gesellschaftliche Themen wie den Umweltschutz einzusetzen. Es ist darum notwendig, dass sich durch die Politik die Verhältnisse für die Menschen verbessern, die es aus eigener Kraft nicht schaffen. Damit die Interessen der Schwachen nicht untergehen, braucht es unsere solidarische Unterstützung. Das haben schon die Revolutionäre um Kurt Eisner vor hundert Jahren gewusst, die 1918/1919 den Freistaat Bayern gründeten. Sie haben an der Seite der Schwächeren für Frieden und Wohnraum gekämpft und nicht aufgegeben. Bleiben wir also gemeinsam dran!

Herzlichst

Karin Lohr, Geschäftsführerin


PS: Sollte Sie jemand in einem Restaurant, einer Bar oder auf einem Wochenmarkt mit einer Unterschriftenliste ansprechen und um eine Spende für BISS bitten, verständigen Sie die Polizei. Das sind Betrüger, denn BISS sammelt keine Spenden auf der Straße.