BISS-Ausgabe Februar 2019 | Pflegeleicht?

Cover des BISS-Magazins Februar 2019

Thema | Wohin? | Wo sollen alte oder kranke Menschen am besten betreut werden? Zuhause? Im Heim? Und wohin mit den Sachen, wenn jemand stirbt oder ins Pflegeheim kommt?  Zum Wegwerfen sind sie zu schade, oft sind sie mit wertvollen Erinnerungen verbunden. | 6 Pflegeleicht: Über die Arbeitsbedingungen privater Pflegekräfte | 10 Umstritten: Das BayPsychKHG Gesetz zur Unterbringung psychisch Kranker | 14 Mietwahnsinn: Münchner berichten von ihrer Wohnungssuche | 20 Wohnungsauflösung: Wohin mit den Sachen, wenn eine Wohnung aufgelöst werden muss? | Schreibwerkstatt | 5 Was uns verbindet | 24 Aufgelesen: BISS-Verkäufer erzählen, was sie bewegt | Rubriken | 3 Editorial | 26 Patenuhren | 27 Freunde und Gönner | 30 Impressum & Mein Projekt | 31 Adressen

Was uns verbindet

In der BISS-Kolumne kommen Menschen zu Wort, die eine persönliche Erfahrung oder ihr Interesse an einem Thema oder Projekt verbindet. In der Begegnung zeigt sich, dass Menschen trotz unterschiedlicher Lebenslagen, Überzeugungen und Persönlichkeiten immer auch etwas gemeinsam haben.

Protokoll: Lea Hampel

Die Sprachen

Silviya Karamfilova, BISS-Verkäuferin, und …… Giovanna Runggaldier, Kursleiterin

GIOVANNA RUNGGALDIER: Ich gebe seit fünf Jahren den Sprachkurs bei BISS.
SILVIYA KARAMFILOVA: Ich besuche den Kurs seit eineinhalb Jahren, die BISS verkaufe ich seit zwei Jahren. Wir lernen im Kurs, Sachen zu sagen wie „Hallo, grüß Gott, wie geht’s?“
GR: Der Kurs hier läuft ein wenig anders. Die Verkäufer kommen freiwillig, manche nur einige Male, andere permanent. Wir machen Übungen zu konkreten Situationen, zum Beispiel, wie man ein Paket bei der Post abgibt. Und oft frage ich am Anfang: „Und, was haben die Kunden so gesagt diese Woche?“
SK: Ich rede mit meinen Kunden darüber, wie es ihnen geht. Manche kommen auch zu mir und erzählen eine halbe Stunde lang.
GR: Die meisten Teilnehmer in meinem Kurs kommen aus Bulgarien, Rumänien und Ungarn. Sie lernen Deutsch nicht nur, um die BISS verkaufen zu können und mit Kunden zu sprechen, sondern auch, um Fragen von Behördenmitarbeitern zu verstehen und darauf antworten zu können. Sprache bedeutet Zugehörigkeit – ohne sie ist man in einer Gesellschaft schnell ausgegrenzt.
SK: Ich spreche Bulgarisch, Türkisch, Russisch und Deutsch.
GR: Ich spreche Ladinisch, Italienisch, Deutsch, Englisch, Französisch und habe Türkisch gelernt. Manchmal sage ich was Falsches auf Bulgarisch, dann korrigiert mich Silviya.
SK: Nach dem Unterricht bei Frau Runggaldier finde ich auch nicht mehr, dass Deutsch schwierig ist. Noch ist es beispielsweise im Jobcenter kompliziert, aber es fällt mir leichter, seit ich im Kurs bin. Und ein bisschen Bairisch kann ich auch schon: Wenn ich Kunden das Wechselgeld rausgeben will und die sagen „Basst scho“, versteh ich das.

Pflegeleicht

Frauen aus Osteuropa arbeiten vermehrt als Pflegerinnen in Privathaushalten. Agenturen vermitteln sie nach Deutschland und statten sie mit einem nach deutschem Recht gültigen Arbeitsvertrag aus. Doch oft arbeiten die Frauen deutlich mehr als die vorgeschriebene Stundenzahl, ihr Gehalt liegt dann deutlich unter dem Mindestlohn, die Freizeit ist knapp. Wie geht es diesen Frauen?

Von LINUS FREYMARK

Illustration LORENZO GRITTI

In dem Zimmer im Dachgeschoss steht ein Foto. Ein kleiner Junge ist darauf zu sehen, er trägt eine Mütze, lacht in die Kamera. Der Junge ist zwei Jahre alt. Jeden Abend klappt seine Mutter, die in dem Zimmer wohnt, ihren Laptop auf und wartet, bis das Gesicht des Jungen auf dem Display erscheint. „Draga mea“, sagt sie dann zu ihm, mein Schatz. „Mama“, antwortet der Junge auf dem Bildschirm. Mutter und Sohn, 1.500 Kilometer voneinander getrennt. Der Junge in dem kleinen Dorf in Rumänien, eine Autostunde von Bukarest entfernt. Die Frau in dem Dachgeschoss eines Hauses im Münchner Westen. Jeden Tag skypen sie miteinander. Am Ende des Gesprächs, wenn es spät ist und der Junge von seiner Oma, bei der er lebt, ins Bett gebracht werden soll, drückt Liana Stancescu* ihre Hand gegen die Linse der Webcam. Der Junge macht dasselbe. Das mit der Hand ist ihr Ritual. Ihr Ritual für die Zeit, in der die Mutter nicht bei ihrem Sohn sein kann. Wie viele Frauen aus Polen, Bulgarien, Ungarn oder eben Rumänien arbeitet Liana Stancescu, 31, als ausländische Pflegekraft in Deutschland. Es gibt Experten, die sagen, ohne diese Arbeitskräfte aus Osteuropa wäre das Pflegesystem in den deutschen Großstädten nicht mehr aufrechtzuerhalten. Manche von ihnen arbeiten in Pflegeheimen, andere wie Liana Stancescu als private Pflegerinnen. Manche nennen das auch 24-Stunden-Pflegekraft.
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Mein neues, normales Leben

EIN TEXT AUS DER SCHREIBWERKSTATT
von Solomon Vantu
Seit 2007 bin ich in Deutschland, davor habe ich in meiner Heimat Rumänien seit meinem 14. Lebensjahr gearbeitet, unter anderem als Hirte. Zur BISS bin ich über einen anderen Verkäufer gekommen. Damals ging es mir wirklich nicht gut, ich lebte zu der Zeit auf der Straße und sammelte Pfandflaschen. Da habe ich eben den BISS-Verkäufer kennengelernt. Er riet mir damals, zu Herrn Denninger in die Metzstraße zu gehen, und sagte: Der kann dir helfen. An meinen ersten Tag kann ich mich noch erinnern, es hat geregnet, Uwe hat mir einen Ausweis gemacht, hat mir zehn Hefte gegeben und mir meinen Platz gezeigt. Der Platz war genau am Rathaus, da kommen nur Touristen hin. Die haben immer Fotos gemacht und vermutlich war ich echt oft mit der Zeitung in der Hand auf ihren Bildern. Ich dachte damals: Hier kommt kein Münchner her. Dann habe ich mir was anderes überlegt: dass ich lieber rumlaufe. Schließlich habe ich den Goetheplatz entdeckt, das war wie ein neues Leben. Da bin ich seit etwa zwei Jahren. Jeden Tag stehe ich da morgens von 7 bis 11 Uhr und von 18 bis 20 Uhr am Abend. Dazwischen gehe ich durch die Stadt, nur mittags mache ich Pause. Seit ich bei BISS bin, habe ich so viele Menschen kennengelernt. Nette Menschen, nur nette Menschen – ich habe in München nur Freunde. Ich habe viele Stammkunden. Ich stehe in der Nähe einer Rechtsanwaltskanzlei und eines Gebäudes, wo Steuerberater arbeiten, die kommen alle bei mir vorbei auf dem Weg zur Arbeit. Wenn ich drei Tage nicht da bin, fragen die: Wo warst du, was ist passiert, warst du krank? Wenn ich auf der Straße rumlaufe, ruft oft jemand: Solomon! Mich kennen mehr Leute als den Bürgermeister. Früher habe ich in einem Haus gewohnt, das eigentlich mal der Deutschen Bahn gehört hat und leer stand. Ich war da mit anderen, allein hätte ich Angst gehabt, es hatte schließlich keine Fenster und keine Türen. Auf der Straße hatte ich eine Matratze gefunden und mir eine Art Zimmer eingerichtet. Mittlerweile habe ich aber eine richtige Wohnung, die habe ich auch über die BISS gefunden. Sie ist in Sendling und ich brauche nur zehn Minuten an die Isar. Endlich habe ich ein ganz normales Leben. Heute bin ich glücklich, weil ich sagen kann: Ich bin BISS-Verkäufer. München ist meine neue Heimat, meine neue Familie.

Töpfern in der Toskana

BISS-Geschäftsführerin
Karin Lohr
Foto: Sascha Kletzsch

Vor ganz langer Zeit, so in den 80er-Jahren des letzten Jahrhunderts, träumten so manche davon, nach ihrem Arbeitsleben in einem sonnigen und schönen Land zu leben, etwa in Italien, und da vor allem in der Toskana, weil, so stellte man sich das damals vor, „bella Italia“ dort besonders italienisch ist. Spätestens die Regierung Berlusconi sorgte für Ernüchterung, und inzwischen weiß man aus der Demenzforschung, dass es eher schlecht für das Gehirn ist, möglichst wenig zu tun, auch wenn das Wenige in einer reizvollen Landschaft stattfindet. Arme Menschen haben meist keine schönen Träume vom Alter, sondern befürchten zu Recht, dass sie dann noch weniger Geld zur Verfügung haben werden als zuvor. Denn wer im erwerbsfähigen Alter ein niedriges Einkommen hatte oder lange arbeitslos war, bekommt in der Regel eine entsprechend kleine Altersrente und ist häufig auf ergänzende Leistungen der Sozialhilfe angewiesen. Insbesondere wurden Einkommen aus einer privaten Rentenversicherung bislang voll auf die Leistungen der Sozialhilfe angerechnet. Mit dem Betriebsrentenstärkungsgesetz 2018 wurde eine Freibetragsregelung eingeführt, wonach mindestens 100 Euro anrechnungsfrei bleiben. Diese 100 Euro hat man zusätzlich monatlich im Geldbeutel, auch wenn das Sozialamt ganz oder teilweise den Lebensunterhalt finanziert. BISS-Verkäufer haben jetzt die Möglichkeit, im Rahmen einer Betriebsrente Ansprüche zu erwerben. Wer mindestens noch fünf Jahre bis zum Erreichen der gesetzlichen Rentenversicherung hat, kann mittels Entgeltumwandlung Beiträge einzahlen, die vom Arbeitgeber bis zu einem Betrag von 130 Euro monatlich verdoppelt werden. Wir haben das Modell bei einer Betriebsversammlung vorgestellt und die Fragen unserer Verkäufer diskutiert und ausführlich beantwortet. Für den einen oder anderen hat das Argument, dass die Rentenansprüche an hinterbliebene Kinder und Ehegatten vererbt werden können, den Ausschlag gegeben. Immerhin 17 von ihnen haben sich bereits dafür entschieden, manche überlegen noch. In der Toskana töpfern will weder jetzt noch später keiner von ihnen, denn sie haben hier in München ihre Kunden, die sie, wie unsere Verkäufer sagen, nicht alleine lassen können. Und außerdem – wer will denn nur auf Schafe und Zypressen schauen, den ganzen Tag?
Herzlichst

Karin Lohr, Geschäftsführerin