10 Jahre Stiftung BISS – Ein Blick hinter die Kulissen


Stiftung BISS und Verein BISS arbeiten eng zusammen. Bei der jährlichen gemeinsamen Sitzung von Vorstand und Stiftungsrat sind als geladene Gäste regelmäßig BISS-Geschäftsführerin Karin Lohr (rechts außen) und BISS-Sozialarbeiter Johannes Denninger (links außen) mit dabei, abstimmen aber dürfen nur die Gremienmitglieder der Stiftung
Von Hildegard Denninger
Die Stiftung BISS wurde im November 2008 vom Verein BISS – Bürger in sozialen Schwierigkeiten e. V. gegründet. Beide Organisationen sind vom Finanzamt als gemeinnützig und mildtätig anerkannt. Das Grundstockvermögen der Stiftung in Höhe von 100.000,00 Euro spendete eine Förderin der Straßenzeitschrift BISS. Die Stiftung sollte die Trägerschaft von Hotel BISS übernehmen, einem Sozialunternehmen zur Ausbildung sozial benachteiligter junger Menschen, und trat 2011 beim Bieterverfahren um das Alte Gefängnis Am Neudeck als Bieter auf. In den Gründungsvorstand der Stiftung wurden damals Giovanna Runggaldier und ich berufen. Den ersten Stiftungsrat bildeten Joachim Braun, Bert Kühnöhl sowie Richard Matzinger. Alle sind heute noch in Amt und Würden.
DER VORSTAND
Der Stiftungsvorstand hat für die dauernde und nachhaltige Erfüllung des Stiftungszwecks zu sorgen. Giovanna Runggaldier als stellvertretende Vorsitzende und ich als 1. Vorsitzende sind gemeinsam zur Vertretung der Stiftung berechtigt. Als Gründungsvorstand können wir – sofern wir das möchten – lebenslang in dieser Funktion wirken.

Hildegard Denninger, Vorsitzende

Hildegard Denninger: Über mich brauche ich nicht viel zu erzählen, ich bin eine Gast- und Landwirtstochter, Steuergehilfin und Bilanzbuchhalterin, die Leserinnen und Leser kennen mich noch aus der Zeit als Geschäftsführerin von BISS (1994–2013). Bei der Stiftung bin ich zuständig für das Tagesgeschäft, die Buchhaltung, die Finanzen, die Förderanträge und die Wohnungen, außerdem bereite ich die Sitzungen vor und nach. Noch ist der Aufwand überschaubar. Die Stiftungsgeschäfte erledige ich teilweise in den 16 Stunden, die ich beim Verein BISS angestellt bin. Dabei hilft mir die Verwaltung von BISS, sodass die Stiftung keinerlei Personal- und Betriebskosten hat. Zusätzlich arbeite ich ehrenamtlich für die Stiftung,
Giovanna Rungaldier

so wie die anderen Gremienmitglieder auch. Mein Mann kennt Giovanna Runggaldier seit 1979, als sie Geschäftsführerin des Vereins „IG-Betreuung ausländischer Kinder und Jugendlicher, München“ war und er als Sozialarbeiter ausländische Jugendliche in Stadelheim betreute. Giovanna war prädestiniert dafür, im zukünftigen Hotel BISS unsere Lehrlinge zu unterstützen und sich um unsere ausländischen, noblen Gäste zu kümmern. Sie ist Soziologin, bei der IG war sie als Geschäftsführerin auch für die Ausarbeitung von didaktischem und Arbeitsmaterial für die Hausaufgabenhilfe und die Sprachförderung ausländischer Kinder zuständig. Sie war zehn Jahre lang Übersetzerin und Dolmetscherin in der Deutschen und der Österreichischen Botschaft in Rom und ist seit vielen Jahren Dozentin am SDI (Sprachen- und Dolmetscherinstitut)/Hochschule für angewandte Sprachen in München. Giovanna ist offen, warmherzig und klug und macht stets „bella figura“. Über ihre Vorstandstätigkeit hinaus führt sie seit Jahren den wöchentlichen Sprachkurs für BISS-Verkäufer durch.

DER STIFTUNGSRAT
trifft die strategischen Grundsatzentscheidungen und begleitet und überwacht die Geschäftsführung des Vorstands. Als wir uns bei BISS Gedanken über den Stiftungsrat machten, war im Hinblick auf Hotel BISS klar, es sollten ein Architekt, eine Person aus der Lehre und ein Wirtschaftsprüfer sein, der Finanzen und Stiftungsrecht im Griff hat. Der Wirtschaftsprüfer sollte jemand sein, der gescheit, beschlagen, penibel ist und dazu noch das Herz auf dem rechten Fleck hat. Eben genau einer wie Richard Matzinger, selbständiger Wirtschaftsprüfer und Steuerberater, den wir als Aufsichtsrat der WOGENO
RICHARD MATZINGER Vorsitzender

Wohngenossenschaft eG seit Jahren kannten. Der Einfachheit halber haben wir Richard gleich selbst gefragt. Und zu unserer großen Freude hat er zugesagt. Seitdem „quält“ er uns mit Umlaufbeschlüssen und anderen gesetzlichen Vorgaben, denen eine Stiftung unterworfen ist. Als Lohn für diese Mühen können wir den Stiftungsprüfungen durch das Finanzamt, die Regierung von Oberbayern oder die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG gelassen entgegensehen und jedes Jahr am Schluss der letzten Sitzung entspannt unsere Weihnachtsplätzchen genießen! Bert Kühnöhl haben wir
DIPL. ING. BERT KÜHNÖHL

im Zuge der Planungen für Hotel BISS kennengelernt. Obwohl Hotel BISS nicht zustande kam, hat es sich als Glücksgriff erwiesen, einen Architekten – noch dazu einen wie Bert – im Stiftungsrat zu haben, der in seinem Berufsleben für viele große Projekte einer international operierenden Bank als Bauherrnvertreter und Projektsteuerer verantwortlich war und nun im „Ruhestand“ im genossenschaftlichen Wohnungsbau tätig ist. In den vergangenen vier Jahren ist die Stiftung in den Besitz von fünf Wohnungen gekommen, die an BISS-Verkäufer und andere bedürftige Menschen vermietet sind. Bert überprüft solche Wohnungen hinsichtlich der bautechnischen Belange und legt dem Vorstand und seinen Stiftungsratskollegen seine Stellungnahme zur Kaufentscheidung vor. Joachim Braun ist seit zwei Jahren im Ruhestand, nachdem er viele Jahre als Professor an der Tierärztlichen Fakultät der LMU
Prof. a.D. Dr. JOACHIM BRAUN

München gearbeitet hat. Wie Giovanna im Vorstand, so ist Joachim im Stiftungsrat gefragt, wenn es um Lehre und Bildung geht. Wir BISSler lernten ihn 2002 kennen, als er als Organisator und Musiker in einem ansonsten studentischen Blechbläserensemble namens Blechvet an der Tierärztlichen Fakultät ein Konzert veranstaltete, dessen Erlös an BISS ging. Es war ein schöner Abend, dem im Laufe der Jahre noch einige folgen sollten. „Wichtig erscheint mir, dass sich auch Studenten für Ihre Ziele interessiert haben“, so schrieb er uns damals. Auch er ist nicht nur auf seinem Gebiet kompetent, sondern hat auch – was man bei BISS unbedingt braucht – ein großes Herz und viel Humor. Joachim gibt zu den Förderanträgen, die von Schulen und Ausbildungsprojekten an die Stiftung gestellt werden, seine Einschätzung und Empfehlung ab.
DER ZWECK
Zweck der Stiftung sind die Förderung der Wohlfahrtspflege sowie der Ausbildung und beruflichen Qualifizierung von Menschen in sozialen Schwierigkeiten und die Durchführung und Unterstützung von Projekten und Maßnahmen, die der Betreuung sowie der Integration dieser Menschen in die Gesellschaft dienen … Die Zwecke werden insbesondere verwirklicht durch Unterstützung der Zielgruppe bei der Beschaffung von geeignetem Wohnraum und Hilfestellung bei der Lebensgestaltung … Der Stiftungszweck sollte ursprünglich vor allem in dem geplanten Sozialprojekt Hotel BISS verwirklicht werden, bei dem die Stiftung die Trägerschaft übernommen hätte. Wie in BISS und anderen Medien ausführlich berichtet, verhinderte 2011 die damalige bayerische CSU/ FDP-Regierung Hotel BISS, indem sie das alte Münchner Frauen- und Jugendgefängnis Am Neudeck an einen kommerziellen Immobilieninvestor vergab, der nun Luxuswohnungen daraus macht und sie zu Höchstpreisen verkauft. 40 Ausbildungsplätze für sozial benachteiligte Jugendliche in einem erstklassigen Hotel mit 72 Zimmern und 11 altengerechten Wohnungen für Menschen, die den Azubis beistehen sollten, wurden damit für immer kaputt gemacht. Die Stiftung blieb bestehen – und wirkt im Sinne der Satzung weiter.
AUSBILDUNG & QUALIFIZIERUNG
Mit den Geldern, die ursprünglich für Hotel BISS gespendet wurden, haben wir zwischen 2012 und 2014 soziale Projekte gefördert, die benachteiligte junge Menschen ausbilden und qualifizieren. Auch in den Jahren danach wurden ähnliche Projekte unterstützt. Wie zum Beispiel die „Garten AG“ der Mittelschule an der Wiesentfelser Straße, wo die Schülerinnen und Schüler unter Anleitung eines Gärtners säen, Gemüse anpflanzen, lernen, mit den Geräten umzugehen und den Garten in Ordnung zu halten. Oder die Stiftung Gesellschaft macht Schule mit ihrem Projekt „respect U Teamtrainings“ an der Mittelschule an der Ichostraße, einem Programm zur Förderung des Sozial- und Lernverhaltens von Kindern und Jugendlichen in Risikolagen. Projekte wie diese auch weiterhin fördern zu können, halten wir für wichtig. Denn wir haben es bei BISS täglich mit Erwachsenen ohne Schul- und Berufsabschlüsse zu tun, die deshalb in ihrem Leben oft die härtesten und am schlechtesten bezahlten Jobs erledigen mussten, die in erbärmlichen Umständen wohnten oder obdachlos waren.
WOHNRAUMSCHAFFUNG
Da es immer schwerer wurde, bezahlbaren Wohnraum für die BISS-Verkäufer und andere arme und obdachlose Menschen zu finden, hat die Stiftung 2015 beschlossen, ergänzend zur Förderung von Ausbildung und Qualifizierung einen weiteren Schwerpunkt ihrer Arbeit auf den Erwerb von geeigneten Immobilien zur Versorgung und Betreuung von bedürftigen Menschen zu legen. Mittlerweile besitzt die Stiftung drei Appartements und zwei Wohnungen, in denen acht Erwachsene und zwei Kinder zu Hause sind (wir berichteten in BISS 1/2018). Wo es nötig ist, übernimmt der Verein BISS die Betreuung der Mieter auch in den stiftungseigenen Wohnungen. Glücklich mit ihrer Waschmaschine lebt BISS-Verkäuferin Sanda B. in Berg am Laim. Sie wuchs in einem Waisenhaus in Rumänien auf und hat, bevor sie zu BISS kam, lange auf der Straße gelebt. Ihr Wunschtraum waren ein eigenes Bad und eine eigene Waschmaschine. Als wir ihr die Schlüssel zur Wohnung übergaben, war die sonst wehrhafte Frau sehr gerührt, was sie aber nicht hinderte, sofort ihre Waschmaschine in Betrieb zu nehmen. Die Wohnung war der Wendepunkt in ihrem Leben.
In der 3er-Wohngemeinschaft in Solln vertragen sich unsere Verkäufer Cuza D., Gerald P. und Igor V. weiterhin gut. Die anfänglichen Schwierigkeiten mit den Nachbarn sind längst behoben, man grüßt sich freundlich, wenn man sich begegnet. Alle drei Männer waren obdachlos und lebten auf der Straße, vorübergehend bei Landsleuten oder in Pensionen, die heruntergekommene Mehrbettzimmer zu Wucherpreisen vermieten. Besonders der 80-jährige Igor V. ist überglücklich, eine feste Bleibe zu haben. Er war sehr krank, als er einzog. Jetzt geht es ihm prächtig und er kann wieder zu seinem Verkaufsplatz im Ostbahnhof gehen, wo er Stammkunden mit Handschlag begrüßt. Die WG soll eine Übergangswohnung sein, bis eine eigene Wohnung gefunden ist. Das klappte erst bei einem ehemaligen Bewohner, aber wir hoffen, dass wenigstens einer der drei im nächsten Jahr umziehen kann, damit wir ein Zimmer in dieser Wohnung für Notfälle zur Verfügung haben.
Im Appartement in Sendling-Westpark und im Appartement in Obersendling haben wir die beiden langjährigen, bedürftigen Mieter übernommen. In der Wohnung in Karlsfeld leben noch die früheren Besitzer mit ihren Kindern. Sie ziehen aus, sobald ihr neues Haus bezugsfertig ist, spätestens Ende 2019. Danach können wir die Wohnung weitervermieten.
DER PLANER
CHRISTIAN HERDE Architekt

Den Architekten Christian Herde kennen wir schon sehr lange. Genauer gesagt, seit meine beiden Kinder mit ihrem Vater (Mutter war ja meistens arbeiten) an seinem Büro vorbei zum Spielplatz in der Valleystraße spazierten. Die Erwachsenen hielten ein Schwätzchen und die Kinder bekamen ein Plätzchen. In den vergangenen 25 Jahren haben sich unsere Wege auch bei der WOGENO gekreuzt – Christian ist ein Gründungsmitglied der Wohngenossenschaft. Obwohl in keinem Gremium bei uns vertreten, ist er als Architekt unverzichtbar für die Stiftung BISS. Denn die von uns erworbenen Wohnungen müssen renoviert und/oder umgebaut werden. Diese Planungen und die Projektsteuerung machte Christian hervorragend und zuverlässig – auch wenn wir ihn jedes Mal mit Engelszungen dazu überreden mussten, weil er auch sonst viel Arbeit hat. Aber ich glaube, es half, dass er die Wohnungen nicht nur saniert, sondern auch ihre Bewohner kennengelernt und sich mitgefreut hat an ihrem Glück. Und wir BISSler konnten uns darüber freuen, dass nie ein Kostenplan überschritten und sowohl auf Ökologie als auch auf Ökonomie geachtet wurde, also alle Seiten mit dem Ergebnis hochzufrieden waren. Im Moment versuchen wir gerade wieder, Christian zu überreden, einen weiteren Auftrag von uns anzunehmen. Drücken Sie uns die Daumen!
DIE ZUKUNFT
Die Stiftung unterstützt weiterhin Bildungsprojekte. Wir werden verstärkt versuchen, kleinere Wohnungen im Stadtgebiet oder im Münchner Umland zu erwerben, sodass unsere Verkäufer und andere bedürftige Menschen in einem normalen Umfeld leben können. Denn in Unterkünften oder Wohnblöcken, in denen ausschließlich arme, mit Problemen belastete Menschen wohnen, werden die Probleme meistens mehr statt weniger. Die Zukunft ist offen, alles ist möglich! Aber, liebe Freunde, mit einer Truppe, wie die Stiftung BISS sie hat, besteht doch begründete Hoffnung, dass es weiterhin aufwärtsgeht.
Und wir haben eine ebenso tolle Truppe beim Verein BISS, mit dem wir eng zusammenarbeiten. Wir können optimistisch sein, weil in der Stiftung und im Verein Menschen arbeiten, die alle an anderer Stelle schon ihr Können bewiesen haben und nun voller Begeisterung und Engagement ihre Kompetenzen bei BISS einbringen. Wir mieten, wir kaufen, wir bauen – zusammen mit Ihnen trauen wir uns alles zu! Natürlich muss jeder erst für sich, seine Familie und sein Umfeld sorgen. Aber, liebe Freunde, wenn Sie dann noch Geld oder vielleicht sogar eine kleine Wohnung übrig haben, wäre es sehr schön, wenn Sie an uns denken. Werfen Sie dazu einen Blick auf den Kasten (S. 23), welche Möglichkeiten es gibt, die Stiftung zu unterstützen. Und wenn Sie sich dazu entschließen, kann ich Ihnen eines fest zusagen: Wir setzen alles daran, um aus Ihren Zuwendungen das Beste für die Betroffenen zu machen. Bei der Stiftung wie beim Verein BISS werden alle Spenden ohne Abzug für den guten Zweck eingesetzt. Wir arbeiten weiter daran, das Leben von armen und obdachlosen Menschen zum Guten zu verändern, weil es sinnvoll ist und weil es uns freut und glücklich macht.