Ausbildung bei MIA

Foto: Katherina Sellin

Der Münchner Verein MiA bietet eine besondere Ausbildung für Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung (Menschen mit Lernschwierigkeiten) an.

MiA ist die Abkürzung für Münchner inklusive Arbeitswelt. Inklusiv bedeutet, dass Menschen mit Behinderung genauso mitmachen können wie Menschen ohne Behinderung. Menschen mit Behinderung haben die gleichen Rechte wie Menschen ohne Behinderung. Das steht in der UN-Behindertenrechtskonvention, die Deutschland im Jahr 2009 unterschrieben hat. Damit hat sich Deutschland verpflichtet, für die Teilhabe von Menschen mit Behinderung zu sorgen.

Der Verein MiA möchte eine Alternative zu den Werkstätten für Menschen mit Behinderung bieten.Die MiA-Akademie bereitet Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung (Menschen mit Lernschwierigkeiten) gut darauf vor, einen Arbeitsplatz auf dem sogenannten ersten Arbeitsmarkt zu bekommen. Das bedeutet, dass sie in Betrieben wie Restaurants, Cafés oder Hotels arbeiten – gemeinsam mit Menschen ohne Behinderung.

Martina Köhne ist die Geschäftsführerin bei MiA. Sie sagt: „MiA ist aus einem Elternverein entstanden, im Jahr 2018. Wir wollten die Inklusion im Arbeitsleben voranbringen. Wir kümmern uns um den Übergang zwischen Schule und Beruf.“ Das Besondere bei MiA ist, dass es Mentoren gibt. Die Mentoren sind Begleiter und Ansprechpartner. Sie haben eine pädagogische Ausbildung. Sie begleiten die Teilnehmenden in den Betrieben. Und sie sind auch Ansprechpartner für die Betriebe. Denn jede und jeder Teilnehmende braucht etwas anderes, hat unterschiedliche Stärken und Schwächen. Gerade am Anfang ist es wichtig, jeden gut und eng zu begleiten.

Etwa 24 Teilnehmende bekommen zurzeit bei MiA die Möglichkeit, langfristig eine Arbeit zu finden. Eine Arbeit, die ihren Stärken, Wünschen und Möglichkeiten entspricht. Eine Arbeit, die sie fordert, ohne sie zu überfordern. Ein wichtiger Teil der Ausbildung sind Praktika in echten Betrieben. Dort sammeln die Teilnehmenden Erfahrungen im Arbeitsalltag. MiA arbeitet dafür mit verschiedenen Hotels und Gastronomiebetrieben zusammen. Ziel ist es, dass die Teilnehmenden nach der Ausbildung dort oder in ähnlichen Betrieben arbeiten können.

Die Ausbildung bei der MiA-Akademie besteht aus verschiedenen Teilen. Zuerst bekommen die Teilnehmenden eine Grundqualifizierung. Eine Hotelfachfrau bietet Hotel- und Serviceschulungen an. Und sie lernen in der Küche. Sie lernen wichtige Fähigkeiten, zum Beispiel wie man Lebensmittel vorbereitet und wie man den Arbeitsplatz organisiert. Auch Hygiene, Ordnung und Teamarbeit gehören dazu. Zusätzlich gibt es Unterricht und die Möglichkeit, ein IHK-Zeugnis zu bekommen. So haben die Teilnehmenden später bessere Chancen auf einen festen Arbeitsplatz.

Zum Beispiel Elisa. Sie hat Trisomie 21 und macht eine Ausbildung zur Assistentin im Hotel- und Gaststättengewerbe. Sie arbeitet in der Kantine des Landratsamts München. Dort in der Küche schneidet sie zum Beispiel Gemüse. Sie arbeitet sehr konzentriert und genau.

Mandy Joseph ist Elisas Vorgesetzte und Küchenchefin in der Kantine. Sie sagt: „Seit Februar ist Elisa da und sie macht sich super. Alles geht zwar etwas langsamer, aber Elisa ist sehr gewissenhaft. Ich sage ihr ganz genau, was sie machen soll. Wenn ich ihr zum Beispiel eine Aufgabe gebe und nach zwei Minuten will ich etwas anderes von ihr, dann geht das nicht.

Es ist wichtig, konzentriert eine Aufgabe nach der anderen zu tun statt vieles gleichzeitig. Da lerne ich was von Elisa.“

Emilia ist eine andere Teilnehmerin der MiA-Akademie. Sie arbeitet in einer Hotel-Küche. Das Salatschleudern macht ihr am meisten Spaß. Und letzte Woche hat sie einen ganzen Sack Kartoffeln geschält. Danach kam ihr Chef, um zu prüfen, ob noch Reste von Schalen dran sind. Emilia sagt stolz: „Da war nichts dran, gar nichts!“

Auch in der Küche vom Salesianum arbeiten Teilnehmende der MiA-Akademie.

Das Salesianum ist eine Einrichtung für Jugendliche. Etwa 650 Essen müssen dort täglich zubereitet werden. Der Küchenmeister Max hat vorher schon in einer Förderschule mit Menschen mit Lernbeeinträchtigung gearbeitet. Er sagt: „In unserer Großküche kann

man schon ordentlich was lernen. Denn in der Küche braucht es vor allem Routine. Und die bekommt man durchs Üben.“

Es gibt viele Hilfsmittel wie zum Beispiel Plastikschieber. Sie helfen beim klein geschnittenen Gemüse, wenn man mit den Händen nicht richtig greifen kann.

Tipp! MiA hat auch ein eigenes Ausbildungscafé in der Auerfeldstraße 15 in München. Das ist direkt gegenüber vom Salesianum. Es hat Dienstag, Mittwoch und Donnerstag zwischen 11 und 16 Uhr geöffnet. Die Auszubildenden servieren Frühstück und selbst gemachtes Mittagessen: www.miaev.org/cafe-mia/

Mehr Infos zur MiA-Akademie: www.miaev.org/mia-akademie

Sind Sie zwischen 18 und 28 Jahre alt? Können Sie selbstständig mit Bus, U-Bahn und S-Bahn fahren? Haben Sie die Berufsschulpflicht erfüllt?
Dann können Sie bei der MiA-Akademie teilnehmen.

Sie brauchen eine Bescheinigung von der Bundesagentur für Arbeit: darüber, dass Sie für das Eingangsverfahren und den Berufsbildungsbereich einer W/M (Werkstatt für behinderte Menschen) geeignet sind.

In der MiA-Akademie lernen Sie: Theorie und Praxis aus diesen Berufen: Hotel- und Gaststättengewerbe, Hauswirtschaft und Hausmeisterdienste,

Umgang mit anderen Menschen ( zum Beispiel Teamarbeit, Gespräche führen, Verhalten bei Konflikten), Arbeit in Partnerbetrieben auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt.

Kontakt: Münchner inklusive Arbeitswelt MiA e.V. St.-Wolfgangs-Platz 11, 81669 München, Tel. 089 32960242, E-Mail: info@miaev.org, www.miaev.org

Pädagogische Leitung: Isolde Gertig (Soz.päd.) E-Mail: isolde.gertig@miaev.org

Original-Text von Vera von Wolffersdorff

Zusammenfassung in Einfacher Sprache von Verena Reinhard, www.einfachverstehen.de

Wie ich wohne

Der Historiker

Protokoll ANNELIESE WELTHER

Foto: Martin Fengel

Im Spind hängen meine Kleider, neben meinem Bett stehen zwei Paar Schuhe und einige Flaschen mit Saft und Softdrinks. Im Zimmer gibt es neben einem weiteren Bett und einem weiteren Spind noch einen Tisch mit Stühlen, allerdings ist der, wie überhaupt der ganze Raum, vollgestellt mit den Sachen meines Mitbewohners, sogar unter meinem Bett lagert er seinen Krempel. Gegenüber von unserem Zimmer ist die Gemeinschaftsküche mit sechs Herdplatten, zwei Mikrowellen und zwei Spülen. Regelmäßig koche ich hier Kohlrouladen, Frikadellen oder Gemüseeintöpfe. Am Ende des Ganges sind saubere Toiletten und Duschen. Seit acht Monaten wohne ich in diesem Notquartier der Stadt München und zahle für das Zimmer 289 Euro im Monat. Am besten gefällt mir hier, dass es ruhig ist. Zuvor war ich in einer ähnlichen Einrichtung untergebracht, da waren aber viele gefährliche Typen und es war sehr laut. Ursprünglich stamme ich aus der polnischen Stadt Legnica, wo ich mit meinen Eltern und meinem Bruder in einer 230 m2 großen Altbauwohnung mit sieben Zimmern aufwuchs. Ein Raum war so riesig, dass wir darin an Feiertagen mit unseren ganzen Verwandten und Freunden –insgesamt an die 60 Leute – sitzen konnten. Meinem Vater gehörte ein Gemischtwarenladen, die Wohnung hatte er einem Parteisekretär abgekauft. Ich besaß ein eigenes Zimmer, wo ich für die Schule lernte und viel las, vor allem Abenteuergeschichten und historische Bücher. Später studierte ich sogar Geschichte. Einmal war ich für zwei Monate bei einer Ausgrabung in Ägypten, in der antiken Stadt Memphis, wo wir in Zelten schliefen. Obwohl es tagsüber 30 bis 40° C heiß war, brauchten wir nachts unsere Schlafsäcke, denn die Temperaturen fielen nach Einbruch der Dunkelheit manchmal auf 12° C. Auch in Berlin habe ich als Historiker gearbeitet, im Museum Charlottenburg-Wilmersdorf übertrug ich die Beschilderung der Objekte ins Polnische. Nachdem diese Aufgabe beendet war, gelang es mir nur noch, mit dem Verkauf von Straßenzeitungen Geld zu verdienen. In Hamburg und London habe ich auch gelebt. Meine Tochter hat einen Briten geheiratet und so habe ich drei Jahre lang in einem typisch englischen Reihenhaus mit ihr und ihrer Familie gewohnt. Sowohl in Berlin als auch in Hamburg hatte ich das Pech, dass das Haus, in dem sich meine Wohnung befand, verkauft wurde. In Berlin geschah das während der Zeit, in der ich in England war. Obwohl ich brav meine Miete bezahlt hatte, wurden alle meine Sachen entsorgt. Immerhin hatte ich in Hamburg drei Monate Zeit, um auszuziehen. Leider fand ich nichts anderes, so ging ich nach München, weil eine Bekannte und eine Cousine von mir hier wohnten. Mit meiner jetzigen Unterkunft bin ich im Grunde genommen zufrieden, nur möchte ich mein Zimmer tauschen. Abgesehen davon, dass ich kaum Platz habe, schläft mein Mitbewohner tagsüber, wenn ich arbeite, und sieht dafür die ganze Nacht fern. Die ersten Monate habe ich mit anderen Leuten zusammengewohnt, was wesentlich angenehmer war. Eine eigene Wohnung wäre noch mal was ganz anderes. Aber im Moment reicht mir schon ein neues Zimmer.

Ohne Wohnung ist alles nichts!

Karin Lohr, BISS-Geschäftsführerin (Foto: Volker Derlath)

In unserem Magazin gibt es seit Januar 2021 in jeder Ausgabe auf Seite fünf die Kolumne „Wie ich wohne“. Darin erzählen BISS-Verkäufer und ­Verkäuferinnen, wie sie aufgewachsen sind, wie sie aktuell wohnen und welche Hoffnungen sie für die Zukunft haben. Aus diesen Beiträgen und anderen Interviews soll ein kleines, liebevoll gestaltetes Buch entstehen. Als ich die vorliegenden Texte noch einmal durchgeschaut habe, ist mir klar vor Augen geführt worden, wie unterschiedlich die Menschen leben und wie sehr sie versuchen, sich auch unter eigentlich ungünstigen Bedingungen so gut wie möglich zu arrangieren. So wie unser Verkäufer Herr S., der mit seiner Frau, seinem Sohn, der Schwiegertochter und deren zwei Kindern in einer eher kleinen 3-­Zimmer­Wohnung lebt. „Jede Familie hat ein Zimmer“, sagt er und ist stolz, dass er mit seinem Verdienst als angestellter BISS-Verkäufer zum Familieneinkommen beitragen kann. Auch Sohn und Schwiegertochter sind berufstätig, seine Frau führt den Haushalt und die Großeltern freuen sich über den intensiven Kontakt mit den Enkelkindern. Komplizierte Befindlichkeiten kann sich keiner der Beteiligten leisten, sie müssen zusammenhalten, sonst geht es nicht. Oft erfährt man in unseren Geschichten, wie sehr arme Menschen unter schockierend schlechten Wohnbedingungen und horrenden Mietkosten leiden. Wir haben über das Wuchersystem in Unterkünften berichtet (zuletzt BISS 10/2025). Gleichzeitig erreichen uns immer wieder von den Beratungsstellen Horrormeldungen wie diese: „Laut der Klientin kostet ein Bett 800,00 € pro Monat, also für die gesamte Familie 4.000,00 €. Wir haben sie gebeten, von den berichteten Kakerlaken Fotos zu machen.“ Es sind kommerzielle Vermieter, die in heruntergewirtschafteten Häusern Notunterkünfte einrichten und diese an die öff entliche Hand vermieten. Hier muss die Politik endlich handeln und diese Wuchermieten zulasten der Steuerzahlenden verbieten. Das ist zurzeit im Bund die schwarz­rote Koalition, die die Gesetzgebung endlich voranbringen muss. Und in München, der Stadt mit den höchsten Mietpreisen in Deutschland, wird jede Partei und jeder Bürgermeister konstruktive Gesetzesinitiativen für das Grundrecht auf bezahlbaren Wohnraum unterstützen, da bin ich ganz sicher. Auf der großen Mietendemo im Februar sind Herr S. und ich uns begegnet und wir haben uns mit den vielen Menschen auf der Straße zusammengetan. Wohnen ist nicht alles, aber ohne Wohnung ist alles nichts!


Herzlichst

Karin Lohr, Geschäftsführerin

Meine vielen Bücher

EIN TEXT AUS DER SCHREIBWERKSTATT

von Roland Herzog

Ich bin ein Buchliebhaber. Schon meine Mutter hatte viel gelesen und mir die Literaturklassiker überlassen. Meine Schwester und mein Bruder sind beide Lehrer geworden. Ich habe Verwaltungsfachwirt beim Versorgungsamt gelernt und mich zeitweilig um die Kriegsopfer und Hinterbliebenen gekümmert, um Witwen und Waisen aus dem Zweiten Weltkrieg. Das war für einen Pazifisten und Kriegsdienstverweigerer wie mich natürlich nicht die „ideale Stelle“. 1969 bin ich nach München umgezogen, weil beim Sozialverband VDK ein Verwaltungsmitarbeiter in Rente gehen und die Stelle frei werden sollte. Dochder entsprechende Mitarbeiter wollte dann doch zwei Jahre weiterarbeiten und so saß ich stellungslos in München. Ich habe dann in den folgenden zwei Jahren verschiedene Jobs gemacht, zum Beispiel für die Post gearbeitet. Dann habe ich bei einer Gebäudereinigung angefangen, die unter anderem für das Glasdach des Hauptbahnhofs zuständig war. Auch das Olympiagelände haben wir betreut. Nach fünf Jahren habe ich mich in dieser Branche selbstständig gemacht. An den Wochenenden habe ich als Adventist in der Fußgängerzone zu den Leuten gesprochen. Das hieß damals Straßen Missionsarbeit. Da hatte ich manchmal bis zu 100 Zuhörer und über diese Tätigkeit ergaben sich sehr viele Kontakte zu Menschen, die Hilfe und Beistand benötigten. So habe ich mich beispielsweise um Leute gekümmert, die in Haar in der Anstalt gelandet sind. Lesen ist mir sehr wichtig. Manche Bücher leihe ich mir aus und ich schaue mich in Buchhandlungen um, beispielsweise bei der einen, die im Rathaus beheimatet und schon 327 Jahre alt ist. Im Lauf der Jahre hat sich da bei mir viel angesammelt und in meinem Zimmer im Wohnheim hatte ich bis zu 1.000 Bücher untergebracht, hauptsächlich Sachbücher, die wissenschaftliche und gesellschaftliche Themen behandeln. Durch einen Umzug musste ich sie jetzt auf ein Zehntel reduzieren, aber manche habe ich an Bekannte weitergegeben, und sollte ich sie noch mal brauchen, weiß ich, wo ich sie finden kann.

BISS-Ausgabe März 2026 | Bürgerbeteiligung

Cover des BISS-Magazins März 2026


Inhalt | Wer mitmacht, kann gestalten | Bürgerbeteiligung kann helfen, Konflikte im Stadtviertel zu schlichten. | 6 Digital im Alter: Junge zeigen Älteren den Umgang mit Smartphone & Co. | 12 EUTB: Hilfe durch den Pflegedschungel | 16 Bürgerbeteiligung: Gemeinsam das Stadtviertel gestalten | 20 Schreibabys: Unterstützung in der schwierigen Phase | 5 Wie ich wohne | 24 SCHREIBWERKSTATT: BISS-Verkäuferinnen und Verkäufer erzählen, was sie bewegt | Rubriken | 3 Editorial | 26 Patenuhren | 27 Freunde und Gönner | 30 Mein Projekt, Impressum | 31 Adressen