BISS-Ausgabe September 2017 | Verpasste Chancen

Cover des BISS-Magazins September 2017

Thema | Eine bessere Zukunft: über genutzte und vertane Möglichkeiten der Integration | 6 Wörthschule: Von der Mittelschule in eine gute Zukunft | 12 Enttäuschte Unternehmer: Viele Arbeitgeber hätten Flüchtlinge gern weiter beschäftigt | 16 Zwangsprostitution: Wie Frauen aus Nigeria zu Sexsklavinnen gemacht werden | 20 Gehörlos zum Triathlon: Im Wasser, auf dem Rad, beim Laufen – Sport verbindet | 24 Neues zum Hotel BISS: Warum das ehemalige Frauengefängnis Am Neudeck seit acht Jahren leer steht | Schreibwerkstatt | 5 Was uns verbindet | 22 Aufgelesen: BISS-Verkäufer erzählen, was sie bewegt | Rubriken | 3 Editorial | 28 Freunde und Gönner | 27 Patenuhren | 30 Impressum, Mein Projekt | 31 Adressen

 

 

 

Was uns verbindet

Sterne und die Zukunft

HARTMUT „JACKIE“ JACOBS, 60, BISS-VERKÄUFER AM ROSENHEIMER PLATZ, UND VOLKER PAULUS, 50, INTERNETHÄNDLER

HJJ: Volker und ich sind große Science-Fiction-Fans. Besonders gern mögen wir die Fernsehserie „Raumschiff Enterprise“. Von den ersten Staffeln kennen wir bestimmt jede Folge!

VP: Uns faszinieren Reisen zu den Sternen und die Zukunft. Wir lieben darum auch Filme wie „Star Wars“ oder Dokumentationen. Etwa fünf- bis sechsmal die Woche sehen wir uns, dann schauen wir meistens gemeinsam fern.

HJJ: Angefangen hat das alles vor mehr als 20 Jahren. Ich war damals schon BISS-Verkäufer, und eines Tages kaufte Volker ein Heft von mir. Wir kamen ins Gespräch, Volker mochte meinen Hund, und ich erzählte ihm, dass mein Fernseher zu Hause nicht richtig eingestellt sei, und er bot an, ihn zu reparieren.

VP: Aus einem Besuch wurden immer mehr. Jackie und ich mögen die gleichen Dinge, wir unterhalten uns gern, und irgendwann haben wir uns jeden Tag gesehen. Jackie war damals schon krank, er konnte nicht mehr richtig gehen, und ich habe ihm geholfen. Und dann kam 2013 der Unfall, der ihn in den Rollstuhl gebracht hat.

HJJ: Damals bin ich zu Hause gestolpert. Ich habe mir mehrere Wirbel gebrochen und konnte nicht mehr aufstehen. Zwei Tage lag ich in der Wohnung, fast wäre ich verdurstet, dann kam zum Glück Volker vorbei. Er hat sofort den Krankenwagen gerufen. Zehn Monate war ich in der Klinik, irgendwann war klar, dass ich für immer im Rollstuhl sitzen muss, und dann sind auch noch mein Hund und meine Katze gestorben. Das war eine sehr schwere Zeit.

VP: Jackie ging es damals sehr schlecht, er wollte sich umbringen, aber zusammen mit seiner Tochter konnte ich ihn davon abhalten. Heute helfen wir uns gegenseitig viel.

HJJ: Und wir verbringen viel Zeit zusammen. Wir gehen spazieren, in Konzerte oder auch mal ins Kino. Was für Filme wir dann sehen? Natürlich nur Science-Fiction!

Foto: Barbara Donaubauer

Protokoll: Christoph Gurk

Acht Jahre Leerstand

Unser Modell: Ausbildungs- und Arbeitsplätze im Hotel BISS, dazu seniorengerechte Wohnungen

Die Münchner Straßenzeitung BISS plante einst, das ehemalige Frauengefängnis Am Neudeck 10 zu erwerben und darin Hotel BISS als Sozialunternehmen zu gründen. Nachdem 2011 nicht BISS, sondern ein kommerzieller Immobilieninvestor den Zuschlag erhielt, steht das Gebäude bis heute leer. Demnächst starten unter einem anderen Eigentümer die Renovierungsarbeiten. Was ist das für ein Bauprojekt, das nun geplant wird? Wie kam die Entscheidung gegen Hotel BISS damals zustande? Und was ist mit dem Anwesen Am Neudeck 10 seitdem passiert? Eine Spurensuche.

Foto MARGIT ROTH
Text LINUS FREYMARK

Idyllisch ist es Am Neudeck 10. Der Auer Mühlbach plätschert gemächlich vorbei, vom Großstadtlärm kriegt man in der Au sowieso nicht viel mit, hier jedoch ist es extrem ruhig. Es ist eine Wohnlage, um die man sich in München reißt, gerade hier, im Herzen der bayerischen Landeshauptstadt, ist Wohnraum Luxusware. Trotzdem ist an diesem Julisonntag kein Fenster geöffnet, kein Fahrrad parkt vor dem dunklen, wenig einladenden Eingangstor: Das Gebäude steht seit mehr als acht Jahren leer. Die Geschichte des Grundstücks Am Neudeck 10 ist eine Geschichte voller falscher Entscheidungen, Missverständnisse und politischer Verirrungen. Und wie so oft, wenn etwas schiefläuft, möchte niemand dafür verantwortlich sein. Deshalb ist es eine Geschichte, die schwer nachvollziehbar ist, in der immer wieder Lücken auftauchen, die sich auch nach sorgfältiger Recherche nicht schließen lassen. Und trotzdem ist es eine Geschichte, die viel über die Gegensätze in unserer Welt erzählt. Es ist eine Geschichte, in der die Politik gesellschaftliches Engagement und Idealismus dem Verwertungsinteresse von Lobbyisten unterordnet.

AUSBILDUNGSPLÄTZE FÜR 40 JUGENDLICHE – DAS WAR DER PLAN

Die Geschichte beginnt mit einer Idee: Bereits 2001, lange vor dem Umzug des damaligen Frauengefängnisses, das bis 2009 Am Neudeck beheimatet war, plant BISS die Gründung eines erstklassigen Hotels, in dem benachteiligte Jugendliche die Chance auf einen Ausbildungsplatz bekommen sollen. Prominente Unterstützer wie der damalige bayerische Ministerpräsident Günther Beckstein, Sportfreunde Stiller, Uschi Glas oder Uli Hoeneß setzen sich für das Hotelprojekt ein, das in dem ehemaligen Gefängnis Am Neudeck 10 realisiert werden soll. Das Areal scheint wie geschaffen für das Projekt: Ruhig, aber zentral gelegen, würde es Platz für über 100 Hotelgäste bieten, hinzu kämen altengerechte Wohnungen und die rund 40 Ausbildungsplätze. Zudem befindet sich das Anwesen in staatlicher Hand, ein Entgegenkommen der Staatsregierung, etwa durch den Verkauf des Anwesens zu einem von unabhängigen Gutachtern festgestellten Preis, scheint zunächst möglich. Alles läuft bestens, denn die Bayerische Landesstiftung sagt zu, Hotel BISS mit 2,5 Millionen Euro zu fördern, die Landeshauptstadt München ist mit 500.000 Euro dabei, und darüber hinaus spenden begeisterte Unterstützer, nicht nur aus München, 1,5 Millionen Euro. Im Jahr 2008 wechselt der Ministerpräsident: Auf Günther Beckstein folgt Horst Seehofer.

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Meine Hunde und ich

EIN TEXT AUS DER SCHREIBWERKSTATT

Von Eberhard Stephan

Ich wollte schon seit langer Zeit einen Hund haben, damit ich nicht mehr so allein bin. Also habe ich mir Windsor gekauft. Den Namen hatte ihm die Züchterin gegeben. Windsor war ein Shih Tzu, ein tibetischer Tempelhund. Mir gefiel diese Rasse, sie sind nicht zu groß und nicht zu klein und haben einen guten Charakter. Windsor und ich verstanden uns gut, und als er vor ein paar Jahren starb, kam Sherry zu mir, wieder ein Shih Tzu, wieder von der gleichen Züchterin, die ihm auch seinen Namen gegeben hat. Sherry ist ein guter Zuhörer, ich spreche viel mit ihm und habe ihn auch immer dabei. Wenn wir an meinem Standplatz sind, dann liegt Sherry ruhig auf seiner Decke. Manchmal schaut er sich die Passanten an, manchmal isst er, manchmal schläft er. Sherry spielt gern Fußball, ich muss ihm dann den Ball hinschießen und er jagt ihn. Ansonsten ist er aber ein ruhiger Typ, und nur wenn ich „Platz“ sage oder „Sitz“, wird er ärgerlich. Er lässt sich eben nicht gern herumkommandieren. Aber das ist in Ordnung. Ich mag das schließlich auch nicht.