BISS-Ausgabe Dezember 2016 | Singet, frohlocket

Cover des BISS-Magazins Dezember 2016

Cover des BISS-Magazins Dezember 2016

Thema | Singet, frohlocket: Singen hält Geist und Seele zusammen. Bei 400 Chören in München ist für jeden der richtige dabei | 6 Singen gegen das Vergessen: Wie sich Singen positiv auf Demenzkranke auswirkt | 10 Mehr als eine Musikgruppe: Wer in München singen will, kann in einem Chor auch eine emotionale Heimat finden | 18 Sänger Christian Gerhaher im Gespräch: „Dem Mimen flicht die Nachwelt keine Kränze“ | 24 Eine Patenuhr für … Die angestellten BISS-Verkäufer suchen für 2017 wieder ihre Paten“ | Schreibwerkstatt | 5 Käufer und Verkäufer | 22 Aufgelesen: BISS-Verkäufer erzählen, was sie bewegt | Rubriken | 3 Editorial | 28 Patenuhren | 29 Freunde und Gönner | 30 Impressum, Unser Projekt | 31 Adressen

 

 

 

 

Käufer & Verkäufer

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Brigitte Runte ( links ) ( 51 ), Hausfrau aus Fürstenried

„Ich gehe jede Woche auf dem Fürstenrieder Wochenmarkt einkaufen. Das mache ich schon so, seit ich denken kann. Ich bin hier im Viertel aufgewachsen, und früher kam ich immer mit meiner Großmutter auf den Markt. Ich mag, dass es hier frisches Obst und Gemüse gibt, aber auch tollen Käse und leckere Wurstwaren. Und: Seit ein paar Jahren steht hier auch Herr Kumar und verkauft seine BISS. Als ich ihn das erste Mal sah, lachte er über das ganze Gesicht, sprach mich mit einem fröhlichen „Wie geht’s?“ an, und wir begannen uns zu unterhalten. Ich wollte wissen, woher er kommt und wie es ihm geht. Seit diesem ersten Gespräch kaufe ich immer die BISS bei ihm, und der Gesprächsstoff geht uns nicht aus. Wir reden über alles Mögliche, das Wetter oder die Familie, ich versuche, Herrn Kumar Sachen zu erklären, und er erzählt mir, wie es seiner Mutter in Indien geht. Zwischenzeitlich musste der Wochenmarkt umziehen, aber auch am neuen Standort sehen wir uns häufig und haben Zeit für einen Ratsch.“

Kumar Suresh ( rechts ) ( 39 ) BISS-Verkäufer in Fürstenried, Großhadern und Gröbenzell

„Seit drei Jahren verkaufe ich die BISS. Ich komme aus Indien, dort war ich Bauer, und das Leben war schwierig. 2003 bin ich darum nach Deutschland gegangen, sechs Jahre lang war ich in einem Asylbewerberheim und durfte nicht arbeiten. 2011 bekam ich dann meine Aufenthaltserlaubnis. Ich habe in Restaurants gearbeitet, Pakete gepackt und in Hotels geputzt. Bei all den Jobs ist mein Rücken kaputtgegangen. Eines Tages habe ich dann einen BISS-Verkäufer gesehen. Ich dachte: Das will ich auch machen! Ich stellte mich im Büro vor und kurz danach stand ich mit der BISS in der Hand auf meinem ersten Standplatz. Aber mein Deutsch war schlecht, ich hatte Angst und das Verkaufen fiel mir schwer. Inzwischen habe ich viele sehr nette Stammkunden. Frau Runte sehe ich jede Woche, dann unterhalten wir uns.

Foto: Barbara Donaubauer; Protokoll: Christoph Gurk

Singen gegen Demenz

Auch wenn manche Erinnerung schon verblasst ist – Lieder und Melodien bleiben uns oft bis zum Schluss

082016_biss_magazin_demenz_gruppe_07_sw1Foto SILVIE TILLARD

Text TANJA SCHWARZENBACH

Es  kommt vor, dass Gertraud Kaffeetrinken geht. Dann noch einmal. Und auch noch ein drittes Mal am selben Tag, weil sie vergessen hat, dass sie schon davor zweimal Kaffeetrinken war. Wenn sie daheim ist – sie kann noch allein wohnen –, weiß sie das alles nicht mehr, und ihre beiden Söhne können nur Spuren lesen: Tag und Uhrzeit auf ein, zwei und drei Caféquittungen. Die zwei nehmen das gelassen. Ein Achselzucken. Als ihre Mutter aber eines Nachmittags spazieren ging und nicht wieder zurückkam, wurden sie unruhig. Und als es dunkel war, suchte schon ein ganzer Polizeitrupp nach ihr. Es war 23.30 Uhr, als Gertraud mit großer Selbstverständlichkeit nach Hause kam, als wäre nichts geschehen. Sie konnte sich nicht erinnern, wo sie gewesen war, weil ihr Kurzzeitgedächtnis nicht mehr funktioniert. Seit zehn Jahren etwa ist die 86­Jährige dement – wie es derzeit ungefähr 1,6 Millionen Menschen in Deutschland sind. Es gibt die verschiedensten Ansätze, um die Fähigkeiten von an Demenz Erkrankten möglichst lange zu erhalten oder zu mobilisieren. Eines aber hat sich als besonders wirkungsvoll herausgestellt: das Musizieren. Immer montags sitzt Gertraud deshalb in Haidhausen in einer Aktivierungsgruppe der Münchner Alzheimergesellschaft (AGM), in der auch gesungen wird. Selbstbewusst, schön, lebensfroh sieht Gertraud dabei aus. Man kann sich ihre Rückkehr in jener Nacht, in der ihren Söhnen der Atem stockte und sich ihnen die schlimmsten Gedanken aufdrängten, gut vorstellen: mit dem Vergessen geschuldeter Nonchalance, das charmante Lächeln im Gesicht.

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Weihnachtszeit

EIN TEXT AUS DER SCHREIBWERKSTATT

von Wolfgang Räuschl

In meiner Kindheit war die Advents-­ und Weihnachtszeit etwas Besonderes. Nicht, weil wir viel Schnee hatten, sondern, weil es auch etwas Familiäres hatte. Am Land, wo ich aufgewachsen bin, gab es an Adventssonntagen nachmittags immer ein Treffen meiner Verwandtschaft, und wir haben in der Stube zusammengesessen und bei Bäckerei, Kuchen und Kaffee auch sehr schöne Weihnachtslieder gesungen. Mein Großvater erzählte uns auch immer wieder Weihnachtsgeschichten. Meine Lieblingsgeschichte war die von der Kirche in Oberndorf bei Salzburg, als die Leute ein Weihnachtslied suchten, um es in der Heiligen Nacht aufzuführen. Die beiden Volksschullehrer Franz Mohr und Xaver Gruber haben ein Weihnachtslied geschrieben und es zur Christmette 1816 uraufgeführt. Dass es aber das vielleicht schönste und berühmteste werden würde, haben sie damals nicht gedacht. So wird das Lied „Stille Nacht, Heilige Nacht“ heuer 200 Jahre alt und auf der ganzen Welt gesungen. Zu diesem Anlass mache ich einen Tagesausflug und besuche nicht nur den Christkindlmarkt, sondern auch die Ortskirche von Oberndorf, um an dem Ursprung des berühmtesten Weihnachtsliedes zu stehen. Heute hat fast keiner mehr Zeit, eine ruhige Adventszeit zu erleben. Die Konsumgesellschaft, der Stress und die Hektik einer Großstadt lassen das alles nicht mehr zu. Vielleicht würde man sich dann wieder an Weihnachten freuen, wenn jeder von uns ein bisschen nachdenkt und in sich geht, um an die Weihnachtszeit von früher zu denken. Bei uns zu Hause gab es immer auch Geschenke: Winterbekleidung bekam ich und ein Paar Ski, auch das ein oder andere Buch. Aber am besten waren diverse selbst gemachte Weihnachtsbäckereien von Tanten und der Großmutter. Und heute sieht man die Lebkuchen und Adventskalender schon ab September in den Regalen von Supermärkten stehen. Die Auslagen großer Kaufhäuser werden schon im Oktober für das große Weihnachtsgeschäft dekoriert, und auch die Weihnachtslieder auf Englisch werden ab November aus den Lautsprecherboxen rauf­ und runtergespielt. Da fällt mir eine berühmte Aussage von Franz Beckenbauer ein: Ja, ist denn heut scho Weihnachten? Da denke ich gern an meine Kindheit zurück. Manchmal habe ich noch den Duft in der Nase vom frisch geschlagenen Tannenbaum. Ich wünsche mir ein friedliches und ruhiges Fest. Denn Weihnachten ist für mich immer noch ein Fest der Familie und des Friedens.