BISS-Ausgabe Juli-August 2019 | Junge Menschen

Cover des BISS-Magazins Juli-August 2019

Thema | Junge Menschen | Im Laufe des Erwachsenwerdens gibt es viele Wege, Umwege und Abwege | 6 Junge Auszubildende: Berufsschulsozialarbeiter helfen über Klippen | 10 Handwerkerinnen: Frauen erobern typische Männerdomänen | 16 Urlaub mit Oma und Opa: Was Kinder an den Ferien bei den Großeltern besonders mögen | 20 Sozialer Trainingskurs: Junge Männer auf dem Weg aus der Gewaltspirale | 26 Da wächst was: Der zweite Frühling des BISS-Pavillons | Schreibwerkstatt | 5 Was uns verbindet | 24 Aufgelesen: BISS-Verkäufer erzählen, was sie bewegt | Rubriken | 3 Editorial | 28 Patenuhren | 29 Freunde und Gönner | 30 Impressum & Mein Projekt | 31 Adressen

Was uns verbindet

In der BISS-Kolumne kommen Menschen zu Wort, die eine persönliche Erfahrung oder ihr Interesse an einem Thema oder Projekt verbindet. In der Begegnung zeigt sich, dass Menschen trotz unterschiedlicher Lebenslagen, Überzeugungen und Persönlichkeiten immer auch etwas gemeinsam haben

Kochen

Protokoll CHRISTOPH GURK

Katalin Mathé (33), Mitarbeiterin im Café Netzwerk und Helga Platz-Cesena (63), betreuende Sozialpädagogin des Café Netzwerk

HELGA PLATZ-CESENA: Frau Mathé und mich verbinden viele Dinge. Einmal ist da das Kochen. Das mochte ich als Kind schon gern.

KATALIN MATHÉ: Ich komme aus Rumänien. Dort war ich Hausfrau, ich habe geputzt und gewaschen, am liebsten aber gekocht. Darum mag ich die Arbeit im Café Netzwerk.

HPC: Das Café Netzwerk ist die zweite Sache, die uns verbindet. Als ich hier angefangen habe, hatte ich drei kleine Kinder. Es gab keine Betreuungsplätze und als Sozialpädagogin habe ich keine Stelle gefunden. Alle Frauen, die hier arbeiten, haben solche Probleme.

KM: 2014 sind wir nach München gezogen. Wir wollten eine bessere Zukunft für unsere Kinder, hatten aber keine Arbeit, keine Wohnung und ich konnte kein Deutsch. Mein Mann fing an, die BISS zu verkaufen. So kam der Kontakt zum Café Netzwerk.

HPC: Frauen, die auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt benachteiligt sind, können sich hier selbst fördern. Seit 22 Jahren bin ich nun hier, ich arbeite gerne mit unseren Frauen zusammen. Und ich koche und esse natürlich auch einfach gern!

KM: Zuerst wollte ich nur an der Spüle arbeiten. Mittlerweile mache ich auch schon die Salate. Ich mag die Arbeit, aber wenn ich nach Hause komme, bin ich müde. Trotzdem koche ich noch für meine Familie, am liebsten Nudeln mit Fleisch, denn wie gesagt: Ich koche wirklich gerne.

Sozialer Trainingskurs

Zu Dominik Karpf und Dieter Oelhaf kommen Jugendliche und junge Männer, die keine andere Wahl haben. Sie haben sich nicht selbst ausgesucht, sich Rat bei den Sozialarbeitern der Jugendgerichtshilfe des Stadtjugendamts München zu holen, sondern haben vom Gericht die Auflage bekommen, an einem Sozialen Trainingskurs teilzunehmen. Sie wurden wegen Körperverletzung oder gefährlicher Körperverletzung verurteilt. „Da sind schlimme Sachen dabei, zum Beispiel U-Bahn-Schlägereien, wo mehrere Leute auf einen anderen losgehen“, sagt Karpf. Wegen ihrer Taten saßen sie teilweise im Arrest, manche nur über das Wochenende, manche auch für mehrere Wochen. Und: Viele haben jetzt auch noch Schulden, denn oft bekommen ihre schwer verletzten Opfer Schmerzensgeld.


WANN IST EIN MANN EIN MANN?


An acht Gruppenabenden, zwei Samstagen und in drei Einzelgesprächen mit den Sozialarbeitern müssen sich die jungen Männer mit ihren Taten auseinandersetzen. Karpf: „Wir versuchen herauszufinden, warum sie immer gleich auf 180 sind. Und wir spielen auch Situationen durch, wie sie sonst reagieren könnten und Ärger aus dem Weg gehen.“ In dem Kurs reden sie auch darüber, wann ein Mann ein Mann ist. Sie schauen sich Fotos an von Sänger Conchita Wurst, Fußballer Thomas Hitzlsperger, der sich als schwul geoutet hat, einem Erzieher oder einem Muskelprotz. Sie reden darüber, warum sie sich rausnehmen, mit anderen Mädchen zu flirten, aber ausflippen, wenn ihre Freundin dasselbe macht. „Manche haben ein sehr konservatives Wertebild“, meint Oelhaf.

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Da wächst was

Im flach liegenden Kunstwerk wachsen Tomaten

Foto: MANUEL NIEBERLE Text: GABRIELE WINTER

Kunst, die Impulse gibt und die Menschen zum Handeln anregt – das ist ganz im Sinne der britischen Künstler von Studio Morison. Deshalb waren sie begeistert, dass nach dem 25-jährigen BISS-Jubiläum Elemente der Kunstskulptur „I will be with you, whatever“ vom Wittelsbacherplatz eine weitere sinnvolle Verwendung finden. Die Bauunternehmung Lutzenberger hatte die tonnenschwere Skulptur im Oktober vergangenen Jahres so abgebaut, dass 24 Einzelelemente erhalten blieben. Von diesen wurden inzwischen elf an gärtnerisch aktive Schulen und Projekte abgegeben. Der freiberufliche IT-Journalist Oliver Häußler brachte drei in die Waldorfschule München Südwest, in der seine Tochter die 10. Klasse besucht. Gartenbau ist dort sogar Unterrichtsfach, denn laut Waldorfpädagogik „erfahren die Kinder ihre eigenen Gestaltungskräfte im Umgang mit den natürlichen Prozessen“. Die beweglichen Teile „kamen zum Bepflanzen wie gerufen“, denn die Schule musste vorübergehend ihren Garten auflösen und konnte so trotzdem weitersäen – und ernten.

Hochkant ist es ideal für Blumentöpfe und Vogelhäuschen.

Auch die Mittelschule an der Wiesentfelser Straße bepflanzt ein Pavillon-Element – aber erst muss noch das Insektenhotel renoviert werden. Die Schule hatte sich gleich nach dem Abbau der Skulptur den ersten 3,15 Meter langen, mit silbernem Stoff bespannten Holzkörper gesichert. Genau wie Vinko Rubic, der mit BISS-Verkäufer Udo Güldner in Hohenschäftlarn ein Beet mit Tomaten- und anderen Gemüsepflanzen anlegte. Der Münchner Verein Greencity, dessen Ziel es ist, die Stadt grüner und lebenswerter zu machen, bepflanzt zusammen mit Ehrenamtlichen die Holzbeete am Giesinger Grünspitz. Auf dem öffentlichen Platz hat jeder was davon – vor allem die Bienen. Denn durch die Unterstützung der Grünspitz-Imkerin blüht auf den Permakultur-Beeten fast das ganze Jahr etwas. Und damit auch jede/r weiß, woher die ungewöhnlichen Holzgerüste ursprünglich stammen, stecken auf den Beeten Fähnchen mit QR-Codes, durch die man auf die BISS-Homepage kommt. „Damit man sieht, wer die Spender sind und wie die Jubiläumsskulptur mal aussah“, erklärt Irene Nitsch von Greencity. Wer Interesse an einem Pavillon-Element hat, kann gern bei BISS anrufen.

Blut ist dicker als Wasser

EIN TEXT AUS DER SCHREIBWERKSTATT‘

Von Zuheir Takiyan

Es gab einmal einen Mann im Irak, der hatte zwei Söhne. Als er starb, erbten sie seine Firma. Doch die Brüder waren sich nicht einig, was sie mit ihr machen wollten. Der große Bruder wollte sie übernehmen und weiterführen, der kleine Bruder wollte lieber viel Geld haben, statt zu arbeiten. Und so kaufte der Ältere die Firma dem Jüngeren schließlich ab. Der kleinere Bruder war nun auf einmal sehr reich, er gab all sein Geld einem Börsenmakler. Am Anfang lief alles gut für ihn, die Kurse seiner Aktien stiegen und er machte gute Gewinne. Er kaufte sich daraufhin Autos und Uhren und Schmuck und Kleider für seine Frau, sie reisten durch die Welt und genossen das Leben, doch dann brach die Börse ein, alles Geld war weg. Es kam immer öfter zu Streit zwischen dem kleinen Bruder und seiner Frau, am Ende trennten sie sich. Bei der Scheidung verlor er die gemeinsame Wohnung und so landete er am Schluss auf der Straße, wie ein Bettler. Und so ging er eines Tages zu seinem großen Bruder. Dieser war immer noch Chef der einstigen Firma des Vaters, er hatte sie modernisiert, neue Maschinen gekauft, das Geschäft lief gut, er hatte viel Geld verdient und sogar eine zweite Firma gegründet. Der kleine Bruder sah all das und sagte: „Bruder, hilf mir, ich habe alles Geld verloren, gib mir neues.“ Aber der große Bruder dachte, dass es ein Fehler wäre, seinem kleinen Bruder Geld zu geben, schließlich würde dieser es doch wieder nur für Luxus ausgeben. Also sagte er: „Ich kann dir nicht helfen, du hast dein Erbe schon bekommen. Mein Geld brauche ich für mich und meine Familie.“ Doch als der kleine Bruder gegangen war, hatte der große Bruder ein schlechtes Gewissen: Würde er ihm Geld schenken, wäre es so schnell weg wie das Erbe. Würde er ihm nicht helfen, würde sein Bruder verhungern. Am Ende ging er zu einem seiner Angestellten und sagte: „Geh in den Park, dort sitzt mein kleiner Bruder. Sprich ihn an und frage ihn, warum er traurig ist. Dann sollst du ihm eine Arbeit geben in meiner zweiten Firma, aber sage ihm nicht, dass diese auch mir gehört.“ So geschah es. Der kleine Bruder war nun auch wirklich fleißig, er arbeitete hart in der Firma und hatte bald Erfolg. Er fand eine neue Frau und lebte glücklich. Doch dann gab es ein großes Treffen, alle saßen zusammen, die Firmen sollten zusammengelegt werden und ein neuer Chef gewählt werden. Da sah der kleine Bruder, dass die Firma, in der er arbeitete, auch seinem großen Bruder gehörte. Sie hatten sich seit ihrem letzten Treffen nicht gesehen, der kleine Bruder hatte dem großen nie verziehen, dass dieser ihm damals nicht geholfen hatte. Also stimmte er bei der Wahl gegen ihn. Doch da erklärte ihm der große Bruder, dass er es war, der seinem Angestellten damals gesagt hatte, er solle den kleinen Bruder einstellen. „Ich wollte, dass du dir deinen Reichtum selbst erarbeitest“, sagte der große Bruder. „Denn nun bist du reich, aber du hast dir alles selbst verdient und wirst dein Geld nicht mehr einfach vergeuden.“ Und so war am Ende aller Streit vergessen und die beiden Brüder führten die Firmen gemeinsam bis zu ihrem Tod.