BISS-Magazin Oktober 2026 | Zugang erhalten

Cover des BISS-Magazins Oktober 2026

Inhalt | Zugang erhalten Die Gefahr ist groß, dass an den falschen Stellen gespart wird. | 6 Großfamilien: Für sie gibt es kaum Sozialwohnungen |  10 Schule für Kranke: Unterricht im Krankenhaus | 14 Die soziale Infrastruktur muss erhalten bleiben! Interview mit Karin Majewski, Geschäftsführerin des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes in Oberbayern | 18 St. Bonifaz: Ein wichtiger Ort für obdachlose Menschen| 24 Rückblick mit Ausblick | 5 Wie ich wohne | 26 SCHREIBWERKSTATT BISS-Verkäuferinnen und -Verkäufer erzählen, was sie bewegt | Rubriken | 3 Editorial | 28 Patenuhren | 29 Freunde und Gönner | 30 Mein Projekt, Impressum | 31 Adressen

Wie ich wohne

Protokoll ANNELIESE WELTHER

Foto MARTIN FENGEL

Der Frühaufsteher

Gott sei Dank habe ich momentan ein Zimmer für mich allein. Darin befinden sich ein viertüriger Schrank, ein Waschbecken, ein Tisch mit zwei Stühlen sowie zwei Betten. Das einzige Fenster geht auf eine belebte Innenstadtstraße raus, dennoch ist es ruhig hier. Duschen und Toiletten sind am Ende des Gangs, eine Möglichkeit zu kochen gibt es nicht, dafür aber eine Kantine. Dort könnte ich frühstücken, zu Mittag und zu Abend essen, das würde jeweils zwischen 1,50 und 2,50 Euro kosten. Allerdings bin ich nicht der Frühstückstyp. Um fünf Uhr morgens, wenn ich aufstehe, reichen mir zwei Tassen Kaffee. Anschließend schaue ich, was bei TikTok so los ist, und schreibe einem Freund, der wie ich Ungar ist. Es ist nicht erlaubt, länger als bis acht Uhr in der Unterkunft zu bleiben, also mache ich mich dann auf den Weg. Vorher kaufe ich aber noch an der Pforte für sieben Euro die Bettenmarke für die nächste Nacht. Das ist ein kleiner Zettel, auf dem die Zimmernummer und das Datum draufstehen. Mit der U-Bahn bin ich in acht Minuten an meinem Verkaufsplatz. Gegen 13 Uhr mache ich Mittag. Da besorge ich mir im Supermarkt fertig zubereitete Gerichte wie zum Beispiel Wiener Schnitzel. Ab 14 Uhr darf ich wieder in die Unterkunft rein. Das Abendessen nehme ich in der Kantine ein. Ich arbeite nahezu täglich, immer am Laimer Platz, auch sonntags, nur stehe ich dann vor der Kirche. Manchmal gönne ich mir einen freien Tag, um meine Kleidung zu waschen. Für einen Euro kann ich das bei der Caritas in der Nähe des Hauptbahnhofs erledigen. In meinem Leben hatte ich mit so einigen Schicksalsschlägen zu kämpfen, schon als Vierjähriger wurde ich von einem Hund in den Kopf gebissen, dann hatte ich zwei Autounfälle, einen bereits 1989, seitdem bin ich gehbehindert. Der andere ereignete sich 2022, damals erlitt ich eine Gehirnblutung. Meine Mutter war alleinerziehend mit mir und meinen beiden zwei Jahre jüngeren Zwillingsschwestern. Anfangs wohnten wir alle gemeinsam in einer Drei-Zimmer-Wohnung. Dann aber zog ich zu meinen Großeltern nach Budapest, da meine Mutter nicht genug Geld hatte, um uns alle durchzubringen. Wie meinem Opa, der in einer Autofabrik gearbeitet hat,gelang es auch mir, eine Anstellung bei Suzuki zu finden. Allerdings verlor ich den Job nach fünf Jahren wegen meiner Alkoholsucht. Seit 2003 bin ich wohnungslos und habe schon in den Straßen von Wien, Liverpool, Oslo und Frankfurt gelebt. An den vielen Schnee in Norwegen kann ich mich erinnern, von einer Hilfsorganisation erhielt ich damals einen besonders guten Schlafsack. In Oslo ist alles teuer, einmal hat mir jemand 500 Kronen geschenkt, das sind um die 40 Euro, die gingen für einmal Essen sofort drauf. Ansonsten finde ich das Leben auf der Straße überall ziemlich gleich. In München übernachtete ich früher am Stachus mit zwei, drei anderen Leuten. Die grüße ich heute noch, versuche mich aber sonst von ihnen fernzuhalten, da sie Alkohol trinken, und davon möchte ich fortan ganz die Finger lassen.

6 Personen auf 52 Quadratmetern

Viele Familien in München haben zu wenig Platz in ihrer Wohnung. Besonders schwierig ist die Situation für Familien mit vielen Kindern. Große und bezahlbare Wohnungen sind schwer zu finden. Und es gibt zu wenige Sozialwohnungen. Es gibt lange Wartezeiten für die Wohnungen, besonders für große Wohnungen. Manche Familien warten bis zu 12 Jahre auf eine Wohnung.

Alexandra Gaßmann ist CSU-Stadträtin und Landesvorsitzende des Vereins KINDERreich in Bayern e.V. Sie setzt sich für die Interessen von kinderreichen Familien (ab drei Kindern) und Großfamilien (ab fünf Kindern) ein. Sie hat Kontakt zu den Familien und kennt ihre Probleme. Sie ist empört und sagt:

Ein Beispiel ist die Familie von Dalibor aus Bosnien. Dalibor baut beruflich Küchen ein. Seine Frau konnte nach der Schwangerschaft nicht mehr in ihrem früheren Beruf arbeiten. Deshalb muss das Einkommen von Dalibor für die Familie und die Miete reichen. Sie haben vier Kinder und wohnen in einer 2-Zimmer-Wohnung. Dalibor schläft auf einem Schlafsofa im Wohnzimmer. Seine Frau schläft bei den Kindern im Schlafzimmer. Das jüngste Kind ist noch ein Baby. Die beiden älteren Töchter sind in der Pubertät und haben kaum einen Platz für sich. Wenn sie Hausaufgaben machen, gibt es oft Streit.

Manche Kinder müssen im Hausflur auf der Treppe lernen. Diese Kinder haben oft schlechtere Chancen, einen guten Schulabschluss zu machen.

In München wird es immer schwieriger, eine bezahlbare Wohnung zu finden. Die Mieten sind in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. Besonders Menschen mit wenig Geld haben es schwer, denn es gibt auch zu wenige Sozialwohnungen.

Dafür gibt es mehrere Gründe: Es werden weniger Wohnungen gebaut, weil die Grundstücke und das Bauen teurer geworden sind. Und viele Sozialwohnungen haben nach 20 bis 30 Jahren keine Mietpreisbindung mehr. Das bedeutet, dass sie dann teurer vermietet werden dürfen.

Im Jahr 2013 wurden rund 33.000 GBW-Wohnungen verkauft. Damals war Markus Söder bayerischer Finanzminister. Er war am Verkauf beteiligt. Die Wohnungen wurden an private Käufer verkauft. Dadurch wurden die Mieten für viele Mieter*innen zu teuer. Heute kauft die Stadt München einen Teil dieser Wohnungen zurück. Dafür muss sie teilweise dreimal so viel bezahlen. Dieses Geld fehlt dann für den Bau von neuen Wohnungen.

Der Freistaat Bayern gibt auch weniger Geld für den sozialen Wohnungsbau. Früher waren es bis zu 120 Millionen Euro, im letzten Jahr nur noch 25 Millionen Euro.

Je größer eine Familie ist, desto schwieriger ist es, eine passende Wohnung zu bekommen. Große Sozialwohnungen gibt es nur wenige. Und zuerst bekommen Menschen eine Wohnung, die gar keine Wohnung haben oder ihre alte Wohnung verlieren.

Alexandra Gaßmann kennt diese Probleme auch aus eigener Erfahrung. Sie hat neun Kinder. Ihre Familie hat auch viele Jahre auf engem Raum gelebt. Sie setzt sich deshalb dafür ein, dass große Familien mehr Platz zum Wohnen bekommen.

Eine Idee von Alexandra Gaßmann sind kleinere Wohnungen, die man zu einer großen Wohnung zusammenlegen kann. Wenn die Kinder später ausziehen, können die Wohnungen wieder getrennt werden. Eine andere Möglichkeit ist ein Wohnungstausch, wie es die Münchner Wohnen GmbH schon macht. Ältere Menschen ziehen aus ihrer großen Wohnung in eine kleinere Wohnung. Die größere Wohnung kann dann eine Familie bekommen, die mehr Platz braucht.

Alexandra Gaßmann sagt: „Großfamilien sind sehr erfindungsreich. Zum Beispiel hat man Stockbetten und Trenn-Wände. Manche Eltern schlafen sogar in der Küche. Sie haben dort ein Sofa, das sie abends ausklappen.“ Große Familien brauchen außerdem viel Platz für Dinge aus dem Alltag. Dazu gehören Schulranzen, Kleidung und Brotdosen. Deshalb nutzen sie Wandschränke oder stapeln Kisten. So sparen sie Platz. Alexandra Gaßmann sagt: „Ich kann stapeln, bis nichts mehr geht!“

Für die Familie von Dalibor gibt es am Ende eine gute Nachricht. Nach fast fünf Jahren Wartezeit bekommt die Familie eine größere Wohnung. Dalibor lächelt, als er erzählt: „Ich habe endlich wieder ein eigenes Zimmer!“

Original-Text von Anja Schauberger

Zusammenfassung in Einfacher Sprache von Verena Reinhard, www.einfachverstehen.de

Jagd auf dem Schwarzen Meer

EIN TEXT AUS DER SCHREIBWERKSTATT

von Sorin Moga

Mein Pflegevater besaß eine große Autowerkstatt. Von ihm habe ich viel über Motoren und Mechanik gelernt. Ich weiß, was sich in einem Motor bewegt und welche Teile stillstehen, von oben bis unten kenne ich dort alles. Als ich meinen Wehrdienst bei der rumänischen Marine absolvierte, wollte ich daher natürlich zu den Maschinisten. Dafür musste man eine Prüfung ablegen, die ich als Bester bestand. Ich half auch einem Freund, der bislang keine Ahnung von all der Technik hatte, damit er die Prüfung besteht. Dann war ich auf einem Schiff stationiert, das mit vier Motoren angetrieben wurde. Jeder von ihnen hatte 16 Zylinder. Um den Motor zu starten, hatten wir einen großen Schlüssel, mit dem man die Zylinder in eine Linie bringen musste. Im Winter schlief ich nicht wie sonst in der Kaserne, sondern blieb auf dem Schiff. Jede Stunde musste ich die Hauptmotoren einschalten, damit das Wasser darin nicht einfriert. Zu meinen Aufgaben gehörte auch das Auswechseln des Öls und der Filter. Abwechselnd verbrachten wir mit dem Schiff eine Woche auf See, dann eine Woche im Hafen. Mit 17 anderen Soldaten bewachte ich die Grenze. Eines Tages kam auf unser Gebiet ein türkisches Fischerboot. Es war nicht ganz klein und mit Netzen ausgekleidet. Wir haben es zuerst mit Schüssen gewarnt, aber es hat versucht, uns zu rammen, dann haben wir die Besatzung richtig mit denWaffen bedroht und anschließend auf Geheiß des Kommandanten verhaftet. Die Fischer hatten versucht, 23 Tonnen Fisch zu rauben. Man hat das Verfahren gegen die Männer gleich auf dem Schiff eingeleitet, es kamen dafür extra drei Militärjuristen an Bord, das Boot wurde konfisziert wie auch der gesamte Fang. Die Männer wanderten für sieben Jahre ins Gefängnis wegen Raubfischerei. Manchmal hatten wir es auch mit Bulgaren zu tun, sie holten die wertvollsten Fische, Steinbutte und Störe. Sie kamen nachts, auf dem Radar sahen wir einzelne Punkte. Wenn diese sich nicht bewegten, fuhren wir hin, um zu sehen, was los ist, ob einem Boot vielleicht der Motor kaputtgegangen war. Wenn wir Leute bei der Wildfischerei erwischten, nahmen wir sie mit. Von dem Wildfang kriegten wir oft auch was ab, der Rest ging in die Kantine oder an die Geschäfte. Das war 1990. Nach mir gab es keine Wehrpflichtigen mehr in meiner Marineeinheit, nur noch Berufssoldaten. Ich hätte auch beim Militär bleiben können, mein Kommandant hatte es mir angeboten, aber ich wollte nicht. Dabei war die Uniform der Marine die schönste von allen, die es beim Militär gab. Mittlerweile wird die Grenze nicht mehr auf diese Weise überwacht, diese Aufgaben übernehmen heute nicht mehr Wehrdienstler, sondern die Grenzpolizei.

BISS-Leserinnen und -Leser wissen mehr

Karin Lohr, Vorstand (Foto: Derlath)

Zugegeben, es ist ein bisschen gewöhnungsbedürftig, die Ausschreibung für die eigene Arbeitsstelle zu sehen, noch dazu so prominent wie hier links auf einer ganzen Seite. Auch wenn die Deutsche Rentenversicherung sagt, dass ich mit nahezu 45 Jahren anrechenbarer Versicherungszeiten als besonders langjährig Versicherte gelte und daher bald in Rente gehen kann. Tatsächlich fühle ich mich voller Elan, kein bisschen matter als in meiner Anfangszeit bei BISS vor 13 Jahren. Wenn es danach ginge, könnte ich noch ewig so weiterarbeiten. Denn die Position der geschäftsführenden Vorständin bei BISS ist so unvergleichlich vielseitig, anspruchsvoll und erfüllend, jeder Tag ist aufs Neue spannend und herausfordernd. Mein Arbeitgeber, der Verein BISS e.V., steht bestens da, wie Sie in diesem Heft (siehe S. 24 bis S. 25) anhand der Zusammenfassung der Gewinn-und-Verlust-Rechnung des Vorjahres und der detaillierten Verkäuferstatistik sehen können. Das sind doch ideale Voraussetzungen, sich nach der bestmöglichen Nachfolge umzusehen, oder? Es pressiert nicht, wie man in München sagt, könnte aber auch flott gehen. Wir sind auf jeden Fall vorbereitet und freuen uns auf engagierte und leistungsbereite Bewerber*innen. Überhaupt gehört ein optimistischer Blick in die Zukunft, auch nach 33 Jahren erfolgreicher Arbeit zum Wohle armer und obdachloser Menschen, zu unserer Grundausstattung. Wir trauen den BISS-Verkäuferinnen und -Verkäufern alles zu, um sich mit eigener Kraft aus ihrer misslichen Lage zu befreien. Dabei hilft ihnen BISS, bei der Wohnungssuche und mit einem festen Arbeitsvertrag. Das ist für uns echte Hilfe zur Selbsthilfe, die arme Menschen zwar nicht reich machen kann, ihnen aber eine solide Basis für das Weiterleben bietet. Und durch die Zeitschrift haben sie eine Stimme, die gehört wird. Auch in dieser Ausgabe sind Texte von Verkäuferinnen und Verkäufern veröffentlicht (siehe S. 26 bis S. 27), in denen sie von ihren Erlebnissen und Hoffnungen für die Zukunft erzählen. So wie BISS-Verkäufer Zuheir Takiyan, der von seinem Urlaub und dem Familienbesuch im Irak berichtet. Es ist schon ein paar Jahre her, dass wir zusammen gelacht haben, als Herr Takiyan geübt hat, das Wort „Urlaub“ perfekt
auszusprechen, und so lange nicht aufgegeben hat, bis ihm das gelungen ist. Sie merken schon, wir BISSler sind nicht müde, sondern wir bleiben dran. Im Herbst haben wir einiges vor, etwa unseren traditionellen Betriebsausflug mit dem Bus in die Berge. Wir halten Sie in jedem Fall auf dem Laufenden! Wie so oft wissen unsere Leserinnen und Leser mehr – und das aus erster Hand.

Herzlichst


Karin Lohr, Vorstand