BISS-Ausgabe Juli-August 2016 | Fernweh

Cover des BISS-Magazins Juli-August 2016

Cover des BISS-Magazins Juli-August 2016

Thema | Abenteuer Aufbruch: Ein Heft übers Reisen und zuhause bleiben| 6 Fernweh: Drei Austauschschüler erzählen von ihrem Jahr fern der Heimat | 12 Ferien in der Stadt: Kinder verraten, was sie in den Ferien am liebsten machen | 14 Aus eigener Erfahrung: Drei Menschen, die vor vielen Jahren nach Deutschland kamen, erinnern sich| 16 Geburtstags-Interview: Alt-OB Dr. Hans-Jochen Vogel im Gespräch |22 Aus Tradition unterwegs: Eine Frau auf der Walz | 24 Mit Rad und Seele: Dynamo Fahrradservice BISS e.V. feiert 30. Geburtstag| Schreibwerkstatt | 5 Käufer und Verkäufer | 26 Aufgelesen: BISS-Verkäufer erzählen, was sie bewegt | Rubriken | 3 Editorial | 28 Patenuhren | 29 Freunde und Gönner | 30 Impressum, Mein Projekt| 31 Adressen

 

 

 

Käufer & Verkäufer

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Veronika Donaubauer ( links )
( 73 ) Rentnerin aus Großhadern

Eigentlich habe ich Herrn Silvestri kennengelernt, weil ich gern fotografiere. Familienbilder, Naturaufnahmen, meine Reisen. Die Filme ließ ich immer ein- oder zweimal im Monat in der Nähe des Sendlinger Tors entwickeln. Auf dem Weg von der U-Bahn zum Fotofachgeschäft kam ich dann irgendwann bei Herrn Silvestri vorbei und kaufte ihm eine BISS ab. Heute, 16 Jahre später, mache ich das immer noch so. Ein-, zweimal im Monat gehe ich mit meiner Foto-Speicherkarte zum Geschäft und lasse meine Fotos am Automaten abziehen und nehme sie sofort mit. Jedes Mal besuche ich dann Herrn Silvestri, kaufe eine BISS und unterhalte mich mit ihm. Ich frage ihn, wie es so geht, wir sprechen über das Wetter, die Gesundheit, und manchmal erzählt er mir auch von seinen Reisen in Südamerika und dass es dort so warm ist und hier so kalt. Manchmal kommt es vor, dass wir uns verpassen. Dann bin ich enttäuscht und fahre ohne BISS nach Hause. Schließlich habe ich die noch nie bei jemand anderem gekauft als bei Herrn Silvestri.

 

Francesco Silvestri ( rechts )
( 72 ) BISS-Verkäufer im Sendlinger-Tor-Zwischengeschoss

Jeden Monat spare ich ein bisschen Geld. So lange, bis ich mir einen Flug nach Lateinamerika kaufen kann. Ich war schon in Kolumbien, Peru und Ecuador, bei den Azteken und Inkas. Ich bin in Österreich geboren, mein Vater war Italiener, und als ich acht Jahre alt war, sind wir nach Italien gezogen. Ich habe dort eine Ausbildung gemacht, danach bin ich nach Deutschland gegangen und habe in der Gastronomie gearbeitet. Damals begann ich mit den Reisen, doch dann bin ich krank geworden. Ich konnte nicht mehr richtig stehen und gehen. So habe ich Arbeit und Wohnung verloren. Ich war obdachlos und kam irgendwann zur BISS. Dank ihr habe ich heute eine Wohnung. Und dank ihr habe ich auch genug Geld, um alle paar Jahre nach Ecuador zu fliegen. Dort habe ich zwei Kinder. Und eine Enkelin. Sie wurde nach mir benannt: Francesca.

Foto: Barbara Donaubauer
Protokoll: Christoph Gurk

 

Mit Rad und Seele

Dynamo Fahrradservice BISS e.V. feiert 30. Geburtstag

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Das Team von Dynamo im Domagkpark freut sich über den Besuch und das Interesse von Oberbürgermeister Dieter Reiter. V.l.n.r. Karin Lohr (Vorstand), Bitollah Panahi-Mollaei (Mechaniker), Peter Reiz(Mechaniker), OB Dieter Reiter, Sven Brömstrup (Auszubildender), Merlin Jelitko (Auszubildender), Stefanie Anhenn (PULPO Projekt), Astrid Benda (Sozialpädagogik), Anette Eggart (Geschäftsführung), Peter Cwetko (Zweiradmechanikermeister), Johannes Denninger (Vorstand)

von Margit Roth

Morgens um neun Uhr trägt Alexander den großen, grasgrünen Pulpo vor die Ladentür. Dann werden die Fahnen platziert und die Fahrräder in Reih und Glied auf dem Parkplatz aufgestellt. An einem sonnigen Frühsommertag, so wie heute, warten die ersten Kunden um diese Zeit schon ungeduldig, um ihr Fahrrad auf dem Weg zur Arbeit bei Dynamo abzuliefern. Alexander begrüßt einen Herrn im Anzug mit einem platten Reifen. Die Sachlage ist schnell klar, hier muss der Mechaniker nachsehen und den Aufwand auf der Grundlage genormter Arbeitswerte berechnen. Alexander trägt den Reparaturauftrag in ein Formular ein und überreicht dem Kunden den Abholschein.

Als Nächstes kommt eine junge Frau im Sommerkleid an die Reihe. Sie ist auf der Suche nach einem sinnvollen Geschenk. Alexander begleitet die Frau zur historischen Fahrradrikscha mit den Pulpo-Produkten, packt das ausgewählte Täschchen ein und kassiert anschließend ab. Der DHL-Fahrer bringt Pakete, Zeit für Alexander, sich um den DHL-Paketshop und den Wareneingang zu kümmern. Alexander ist 20 Jahre alt und macht bei Dynamo eine Ausbildung zum Kaufmann für Büromanagement. Alexander ist ein aufgeschlossener, manchmal etwas verlegener junger Mann, der noch bei seiner Mutter wohnt und fast jedes Wochenende mit seinen vier Freunden bei den Sechzigern im Stadion verbringt. Noch vor zwei Jahren hätte niemand gedacht, dass ausgerechnet die Arbeit mit Kunden zu Alexanders Lieblingsbeschäftigung werden würde. Sein Vater war gestorben, seine Lehre als Einzelhandelskaufmann hatte er abgebrochen. Um etwas Neues zu beginnen, fehlte ihm nach seinem Misserfolg erst einmal der Mut. Die Agentur für Arbeit schickte ihn zu den Joblingen, und von dort kam er nach mehreren erfolglosen Praktika in anderen Firmen zu Dynamo. In den ersten Monaten arbeitete Alexander am liebsten in seinem Büro im dritten Stock. Der junge Mann vertiefte sich in die Arbeit am PC, direkten Kundenkontakt scheute er. „Alexander hat eine enorme Entwicklung hinter sich. Er traut sich wesentlich mehr zu und konnte im geschützten Rahmen sukzessive auf die Arbeit im Laden vorbereitet werden“, so Anette Eggart.

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Familienbesuch

EIN TEXT AUS DER SCHREIBWERKSTATT

von Zuheir Sobhy Matti Takiyan

So wie meine eigene Familie ist auch die Familie meiner Frau aus dem Irak geflohen und lebt heute über die ganze Welt verteilt. So wohnen zum Beispiel ihre Eltern, ihre Brüder und ihre Schwestern in Finnland und in Schweden. Meine Frau hat sie seit 15 Jahren nicht gesehen. Und so konnte ich schwer nein sagen, als meine Frau mich fragte, ob wir sie nicht einmal besuchen könnten. Und so flogen wir im April zuerst nach Schweden zu den beiden Brüdern meiner Frau und meinen Schwiegereltern. Sie leben in einem Vorort von Göteborg. Schon am Flughafen gab es ein großes Wiedersehen. In den folgenden Tagen verbrachte meine Frau viel Zeit mit ihren Eltern, sie sind schon alt, und meine Frau half ihnen beim Kochen und Putzen. Einmal lud uns einer ihrer Brüder zum Essen ein. Ansonsten ging ich mit meiner Tochter spazieren, oder wir fuhren ins Zentrum von Göteborg. Fünf Tage blieben wir in Schweden, dann fuhren wir mit zwei Autos und zusammen mit der ganzen Familie meiner Frau per Fähre nach Finnland. Die Fahrt dauerte von sieben Uhr abends bis sieben Uhr früh. Auf dem Schiff gab es Restaurants und sogar eine Disko. Wir sahen den Leuten beim Tanzen zu und tranken Bier. Ich wollte auch tanzen, aber meine Frau hatte keine Lust. Sie ist ein bisschen schüchtern. In Finnland lebt die Schwester meiner Frau mit ihrer Familie. Sie hat fünf Kinder, und wieder gab es ein großes Wiedersehen. Wir gingen wieder essen und einkaufen und ins Zentrum. Am Sonntag gingen wir gemeinsam in die Kirche, und danach gab es ein großes Familienfest. Wir tanzten und tranken bis in die Nacht. Nach sieben Tagen fuhren wir wieder zurück nach Schweden, und von dort flogen wir zurück nach Deutschland. Mir hat Schweden nicht so gut gefallen wie Finnland. Dort ist alles sehr sauber. Am schönsten fand ich es aber, wieder zu Hause zu sein, in Deutschland, bei meinen Freunden, meinen Bekannten, meiner Arbeit. Wir haben einen sehr guten Platz zum Leben gefunden. Und längst auch eine neue Heimat.

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