BISS-Ausgabe Juni 2016 | Grenzüberschreitung

Cover des BISS-Magazins Juni 2016

Cover des BISS-Magazins Juni 2016

Thema | Zu viel Nähe: Wenn Menschen auf zu engem Raum zusammenleben müssen, werden leicht Grenzen überschritten | 6 Ein Leben im Transit: Wochen und Monate mit ständigem Lärm und ohne Privatsphäre | 12 Glossar: Was man wissen muss, um in der Flüchtlingsdebatte nicht den Überblick zu verlieren | 14 Aus eigener Erfahrung: Drei Menschen, die vor vielen Jahren nach Deutschland kamen, erinnern sich | 16 Der Feind in meinem Leben: Wie ein Stalker das Leben von Ingrid B. fast zerstört hat und wie sie sich dagegen wehrt | 20 Wohnungslosigkeit in Zahlen: Interview mit Thomas Duschinger zum Datenreport „Soziale Lage in Bayern“ | 22 Weniger als 50 Zentimeter: Über die schwierige Balance von Nähe und Distanz in der Pflege | Schreibwerkstatt | 5 Käufer und Verkäufer | 26 Aufgelesen: BISS-Verkäufer erzählen, was sie bewegt | Rubriken | 3 Editorial | 28 Patenuhren | 29 Freunde und Gönner | 30 Impressum, Mein Projekt| 31 Adressen

 

Käufer & Verkäufer

_MG_8193_SW

Helga Merlin ( links )
( 76 ) Schriftstellerin aus München

Ich bin eine große Bewunderin der BISS und ihrer Verkäufer. Ich kaufe das Magazin seit der ersten Ausgabe, und ich hatte schon viele Gespräche mit Verkäufern. Ich interessiere mich für ihre labyrinthischen Lebenswege, ihre oftmals stoische Ruhe, und ich glaube, man kann viel von ihnen lernen. Zum Beispiel von Vladi: Er ist der Straßenphilosoph unter meinen BISS-Begegnungen. Er steht an seinem Verkaufsplatz, das Treiben rundum mit ruhigen Augen wahrnehmend, ohne Anzeichen von Urteil oder gar Vorurteil. Ich habe von ihm erfahren, dass er Musik liebt, dass er in seinen jungen Jahren DJ bei einem Jugendsender war und sich früh auf die Suche nach mehr Freiheiten gemacht hat. Dies ist mir sehr verwandt. Denn auch ich bin ein Mensch, der immer nach Freiheit sucht. Vladi und ich haben uns von Anfang an ohne Vorbehalte ausgetauscht, und heute reden wir über das Leben genauso wie über Philosophie. Ich freue mich darum immer, Vladi zu begegnen.

Vladimir Odeljan ( rechts )
( 58 ) BISS-Verkäufer am Nordbad

Eines Tages kam Helga zu mir und sagte: „Ab jetzt sind wir per Du!“ Seitdem nennt sie mich nur noch „Vladi“. Eigentlich heiße ich Vladimir, ich komme aus Kroatien, dort habe ich früher bei einem Jugendsender gearbeitet. Ich habe Beiträge geschrieben und moderiert, aber es gab damals noch sehr viel Zensur. Meine Vorfahren sind aus Deutschland. Also bin ich hierhergekommen, habe bei einem Metzger gearbeitet, dann aber wieder gekündigt. Ich bin nach Lissabon gegangen, nach Spanien, wieder zurück nach Kroatien. Letzten Endes bin ich aber doch wieder hier gelandet, ohne Wohnung, ohne Geld, ohne Job. Seit zwei Jahren stehe ich nun am Nordbad. Eines Tages kam Helga dort auf mich zu und sprach mich an. Heute kommt sie alle zwei Tage, und längst sind wir nicht nur per Du, wir sind richtige Freunde.

Foto: Barbara Donaubauer

Protokoll: Christoph Gurk

Stalking

Mary Scherpe, Modebloggerin und selbst Stalkingopfer, setzt sich aktiv für eine Gesetzesverschärfung ein

Mary Scherpe, Modebloggerin und selbst Stalkingopfer,
setzt sich aktiv für eine Gesetzesverschärfung ein

Jeden kann es treffen. Aber niemand muss es sich gefallen lassen.

Von
LISA GOLDMANN

Am 24. September 2007 bekommt Ingrid Beck einen Stalker. Nur weiß sie das damals noch nicht. Im September 2007 denkt sie noch, sie bekomme einen neuen Freund. Manfred* und sie haben sich über ein Online-Partnerportal kennengelernt. „Wir haben gut zusammengepasst, wollten beide aufs Land ziehen, waren auf der Suche nach einer festen Beziehung“, erinnert sie sich. Ingrid Beck hofft auf einen Neuanfang. Schnell wird klar, dass sie ihr altes Leben tatsächlich hinter sich lassen muss – aber ganz anders, als sie sich das vorgestellt hatte. Nach wenigen Wochen wird Manfred besitzergreifend. Ruft ständig an, schreibt SMS: Wo bist du? – Was machst du? – Ich liebe dich!
Wenn sie nicht sofort antwortet, wird er wütend. Es fällt ihm schwer zu vertrauen, denkt sie. Jeder ist vorbelastet, redet sie sich ein. „Anfangs wollte ich ihm noch beweisen, dass er mir vertrauen kann, dass ich nicht so bin wie seine Exfreundinnen“, erinnert sie sich heute.
Die kontrollierenden SMS werden immer mehr, oft Hunderte an einem Tag. Manchmal schreibt er, sogar wenn sie zusammen sind, noch Textnachrichten aus dem Nebenzimmer: Sag, dass du mich liebst! „Es war Gehirnwäsche“, sagt sie, „er war rhetorisch so geschickt, gab mir das Gefühl, es liege an mir, ich sei die Seltsame in der Beziehung.“ Nach den Liebesbekundungen kommt die Erpressung: Ich kann ohne dich nicht sein. – Wenn du mich verlässt, bringe ich mich um. Dann die Drohungen: Es sieht gar nicht gut aus für dich. – Ich bin gerade auf dem Weg zu dir, du wirst dein blaues Wunder erleben.

Lesen Sie weiter bei »Stalking«…

Isarmüll

EIN TEXT AUS DER SCHREIBWERKSTATT

von Wolfgang Räuschl

Ich wohne an einem der schönsten Plätze der Stadt München, in Thalkirchen, circa 300 Meter neben dem Isarstrand Flaucher. Jedes Jahr freue ich mich auf den Sommer. Wenn es die Zeit erlaubt, gehe ich dann mit Decke, Picknickkorb und Lektüre an die Isar. Das ist für mich Urlaubsfeeling pur! Doch leider wird ein Problem seit Jahren immer schlimmer: der Müll. An manchen Tagen, speziell an den Wochenenden, ist der Müll vom Vorabend so schlimm, dass ich wieder gehen muss. Es geht nicht um die Pfandflaschen, sondern um den Dreck, den die Leute liegen lassen oder einfach in den Büschen entsorgen. Von Pappe bis zu Gläsern und kaputten Klappstühlen plus Sitzpolster ist alles dabei. Und dazu kommen viele Lebensmittelreste, teilweise ganze Steaks, noch original eingeschweißt, einfach so weggeworfen. Das Grillen am Isarstrand ist eine wunderbare Sache und macht auch mir Spaß, aber die Leute lassen danach einfach ihre Kohle und sogar den Grill liegen im Glauben, dass schon jemand kommen und ihren Müll beseitigen wird. Doch bis dahin kommen Ungeziefer und Ratten und lassen sich am Flaucher nieder. Schuld haben auch die Supermärkte. In unmittelbarer Nähe des Flauchers befinden sich drei Discounter, sie starten im Sommer öfter Aktionen, bei denen der Einweggrill keine fünf Euro kostet. Die Leute lassen diese einfach nach dem Grillen liegen. Ich finde, man müsste da gleich ein Pfand einführen, um so vielleicht das Müllproblem ein bisschen einzudämmen. Man könnte auch noch viel weitergehen. In Wien zum Beispiel gibt es die Donauinsel. Sie ist circa 20 Kilometer lang und somit eines der größten Freizeit- und Erholungsgebiete in Europa. Ich habe gelesen und auch immer wieder erzählt bekommen, dass dort mehrmals am Tag die Müllbehälter entleert werden und der Müll fachgerecht entsorgt. Die sogenannte Müllpolizei soll ebenfalls mehrmals täglich mit dem Fahrrad auf Streife gehen und für eine saubere Donauinsel sorgen. Und: Es sind anscheinend auch Studenten oder Pensionäre, die kontrollieren gehen. Dafür gibt es zum Dank angeblich ein Monatsticket für alle öffentlichen Verkehrsmittel gratis von der Stadt Wien. Wenn das stimmt, finde ich es eine tolle Idee. Ich glaube, dass so etwas auch eine gute Lösung für München wäre. Wir leben in einer der schönsten Städte der Welt, und es muss und darf nicht sein, dass wir dieses Privileg mutwillig zerstören. Ich entsorge meinen Müll immer selber, sodass ich – wenn ich wiederkomme – einen schönen Sommertag genießen kann.

1234...67»