BISS-Ausgabe Februar 2026 | Trotz allem

Cover des BISS-Magazins Februar 2026


Inhalt | Kommunalwahl | Im März wird der Stadtrat von München neu gewählt. Wir haben nachgefragt, ob und wie die Kandidaten sparen wollen. | 6 Trotz allem. Wie sieht das Leben als pflegende Eltern aus?| 12 Wo wollen Sie sparen? Die drei OB-Kandidaten geben Auskunft | 20 Bezahlbar wohnen: Genossenschaften und Co. | 5 Wie ich wohne | 24 SCHREIBWERKSTATT BISS-Verkäufer*innen erzählen, was sie bewegt | Rubriken | 3 Editorial | 26 Patenuhren | 27 Freunde und Gönner | 30 Mein Projekt, Impressum | 31 Adressen


Günstig wohnen in München?

Was ist eine Wohnungsgenossenschaft?
Eine Wohnungsgenossenschaft oder Wohnbau-Genossenschaft ist eine Gemeinschaft, die bezahlbare Wohnungen anbietet. Die Genossenschaft will keinen Gewinn machen. Darum bleiben die Mieten lange günstig. Um eine Wohnung zu bekommen, muss man Mitglied der Genossenschaft werden. Man zahlt keine Provision, also Geld, das man für die Vermittlung einer Wohnung bezahlt. Und man zahlt keine Kaution, also Geld, das man am Anfang für die Wohnung abgibt.

York Runte, Foto: Wochinger BISS Wohnungsgenossenschaften

Stattdessen kauft man Anteile an der Genossenschaft. Das ist Geld, das man in die Genossenschaft einzahlt. Damit wird man Mitglied. Das Geld gehört einem weiter und man bekommt es oft zurück, wenn man aus der Genossenschaft austritt. Wenn man eine Wohnung in der Genossenschaft mietet, dann zahlt man eine Nutzungsgebühr, eine Kosten-Miete. Das bedeutet, dass die Mieten nur so hoch sind, wie es für das Haus nötig ist. Mit den Mieten bezahlt die Genossenschaft die Reparaturen am Haus, die Verwaltung und den Kredit für das Haus. Also das Geld, das sie sich für den Kauf oder den Bau des Hauses geliehen hat. Die Genossenschaft will keinen Gewinn machen. Wenn Geld übrig bleibt, dann wird es zum Beispiel genutzt, um Wohnungen zu erneuern und die Angebote für die Mitglieder zu verbessern.

Die Vorteile von einer Genossenschaft sind bezahlbare Mieten und Sicherheit.

Es gibt zurzeit etwa 60 Wohnungs- oder Wohnbau-Genossenschaften in München. Sie bieten insgesamt etwa 45.000 Wohnungen an, in denen etwa 100.000 Menschen wohnen. Das sind nicht viele, denn in München leben etwa 1,6 Millionen Menschen.

Menschen mit wenig Geld können sich aber meist das Geld für die Genossenschaft nicht leisten. Oder sie können auch keine neue Genossenschaft gründen, denn auch dafür braucht man viel Geld und Zeit.

Die Genossenschaften haben in München hohe Grundstücks- und Baupreise.

Deshalb sind auch die Mitgliedsanteile und die Mietkosten höher als an anderen Orten. Bei einer 60-Quadratmeter-Wohnung kann der Mitgliedsanteil etwa 63.000 Euro sein.

Thomas Schimmel sagt: „Unsere alten Wohnungen kosten für Mitglieder etwa 7,40 Euro pro Quadratmeter. Für Neubauten sind es etwa 15 Euro. Das ist nicht mehr ganz so billig. Aber viel weniger als das, was ähnliche Wohnungen auf dem freien Mietmarkt kosten. Eine Bewerbung bei uns ist zurzeit nicht möglich. Wir haben nur wenige Wohnungen und eine sehr lange Warteliste.“

Zum Beispiel selbst organisierte Haus-Gemeinschaften wie das Haus Ligsalz8 im Westend. Zwölf Menschen leben dort in Wohn-Gemeinschaften auf insgesamt etwa 430 Quadratmetern. York Runte lebt dort seit dem Jahr 2008. Er hat die Haus-Gemeinschaft mitgegründet. Er sagt: „Die meisten von uns haben davor schon in Wohn-Gemeinschaften gelebt.

Die Miete kostet bei uns etwa 400 Euro. Das sind etwa 8 Euro kalt pro Quadratmeter.“ Bewohner*innen mit höherem Einkommen zahlen etwas mehr Miete als diejenigen, die weniger Geld haben.

Das Haus gehört der Haus-Gemeinschaft und dem Mietshäuser Syndikat. Das Mietshäuser Syndikat sind viele Haus-Projekte in ganz Deutschland, die sich zusammengetan haben. Das Mietshäuser Syndikat hilft dabei, Häuser gemeinsam zu kaufen und die Mieten niedrig zu halten. Und zu verhindern, dass die Häuser verkauft oder genutzt werden, um viel Geld zu verdienen. Das Besondere am Mietshäuser Syndikat ist, dass nicht nur Banken Geld geben. Sondern auch einzelne Personen und Vereine. Dadurch können auch Menschen mit wenig Geld mit dabei sein und eine Wohnung bekommen.

Lena Radau sagt: „Die Politik muss etwas tun! Damit die Menschen nicht aus ihren Stadtvierteln verdrängt werden, weil sie die Miete nicht mehr zahlen können. Das Wohnen muss gerecht, sicher und für alle bezahlbar sein. Es darf nicht darum gehen, Geld zu machen. Aber auch die Bürger*innen können etwas tun: nämlich sich zusammenschließen, Forderungen an die Politik stellen, sich einmischen.

Original-Text von Max Wochinger

Zusammenfassung in Einfacher Sprache von Verena Reinhard, www.einfachverstehen.de

Wie ich wohne

Protokoll ANNELIESE WELTHER

Foto MARTIN FENGEL

Der Tiefschläfer

Manchmal hört man jemanden nachts weinen, manchmal winselt jemand, weil er Schmerzen hat. Mir macht das nicht so viel aus. Ich bin mit elf Geschwistern aufgewachsen, da musste man beim Fernsehen schnell sein, um einen Platz auf dem Sofa zu ergattern, sonst saß man auf dem Boden. Mit drei von meinen Brüdern teilte ich mir das Bett. Später beim Wehrdienst fiel es mir demnach leicht, in einem Saal mit 18 anderen zu schlafen. Eine Zeitlang habe ich allein gewohnt. Es war schön, etwas nur für sich zu haben, aber ich fühlte mich auch einsam. Hier in der neu gebauten Notschlafstelle im Euro-Industriepark sind wir maximal vier in einem Zimmer, verteilt auf zwei Etagenbetten, darin ist jeweils eine Matratze mit abwaschbarem Kunststoffbezug. Dazu kriegt man wöchentlich ein Laken und eine dünne Decke aus Papiervlies. Weiteres Bettzeug gibt es nicht, und es ist aus hygienischen Gründen auch nicht erlaubt, sich welches mitzubringen. Von Wohnen kann nicht die Rede sein, es ist vielmehr ein Platz, an dem man vor Kälte geschützt sein Haupt niederlegen kann. Zudem hat jeder einen Spind zur Verfügung, ich schließe dort meine Kleider ein. Sonst steht in dem Zimmer nur ein kleiner quadratischer Tisch mit drei Stühlen. Vom Fenster aus blickt man auf die gegenüberliegende Hauswand mit ebensolchen Fenstern und Zimmern. Wegen einer Schlägerei saß ich mal im Gefängnis in Bernau am Chiemsee. Dort war ich immer drinnen oder im Innenhof. Nur wenn ich auf die Krankenstation verlegt wurde, gelangte ich kurz nach draußen auf eine ganz gewöhnliche Straße. Den See habe ich gar nicht zu Gesicht bekommen. In der Notschlafstelle hingegen muss man morgens das Zimmer verlassen. Es gibt die Möglichkeit, sich im Tageszentrum aufzuhalten. Tische und Stühle stehen dort und an einem Ausschank kann man sich Kaffee holen. Oft bin ich da nicht, ich muss ja zur Arbeit. Ein- bis zweimal die Woche ziehe ich Büros um, manchmal auch Privathaushalte. In diesem Job verdiene ich zu wenig, um davon leben zu können, deshalb verkaufe ich zusätzlich die BISS. Ab 17 Uhr kann ich in die Notschlafstelle rein. Wenn man so früh dran ist, muss man allerdings warten, weil viele gleich nach der Arbeit herkommen. Zwei Stunden später ist es besser, aber nicht nach 22 Uhr, dann kriegt man kein Bett mehr, sondern muss sich mit einer Isomatte auf dem Boden eines Ruheraums begnügen. Früher war die Notschlafstelle in der Bayernkaserne. Dort konnte man besser duschen, hier ist mir das Wasser zu kalt und davon dringt auch zu wenig aus dem Brausekopf heraus. Deshalb bevorzuge ich es, für eine Dusche zum Bahnhof oder zur Obdachlosenhilfe von St. Bonifaz zu gehen. Meine Freundin übernachtet draußen, so wie ich es auch lange Zeit getan habe. Manchmal bleibe ich nachts bei ihr, damit sie nicht allein ist. Auf der Straße zu leben heißt, ständig im Stress zu schlafen. Es kann immer sein, dass dir einer eine überbrät oder was stiehlt. Mein großer Wunsch ist es, mit meiner Freundin zusammenzuziehen. Eine kleine Einzimmerwohnung würde uns beiden völlig ausreichen.

Eine besondere Form von Faulheit

EIN TEXT AUS DER SCHREIBWERKSTATT

von Zuheir Takiyan

Befinden sich in unserem Haus vorübergehend Menschen mit besonderer Faulheit? Möglicherweise lebt auch in Ihrem Haushalt eine Person mit dieser Eigenart, von der Sie nicht wissen, was ihr fehlt. Hüten Sie sich davor, diese Faulheit in Ihrem Haus entstehen zu lassen. Damit Sie wissen, was ich meine, möchte ich einige Szenen schildern: Ein junger Mann oder eine junge Frau steht in der Blüte ihres Lebens. Dieser junge Mensch erfreut sich bester Gesundheit. Er lebt im Haushalt seiner Eltern. Er wacht morgens auf und verlässt sein Bett, ohne es zu machen. Mama macht sein Bett. Er wechselt seine Kleidung und lässt sie zum Waschen liegen, in jede Ecke verstreut. Die Mutter ist für das Einsammeln, das Waschen, Bügeln und Aufbewahren im Schrank seines Zimmers verantwortlich. Serviert sie ihm dann das Frühstück zum Verzehr, ermüdet er sich nicht durch das Abwaschen einer Tasse oder eines Tellers noch stellt er sie in die Küche zurück, bevor er zur Schule oder Universität geht. Nach seiner Rückkehr bleibt er lange auf TikTok und Instagram und schaut Filme. Die Mutter bietet ihm Essen an. Er macht eine Essenspause und schaut sich dann weitere Filme an. Er sitzt nicht bei seiner Familie. Er wird wütend, wenn ihm das Essen nicht schmeckt. Wenn ihm im Haus etwas auffällt, das repariert oder ersetzt werden muss, kümmert er sich nicht darum und überlässt es dem Vater. Der junge Mensch benimmt sich, als wäre er ein Gast im Haus.
Er hilft nicht, leistet keinen Beitrag und trägt keine Verantwortung. Er bittet seinen Vater oder seine Mutter um Geld, weil er einen Führerschein machen will. Nachdem die Führerscheinprüfung bestanden ist, bittet der junge Mensch die Eltern, ihm ein Auto zu kaufen. Die Verantwortung bleibt bei Vater und Mutter. Wenn die Kinder heiraten, nehmen sie die Kultur mit, die sie im Elternhaus erworben haben: Es ist in dem geschilderten Fall eine Kultur von Faulheit und mangelnder Verantwortung. Ich habe meinen Kindern schon in jungen Jahren das Arbeiten beigebracht und dass sie für sich selbst verantwortlich und auf sich selbst angewiesen sind. Die Lehre aus der Geschichte ist, dass Eltern ihren Kindern schon früh beibringen sollten, selbstständig zu sein.

München wählt

BISS-Geschäftsführerin Karin Lohr (Foto: Volker Derlath)

Am 8. März findet in München die Kommunalwahl statt, bei der Stadtrat, Oberbürgermeister und die Bezirksausschüsse gewählt werden. In dieser Ausgabe haben wir die drei Oberbürgermeisterkandidaten – der Grünen, der SPD und der CSU – gefragt, wie viel sie sparen wollen und in welchen Bereichen. Besonders interessiert haben uns die Vorhaben der Kandidaten für Sparmaßnahmen im sozialen Bereich. Fragen und Antworten wurden schriftlich übermittelt, das ist nicht so lebendig wie ein persönliches Interview, weist jedoch deutlicher auf die unterschiedlichen Schwerpunkte der zukünftigen Politik hin (siehe Seiten 12 bis 19).
BISS besteht als Sozialunternehmen ja ohne staatliche Zuschüsse. Diese Unabhängigkeit lag den Gründerinnen und Gründern schon damals am Herzen. Auch wenn unsere Arbeit daher nicht unmittelbar von drohenden Kürzungen betroffen ist, wissen wir, wie wichtig es ist, dass Menschen in Not sich beraten und helfen lassen können. Dazu braucht es nach wie vor den möglichst persönlichen und unmittelbaren Zugang der Bürgerinnen und Bürger in eine funktionsfähige öffentliche Verwaltung. Das ist nicht selbstverständlich, denn Schlagworte wie Digitalisierung und Bürokratieabbau finden erst einmal Zustimmung. Wenn das aber in der Praxis bedeutet, dass es einem unserer Verkäufer nur mit Unterstützung von zwei Sozialarbeiterinnen, zwei Mobiltelefonen und einem Desktop gelingt, bei der Agentur für Arbeit, einer Bundesbehörde, seinen Antrag auf Arbeitslosengeld abzugeben, dann ist das grotesk. Ich hoffe sehr, er beschreibt diesen Vorgang noch genau in der Schreibwerkstatt, damit wir das in einer unserer nächsten Ausgaben veröffentlichen können.
Wir werden jedenfalls für die Wahl am 8. März bei den BISS-Verkäuferinnen und -Verkäufern werben, damit sie ebenfalls ihr Wahlrecht wahrnehmen. Das funktioniert erfahrungsgemäß am besten, wenn vorab Muster der unterschiedlichen Stimmzettel aushängen. Wählen darf jede volljährige Person, die die deutsche oder eine andere EU-Staatsangehörigkeit hat und seit mindestens zwei Monaten in München wohnt. Ich bin ganz zuversichtlich, dass die Wahlbeteiligung aller BISSler mindestens so gut sein wird wie der allgemeine Durchschnitt, oder vielleicht sogar darüber?

Herzlichst


Karin Lohr, Geschäftsführerin